Primate – Kritik

Mal amoklaufendes Raubtier, mal unschuldiges Äffchen. Ein tollwütiger Schimpanse macht in Johannes Roberts’ famosem Horrorfilm Primate einer Gruppe von Freundinnen auf Mädelsurlaub die Hölle heiß.

In Filmen sind die Menschen oft nicht nur schöner als der reale Durchschnittsbürger, sie wohnen auch deutlich extravaganter. Häufig sieht man auf der Leinwand eine modernistische, durchlässige Villenarchitektur, die eingebettet ist in eine atemberaubende Naturkulisse. Auch die Familie im Horrorfilm Primate lebt nicht einfach nur auf Hawaii, sondern zudem völlig abgeschieden auf einer monumentalen Klippe. Da das Haus überwiegend aus Glas konstruiert ist, wirkt es, als würde sie direkt zwischen Felsen und tropischem Urwald wohnen.

Die bauliche Annäherung an die Natur geht sogar noch einen Schritt weiter: Ein höhlenartiger Gang führt zu einer windgeschützten, grottenartigen Terrasse mit einem Infinity Pool, hinter dem ein tiefer Abgrund gähnt. Bedeutend ist diese Bauweise für den Plot von Primate, weil die Protagonistinnen der Natur bald sehr viel näherkommen, als sie es sich wünschen. All die scheinbar transparenten architektonischen Mittel erweisen sich als schickes Blendwerk, das nur die unüberwindbare Trennung zwischen Zivilisation und Wildnis verschleiert.

Die groteske Imitation eines Kindes

Mit seinen beiden 47 Meters Down-Filmen beschwor der englische Regisseur Johannes Roberts bereits existenziellen Horror in vermeintlichen Urlaubsparadiesen. Junge, vergnügungssuchende Frauen fanden sich darin in einem erbitterten Überlebenskampf gegen gefräßige Haie wieder. Auch Primate trägt zunächst recht authentische Züge einer turbulenten Teenie-Komödie. Nach Jahren der Abwesenheit reist die Studentin Lucy (Johnny Sequoyah) mit ihren Freundinnen zu besagter Familienvilla. Die Vorzeichen stehen auf ausgelassenen Mädelsurlaub, im Flugzeug werden gleich mal die Nummern zweier süßer Jungs klargemacht.

Kaum ist die Reisegruppe im Haus angekommen, zeichnet sich außerdem ein Familiendrama ab. Lucy, ihre in Hawaii zurückgelassene junge Schwester Erin (Gia Hunter) und beider berühmter Schriftsteller-Vater (Troy Kotsur) haben erst kürzlich die Mutter an den Krebs verloren. Ein weiteres, inoffizielles Familienmitglied, droht nun den Zusammenhalt der Zurückgebliebenen endgültig zu zerreißen: ein Schimpanse namens Ben. Mit seinem hautengen roten Shirt, den neugierigen Kulleraugen und chaotisch verzottelten Haaren wirkt der Affe wie die groteske Imitation eines Kindes. Die Versuche, das adoptierte Tier in den Familienalltag zu integrieren, wirken ein wenig gezwungen – und scheitern endgültig, als sich Ben mit Tollwut infiziert und völlig freidreht.

Gefangen im Pool, im Bett, im Auto

Der Film bleibt stets nah bei seinen jungen Protagonistinnen, deren erwartungsvolles Lachen sich zu entsetzten Grimassen verformt, bis der Affe schließlich noch weitaus Schlimmeres mit ihren Gesichtern anstellt. Hintergründe, Erklärungen und auch Figurenpsychologie werden in Primate nur angeschnitten. Roberts gelingt es durch seine fesselnde, aufs Wesentliche konzentrierte Inszenierung, die extremen Gefühlszustände von Protagonistinnen und Publikum zu synchronisieren. Der Überlebenskampf wird in die Abfolge mehrerer beklemmender Szenarien übersetzt. Jedes Mal geht es aufs Neue darum, einen denkbar alltäglichen Ort – oder auch: eine zivilisatorische Errungenschaft, die das Leben des Menschen ursprünglich komfortabler machen sollte – in ein tödliches Gefängnis zu verwandeln. Erst ist es der Swimmingpool, später werden unter anderem auch ein Bett und ein Auto zu hinterhältigen Fallen.

Den verschiedenen Situationen gewinnt Roberts immer neue Schattierungen der Ausweglosigkeit ab. Es ist ein ewiges Spiel aus Distanz und Nähe, Sehen und Verstecken, möglicher Flucht und Eingesperrtsein – bis zu jenem Kipppunkt, der in den sicheren Tod führt. Primate zwingt seinen Szenen nichts Äußerliches auf, lässt sich auch nicht zu billigen Täuschungsmanövern hinreißen, die Meisterschaft des Films besteht allein darin, aus frappierend einfachen Versuchsanordnungen – darunter auch filmhistorisch archetypische Settings wie ein Kleiderschrank mit Lamellentüren – mit so wohlüberlegten wie abwechslungsreichen Methoden ein Maximum aus Spannung, Intensität und Spaß herauszuholen.

Die Unsicherheit hinter der Glastür

Mal wird man als Zuschauer mit wackeliger Handkamera und desorientierenden Schärfeverlagerungen ins hektische Geschehen geworfen, mal wird man Zeuge einer unangenehm statischen, in puffiges rotes Licht getauchten „Verführungsszene“, bei der einen angetrunken notgeilen Jungen ein scheußliches Schicksal widerfährt, bevor im Finale kurzzeitig die Perspektive des gehörlosen Vaters eingenommen und Stille zum dramatisch wirkungsvollen Mittel wird. Der Schnitt (Peter Gvozdas) ist dabei stets punktgenau und auch die delirierenden Melodien Adrian Johnstons, die gut in einen italienischen Horrorfilm der 80er passen würden, verfehlen ihre aufpeitschende Wirkung nicht.

Zum Erfolgsrezept von Primate zählt nicht zuletzt sein so sonderbarer wie unberechenbarer Bösewicht. Abwechselnd sehen wir den Primaten mit versteinerter blasser Killerfratze in Untersicht, als sabbernd amoklaufendes Raubtier und als niedliches, plötzlich wieder überraschend klein aussehendes Äffchen mit unschuldigem Blick. Diese ständige Unsicherheit, die nie ganz aus der Welt zu räumende Irritation darüber, ob man es nun mit einem Monster zu tun hat oder ob es da nicht doch noch Reste eines zu bändigenden Haustiers gibt, macht den Film so effektiv. Einmal verschanzen sich die Schwestern vor dem Affen im letzten Augenblick hinter einer Glastür. Für einen Moment sind die beiden ratlos, weil weder klar ist, ob die Tür ausreichend Schutz bietet, noch, wie bedrohlich das Tier überhaupt ist, das sie gerade wieder harmlos durch die Scheibe anblickt.

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