Sentimental Value – Kritik

Überall unterdrückte Gefühle und Vermeidungsstrategien. Joachim Triers Sentimental Value gibt sich viel Mühe, ambivalent und kunstsinnig zu erscheinen, dringt aber selten in die Tiefe seiner Familiengeschichte vor.

Kurz bevor sich der Vorhang für die Premiere hebt, wird die Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) von nackter Panik überwältigt. Wie eine Mischung aus ungezogenem Kind und eingesperrtem Raubtier versucht sie sich hyperventilierend aus der Verantwortung zu stehlen, während aufgescheuchte Kollegen mit vollem Körpereinsatz ihre Fluchtversuche unterbinden. Letztlich ist es eine eingeforderte Ohrfeige ihres informellen Liebhabers Jakob (Anders Danielsen Lie), die sie im letzten Moment dazu bringt, die Bühne zu betreten.

Der hysterische Ausnahmezustand Noras steht gleich am Beginn von Joachim Triers neuem Film und wird zumindest in puncto Expressivität auch der Höhepunkt bleiben. Mehr als für Ausbrüche und Konfrontationen interessiert sich das verschachtelte Familiendrama Sentimental Value für unterdrückte Gefühle und Vermeidungsstrategien. Alle Figuren teilen eine Angst vor menschlicher Nähe; so attestiert es auch besagter, Watschn verteilender Jakob Nora nach einer gemeinsamen Nacht. Als er später seine Frau verlässt, verleitet ihn Noras besorgter Blick dazu, ausdrücklich zu betonen, dass die Trennung rein gar nichts mit ihr zu tun habe.

Das Haus will voller Menschen sein

Zur Wahrheit vordringen, indem man von etwas anderem erzählt, das ist Triers Erzählstrategie. In der Eröffnungsszene tastet die Kamera Noras gutbürgerliches Familienhaus ab, als gäbe es hier mehr zu sehen als Holzbalken und Fenster. Aus dem Off erfahren wir, wie die junge Protagonistin als Schulaufgabe einen Aufsatz aus der Perspektive ihres Zuhauses schrieb. Heraus kam ein allegorisch gebrochener Versuch, den kindlichen Schmerz über die Trennung der Eltern in Worte zu fassen. Das Haus fühlt sich demnach besonders wohl, wenn es voller Menschen ist und auch dann nur, wenn diese zwar lebhaft sind, aber nicht miteinander streiten.

Selbst dem verklausulierten Leid dieses Schulaufsatzes misstraut Nora noch, findet den allseits gelobten Text für ihr Vorsprechen an der Schauspielschule zu sachlich und entscheidet sich stattdessen für einen Monolog aus Tschechows „Möwe“. Persönlich offenbaren können sich die Figuren aus Sentimental Value nur mit den Mitteln der Fiktion. Als der früher meist abwesende Vater – der flatterhaft selbstgefällige Regisseur Gustav (Stellan Skarsgård) – nach dem Tod seiner Ex-Frau auftaucht und Nora bittet, die Hauptrolle in seinem autobiografisch gefärbten Filmprojekt zu übernehmen, lehnt die gekränkte Tochter jedoch entschieden ab.

Nur bedingt produktiv

Offen ausgetragene Konflikte, wie man sie bei einem solchen, auf persönlichen Traumata basierenden Sujet erwarten würde, bleiben in Sentimental Value überwiegend aus. Als Nora von der Ankunft ihres Vaters erfährt, macht sie sich überstürtzt durch den Garten davon. Intimität ist nur über Umwege möchlich. Ihrem Neffen zeigt Nora einmal, wie sie ihre Eltern früher über das Kaminrohr in ihrem Zimmer belauscht hat. Gustav wiederum öffnet sich seiner Tochter nur, wenn er gerade besoffen ist und ihre Mailbox vollmonologisiert. Diese Kommunikationsstörung überträgt Trier in etwas zu demonstrativ lang gehaltene Schwarzblenden, die Szenen und Erzählstränge so isoliert wirken lassen wie die Figuren.

Sentimental Value interessiert sich vor allem für das Angedeutete und Fragmentarische, was sich auch im sonderbaren Einsatz bekannter Pop-Songs (z.B. von Terry Callier und Roxy Music) niederschlägt, die oft schon nach ein paar Sekunden wieder ausgeblendet werden. In der Theorie ist der erzählerische Ansatz schlüssig, in der Praxis erweist er sich allerdings als nur bedingt produktiv. In dekorativ kargen Innenräumen, umhüllt von Hania Ranis sphärisch samtigem Klavier-Score und mit wohltemperierter Emotionalität ausgestattet, verharrt die Handlung beim ewigen Herumlavieren, während der Blick auf die dysfunktionale Familie die meiste Zeit distanziert und äußerlich bleibt.

Eine gewisse Traurigkeit

Weder versucht Trier Noras spezifisches Trauma näher zu erforschen, noch widmet er sich eingehender der besonderen Natur der angespannten Vater-Tochter-Beziehung. Statt tiefer in die Materie vorzudringen, bleibt es bei süffiger Melancholie. Spannender als die beiden Hauptfiguren sind Noras Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), die hinter ihrer bürgerlichen Normalität eine gewisse Traurigkeit durchscheinen lässt, und die US-Schauspielerin Rachel (Elle Fanning), die schließlich statt Renate die Hauptrolle in Gustavs Film übernehmen soll. Der etwas arg ausgewalzt wirkende Erzählsträng läuft freilich lediglich auf die Erkenntnis heraus, dass sich die Konfrontation zwischen Vater und Tochter nicht dauerhaft vermeiden lässt.

Die Umwege, die Sentimental Value einschlägt, sind mitunter mehr darum bemüht, ambivalent und kunstsinnig zu erscheinen, als den Film zu bereichern. Eine Rückblende erzählt etwa von Gustavs Mutter, die als Widerstandskämpferin von den Nazis gefoltert wurde und sich Jahre später das Leben nahm, aber inwiefern sie wichtig für die Handlung oder auch den Film-im-Film ist, bleibt unklar. In einem traumartigen Bild morphen an anderer Stelle die Gesichter der Familienmitglieder unaufhaltsam ineinander und auch der Film deutet mehrmals an, dass es schmerzhafte Parallelen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern gibt, ohne diese jedoch ergründen zu wollen. Als Zuschauer muss man an vieles blind glauben; auch an die Erlösung durch Fiktion. Mit einem allzu bequemen Twist werden schließlich die Leiden der Töchter als bloße Befindlichkeiten vom Tisch gewischt, während der Vater als allwissendes Genie reingewaschen wird.

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