The Housemaid - Wenn sie wüsste – Kritik
Eine verbrauchte 40-jährige droht im Erotikthriller The Housemaid von einer jüngeren Version ihrer selbst ersetzt zu werden. Paul Feig inszeniert selbstbewusst mitten im Mainstream einen Film für Erwachsene, bei dem die sexuellen und blutigen Attraktionen zu sehr Mittel zum Zweck bleiben.

Unmittelbar zu Beginn von The Housemaid führt Nina (Amanda Seyfried) Millie (Sydney Sweeney) durch ihre Villa. Erstere sucht ein Hausmädchen, Letztere lebt in ihrem Auto und braucht dringend einen Job. Das Haus sieht innen und außen wie geleckt aus, wie einem Katalog entsprungen. Einzig die tiefen Kratzer neben dem Schloss der Dachkammer, Millies voraussichtlichem Zimmer, passen nicht ganz ins Bild. Es sieht aus, als ob hier jemand versucht hat, die Tür von innen aufzubrechen. Spätestens mit diesem Detail ist klar, was wir natürlich schon längst wissen: dass etwas nicht stimmt, dass die Oberfläche täuscht, dass dieses Haus Abgründe beherbergt.
Reicher Unternehmer mit Luxuskörper

Nina stellt sich alsbald als psychisch labil heraus. Sie manipuliert ihre neue Hilfskraft, schikaniert sie, stellt ihr Fallen. Ninas Freunde schauen auf Millie hinab, die Tochter des Hauses (Indiana Elle) zeigt ihr die kalte Schulter. Zunehmend ist sie isoliert und Ninas Willkür ausgeliefert. Nur von Ninas Mann (Brandon Sklenar), einem reichen Unternehmer mit Luxuskörper und verständigem Lächeln, kann sie etwas Mitgefühl erwarten. Allerdings stellt sich auch sexuelles Verlangen ein, was das Bestehen im Minenfeld der Villa nicht einfacher macht. Millie beißt die Zähne zusammen, die unangenehmen sozialen Situationen schwelen vor sich hin – bis irgendwann alles aus dem Ruder läuft und die schönen Körper diverse Formen nervenaufreibender, unappetitlicher Zerstörung erfahren.
The Housemaid ist ein Erotikthriller, und doch scheint, wie bereits bei seinem Thriller Nur ein kleiner Gefallen, immer wieder durch, dass Regisseur Paul Feig seine ersten Erfolge mit Komödien wie Bridesmaid oder Taffe Mädels feierte. Als Millie nach der Jobzusage erstmals wieder in die Villa zurückkehrt, herrscht endloses Chaos. Alles ist mit Essenresten und Müll überhäuft. Absurd schnell ist das schöne Antlitz der Wohnung und der dort herrschenden Verhältnisse zerstört. Statt Stimmung aufzubauen, geht es dem Film um Pointen. Diese sind nicht auf Schenkelklopfer ausgelegt, aber auf Spaß hin konstruiert, lustvoll feiert der Film abstruse Fesseln und wie diese abgeworfen werden.
Egal wie lecker die Quiche wird

Im Kern geht es um zwei Frauen, die ihr Leben nicht im Griff haben, die in ihren jeweils eigenen Zellen leben, während der Mann mit Charme und Souveränität über ihnen thront. The Housemaid gewinnt daraus zwar eine geschlechtspolitische Perspektive, vor allem aber erzählt der Film eine universelle Geschichte davon, sich ungenügend zu fühlen und den Erwartungen einer glänzenden Wohnung nicht zu genügen. Sydney Sweeneys Hausmädchen putzt, kümmert sich, kocht und nimmt sich zurück, aber egal wie lecker die Quiche wird, die sie in zackigen Montagesequenzen zaubert, egal wie sehr sie den Saustall auf Vordermann bringt, es wird nie genügen.
Während Sweeny wieder einmal ihr gehemmtes, fragiles Schönchen in geballte Durchsetzungskraft morphen darf, um dem ewigen Untergehen etwas entgegen zu setzen, ist Amanda Seyfrieds Schauspiel am besten, wenn sie völlig aufgelöst scheint. Beide Schauspielerinnen sind sichtlich wegen ihrer Ähnlichkeit gecastet, wobei Seyfried wie die ältere, geistig zerstörte Version ihres Hausmädchens Sweeney erscheint. Lange trägt sie den Film mit etwas, das schon einer Hag-Horror-Performance ähnelt. Als verbrauchte, aus der Balance geratene Frau, als 40-jährige alte Vettel in einer von Jugendwahn und glatten Oberflächen bestimmten Welt terrorisiert sie ihr Umfeld. Grell und grotesk lässt sie ihre Figur gegen die Situation ankämpfen, gegen die jüngere, bessere Frau, die sie wohl ersetzen wird.
Warum nicht mehr Lust auf Lust?

Es ist erfrischen, wie wenig familienfreundlich dieser tief im Mainstream stehende Film dabei ist. Statt jedem gefallen zu wollen, wagt er es, auf ein erwachseneres Publikum zu zielen, wagt Sex und Gewalt in Formen, die im Kino zuletzt nur noch in Nischen zu finden waren, wagt mehr Zähne zu zeigen bei der Darstellung der menschlichen Existenz. Nur wäre es schön gewesen, wenn ein solcher Film jemandem in die Hände gefallen wäre, der mehr Lust auf Lust gehabt hätte, der die Dusch- und Sexszenen nicht ganz so generisch inszeniert hätte, für den Sex mehr als nur sich spannende Kleidungsstücke bedeuten, der auch dem Blut, dem Gore, den ausgerissenen Haaren etwas mehr abgewinnen würde. Bei aller Effektivität und Schönheit bleiben solche Exzessbilder vor allem Bausteine einer cleveren Konstruktion. Sicherlich, Leben ist in der Bude, aber es fehlt die letzte Intensität. Die Lust, der Sex, die Gewalt bleiben immer Mittel und damit abstrakt.
Das größte Problem ist, dass der Plot sich zu gerne selbst präsentiert. Immer wieder läuft es auf Twists hinaus, auf Pointen und Offenbarungen, die nur allzu gerne auserzählt werden. Mitten im Film, gerade als die Handlung anfangen sollte, Fahrt aufzunehmen, prescht The Housemaid eben doch nicht los, sondern bremst sich selbst mit langen Ausführungen aus, die uns das bisher Gesehene in neuem Licht zeigen.
Statt der Fantasie des Publikums zu vertrauen, wird ihm alles bis ins kleinste Detail erklärt. Statt den Abgründen des Geschehens zu folgen, bildet der Film sich arg viel auf die eigenen Ideen ein. Statt Erotik gibt es nur die Idee davon. Was ein wenig traurig ist, sind die beiden Hauptdarstellerinnen doch toll und macht der Film doch viel Spaß. Nur macht er Lust auf mehr als er einem bietet.
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