Plainclothes – Kritik

Wohin schauen und wie lange? In der New Yorker Vorstadt der 1990er führt ein verdeckter Ermittler, der auf cruisende Schwule angesetzt wird, selbst ein Doppelleben zwischen Zweifel, Angst und unterdrückter Lust. Leider misstraut Plainclothes der Spannung, die schon allein in diesem Zwiespalt liegt.

Bloß nicht sprechen, lautet die wichtigste Regel für Lucas (Tom Blyth). Irgendwann in den 1990ern in der New Yorker Vorstadt wird die Herrentoilette in einer schmucklosen Mall zum Einsatzort für den jungen Undercover-Cop. Männer, die eher heimlich als offen schwul sind, treffen sich hier für raschen, unverbindlichen Sex. Lucas ist für sie der Köder. Kaum hat er seine Opfer dazu gebracht, sich zu entblößen, lässt sein Kollege die Handschellen klicken. Entscheidend bei diesen Aktionen ist, dass Lucas seine Opfer nur nonverbal teasen darf. Ein zustimmendes Nicken ist für sein Gegenüber Aufforderung genug, die Hose zu öffnen, und zugleich zu uneindeutig, um in den Polizeiakten als Anstiftung verstanden zu werden.

Die Hauptfigur in Carmen Emmis Film Plainclothes redet ohnehin nicht gerne. Lucas bleibt in gesellschaftlichen Situationen meist am sicheren Rand und beobachtet lieber. Immer wieder wechseln die Bilder zum grisseligen VHS-Look einer Überwachungskamera an und machen dadurch Lucas' professionellen, stets das Umfeld scannenden Blick bewusst, für den jede emotionale Regung ein Hindernis ist. Zugleich vermitteln sie den Eindruck, dass Lucas sich selbst ständig unter Beobachtung befindet. Bei seinen verdeckten Ermittlungen muss der Undercover-Cop den Blick lange genug halten, um Interesse zu signalisieren. In der Polizei-Umkleide wiederum wendet er, um nicht verdächtig zu wirken, schnell die Augen vom muskulösen Arsch seines neuen Kollegen ab (der ihn bald ersetzen soll, weil er angeblich attraktiver ist und dadurch die Trefferquote erhöhen würde).

Hinterlist und verbotenes Verlangen

Lucas ist selbst ein ungeouteter Schwuler und jeder seiner hinterlistigen Einsätze ein Verrat an sich selbst. Als er den etwas älteren, geschmeidigen und in sich ruhenden Andrew (Russel Tovey) überführen soll, kommt er jedoch ins Stocken. In der abgeschlossenen Kabine hält er sich zwar ans Redeverbot, gibt aber mit Blicken und Gesten die Erlaubnis, berührt zu werden. Ein eingeklemmter Reißverschluss beendet die Situation abrupt, und Lucas lässt Andrew laufen.

Mit langen Wartezeiten und komplizierten Rückrufaktionen treffen sich die beiden Männer von nun an regelmäßig – und scheitern daran, dass sie keinen Ort für sich haben. Mal versuchen sie, sich in einem opulent verwinkelten Kinopalast näher zu kommen, dann in einem Gewächshaus mit unpassend greller Beleuchtung. Gekonnt reizt Plainclothes dabei die unterschwellige Spannung der Begegnungen aus: Die Scheu, zuviel von sich preiszugeben, die Furcht davor, ertappt zu werden und die erzwungene Zurückhaltung, die das Begehren nur noch stärker anschwellen lässt. Lucas und Andrew haben mit dem Paradox zu kämpfen, wegen ahnungsloser Ehefrauen und neugieriger Nachbarn keinen privaten Rückzugsort zu haben und deshalb ein fragiles Refugium in der Öffentlichkeit zu suchen, dass ihnen zumindest einen flüchtigen Moment an Intimität ermöglicht.

Unsicherheit und Überfrachtung

Verbotenes Verlangen ist mit seinem großen dramatischen Potenzial zurecht ein Evergreen des Kinos. Plainclothes lässt die Auswirkungen von Lucas' Scham dabei immer größere Kreise ziehen; von der inneren Befangenheit über den testosterontriefenden Arbeitsplatz bis zu den Erwartungen der eigenen Familie. Beharrlich wollen Lucas' Verwandte wissen, ob er endlich die Richtige gefunden hat. Später kommen dann auch noch daddy und uncle issues dazu. Vom steinigen Weg, sich und seine Gefühle zu akzeptieren, erzählt der Film mit Zeitsprüngen. Diese entwickeln zwar einen eigenen Flow, stehen aber auch symptomatisch für das Misstrauen, das Emmi seiner Geschichte entgegenbringt:

Wie aus Verlegenheit überfrachtet Plainclothes seine Erzählung immer stärker. Plötzlich geht es nicht mehr um den moralischen Zwiespalt des zweifelnden Cops oder um eine Liebe ohne Zukunft, sondern auch um alte Wunden, gesellschaftliche Erwartungen sowie diverse Familienkonflikte und -geheimnisse. Jedes dieser Sujets wäre einen Film wert. Aber derart geballt, rauben sie sich gegenseitig den nötigen Platz, um sich entfalten zu können. Vieles bleibt nur angeschnitten. Auch wenn Emmi emotionale Schlüsselmomente wirkungsvoll umsetzen kann, fühlen sie sich doch gelegentlich überhastet und unverdient. Als würde Plainclothes von der eigenen erzählerischen Unsicherheit ablenken wollen, setzt er wiederholt auf einen überbordenden Einsatz von Montage und Musik. Ständig fidelt und dudelt es etwas aufdringlich, oder wilde Schnittgewitter treten einen videoclipartigen Bilderfluss los, der seltsam unmotiviert wirkt.

Stark ist der Film dagegen immer dann, wenn Ruhe und Konzentration einkehren und sich die Anziehung zwischen Lucas und Andrew gänzlich entfalten kann. Meist ist es dabei still, oder lediglich ein pochender Herzschlag ist zu hören, während langsame Zooms die Erwartung steigern. Das enge Bildformat eignet sich dabei nicht nur sinnbildlich für die klaustrophobische Situation der sich selbst einsperrenden Männer, sondern intensiviert auch die Intimität zwischen ihnen. Oft braucht der Film nicht mehr als ein paar Close-ups von Tom Blyths unruhigem Gesicht, in das sich Zweifel, Angst und Lust geschrieben haben. In jedem Fall sind solche schlichten Einstellungen wirkungsvoller als die manchmal etwas billigen dramaturgischen Tricks, zu denen sich Plainclothes hinreißen lässt.

Neue Kritiken

Trailer zu „Plainclothes“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.