No Other Choice – Kritik

Der Titel ist Programm in Park Chan-wooks neuem Film: No Other Choice, keine Wahl haben absolut alle Figuren in diesem genuin suizidalen Höllentrip aus Südkorea. Die Frage, was das alles soll, stellt sich durchaus.

„Der Wunsch nach Reichtum reicht noch nicht aus. Nur ein an Besessenheit grenzendes Verlangen, sorgfältige Planung, die Wahl geeigneter Mittel und die eiserne Entschlossenheit, das einmal gewählte Ziel um jeden Preis zu erreichen, führen zum Erfolg“, heißt es in Napoleon Hills 1937 erschienenem Denke nach und werde reich. Das Buch gilt als Vorläufer moderner Ratgeberliteratur, über siebzig Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft.

Die Ausgangslage in No Other Choice als „Wunsch nach Reichtum“ zu bezeichnen, wäre höhnisch. Yoo Man-So, Familienvater, Ehemann, erfolgreicher Manager in der Papier-Industrie, wird nach der Übernahme seiner Firma gekündigt. In Korea heißt das, wie Yoo beteuert: ihm wird der Kopf abgeschnitten. Fortan müssen die Hosen enger geschnallt und die Hunde ausquartiert werden, das Familienidyll – in der Anfangsphase überspitzt kitschig beschworen – bröselt auseinander.

Mit offenen Augen ins offene Messer

Ein Ziel braucht es also gemäß Napoleon Hill, das mit der eisernen Entschlossenheit regelt der Markt. Tatsächlich tut sich schnell eine Möglichkeit auf, eine Stelle für Papier-Experten wird frei; Betonung auf eine, die Konkurrenz ist groß. Was also tun? Klar, besser qualifizierte Mitbewerber (bewusst in der männlichen Form!) hinterrücks den Garaus machen.

Einen grimmigen, zutiefst suizidalen Film hat Park Chan-wook gedreht. Das neoliberale Streben nach dem eigenen Erfolg wird mittels Übertreibung als Höllenfahrt stilisiert, Hauptfigur Yoo stolpert – in kaum einem Film der letzten Jahre dürfte es so viele Stürze beim Laufen geben – mit offenen Augen ins offene Messer. Viel mehr Optionen scheint es in dieser Welt nicht zu geben, „No other choice, no other choice“ murmelt Yoo in besonders grenzüberschreitenden Momenten in sich hinein.

Jeder für sich und Gott gegen alle

Dass es keine andere Wahl gibt, stimmt objektiv nicht. Die auszuschaltenden Konkurrenten sind keine namenlosen Gesichter. Ihren Alltagssituationen räumt No Other Choice ausreichend Platz ein, um deutlich zu machen, dass Yoo letztlich auf sich selbst schießt, dass er seine eigenen Spiegelbilder aus dem Weg räumt und im Garten verscharrt. Wie er sind seine Ziele arbeitslose Väter und Ehemänner, wie er sind sie verzweifelt. Nicht nur einmal tut sich im Gesicht Lee Byung-huns, der Yoo aberwitzig verkörpert, ein Fenster auf für Solidarität, für den gemeinsamen Kampf gegen die Umstände,. Aber dann zuckt es doch nur kurz und er greift zur Waffe – No other choice.

Insbesondere im Spiel Lees wird das Ausmaß des Übels, das in jeder Fuge von No Other Choice haust, deutlich. Teils wirkt die Hauptfigur wie aus einem Slapstick-Film der 40er entliehen, hysterisch überdreht kullert der arme Tropf durch eine Welt, die ihm feindlich gegenübersteht. Dann wieder wird es bierernst, Tragik und Komik sind Kehrseiten derselben Medaille. Keine Figur ist selbstbestimmt, das Wort „choice“: ein Wort, mehr nicht.

Naheliegende Vergleiche zu südkoreanischen Verwandten wie Parasite oder Squid Game wurden bereits anderswo gezogen. Park Chan-Wooks Film ist noch brutaler, noch hoffnungsloser. Außerhalb der Kernfamilie gibt es keinerlei menschliche Bindungen. Und innerfamiliär wiederholen sich die Konkurrenz-Mechanismen des Arbeitsmarktes: Die Ehefrau droht mit dem Zahnarzt durchzubrennen, vielleicht ist er besser qualifiziert.

Mit möglichst viel Pfeffer

Ausweglosigkeit und vorgefertigte Bahnen auch in der visuellen Form: Parks Film ist in höchstem Maße durchkomponiert – die eigenwilligen Perspektiven, die aufwändigen Plan- oder Montagesequenzen sind virtuos inszeniert, zuweilen grenzen sie an Angeberei. Wie schon Parks Oldboy oder Die Frau im Nebel erinnert auch sein Neuer an antike Tragödien. Alles dient dem übergeordneten Plan, was passiert, muss passieren. Am Ende: die Katharsis, mit möglichst viel Pfeffer serviert. Keine andere Wahl, das könnte der Titel vieler Filme dieses Regisseurs sein.

Nun ist No Other Choice kein Film, der groß zum Nachdenken anregt. Kaum etwas irritiert wirklich, es gibt keine Leerstellen. Sonderlich tief geht der Film nicht, vielmehr möchte er etwas spürbar machen. In der artifiziell aufgeplusterten Karikaturwelt, die der Film entwirft, bekommt er selbst etwas Produktförmiges. Bei aller Rafinesse innerhalb einzelner Einstellungen bleibt No Other Choice in seinem strengen narrativen Korsett luftdicht, fast klinisch. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, passt es doch zum Sujet des Films, zum Tunnelblick seiner Figur.

Wozu das alles? Der Film selbst gibt auf diese Frage ganz zum Schluss eine perfide Antwort. Yoo, der sein Ziel erreicht hat, weicht in der neuen Fabrik riesigen Maschinen aus, die überdimensionierte Papierrollen von A nach B bringen. Der Mensch ist überflüssig geworden in seiner Branche, er überwacht nur mehr, dass die Maschinen laufen. Dafür aber gibt es ein Gehalt, mit Job ist man wieder wer. Yoo jubelt – natürlich allein.

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