Die jüngste Tochter – Kritik

Fatima beobachtet viel und schweigt viel. Hafsia Herzi verfilmt und verdichtet in Die jüngste Tochter gekonnt einen Roman über das lesbische Begehren einer jungen Frau, die in der Banlieu aufgewachsen ist.

Fatima lebt in der Banlieue. Sie ist siebzehn, ihre Familie kommt aus Algerien. Sie ist Muslimin, ist gut in der Schule, ist anders als ihre beiden größeren Schwestern, die ganz zuhause sind in der heimischen Küche, in der die Mutter regiert. Fatima kommt in die Küche und isst, was gekocht worden ist. Fatima kocht nicht. Fatima trägt die Haare zusammengebunden, gerne unter einer Basecap versteckt, Kleidung in der Wahrnehmung ihrer Umgebung unfeminin. Fatima spielt Fußball, allein für sich auf dem Sportplatz, Fatima folgt den Ritualen ihrer Religion, nimmt die rituellen Waschungen vor. Fatima hat Asthma, muss Pillen nehmen, hat das Spray immer dabei, besucht eine von ihrem Arzt angeleitete Gruppe, in der ein entspannter Umgang mit der Krankheit, die den Atem nimmt, eingeübt wird.

Im Raum ein weiterer Raum

Fatima ist eine Figur, die aus einem viel beachteten und übersetzten Roman stammt, „Die jüngste Tochter“, “La petite dernière”, von Fatima Daas, 1995 geboren. Der Name der Autorin ist ein Pseudonym, das Ich des Romans ist mit der Autorin einerseits autobiografisch identifiziert, andererseits in die Fiktion des anderen Namens verschoben. Die Fatima des Romans sagt laut und stark und oft und selbstbewusst von Anfang an Ich. Das Buch ist nicht lang, die Kapitel sind kurz, die Sätze auch, jeder Abschnitt beginnt fast litaneiartig mit „Mein Name ist Fatima“ oder „Mein Name ist Fatima Daas“. Wiederholungen, Variationen, Fragmente des Lebens, nicht linear, Erinnerungen, die angestürzt kommen, im Roman rundet sich nichts. Die Fatima des Romans spielt nicht Fußball, ein Leitmotiv ihres Lebens und des Erzählens davon ist das ständige, das auf die Dauer unendlich ermüdende Pendeln in Bus und RER aus Clichy-sous-Bois, dem Vorort, in dem Araber dominieren, hinein in die Stadt.

Die Fatima des Romans ist nicht die Fatima des Films, der den Titel des Romans trägt. Hafsia Herzi hat die Figur genommen und Nadia Melliti gefunden, eine junge Frau, die keine Schauspielerin ist (oder war), die an der Sorbonne Sport studiert; und mit ihrem Debüt nun den Preis als beste Darstellerin in Cannes gewann, wo der Film im Wettbewerb lief. Die jüngste Tochter ist enorm auf Nadia Melliti, ihren Körper, ihr Gesicht, ihre eng kadrierte Präsenz im Bild konzentriert. Wo der Roman ganz Stimme ist, die in ihrer Unverkennbarkeit tendenziell alle Anschauung des Geschilderten dominiert, wo die Kürze der Sätze eher ins Apodiktische als ins Offene führt, macht der Film das, worauf sich Hafsia Herzi als Regisseurin (die selbst eine mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin und mit den Filmen von Abdellatif Kechiche bekannt geworden ist), am besten versteht: Er schafft einen Raum für die Figur und ihre Darstellerin und ihren Körper in diesem Raum einen weiteren Raum der dichtesten Konzentration auf Mellitis Mienenspiel und ihr Gesicht.

Minimalistisch bewegtes Gesicht

Das war im Debüt so, in Tu mérites un amour (2019), da war sie selbst die Lila auf der Suche nach einem Mann, der für sie der richtige ist. In Bonne mère (2021) gab es Nora, die Haushälterin, die Mutter, die für ihren Sohn im Knast kämpft, gespielt von Halima Benhamed, auch eine Laiendarstellerin. Hier wird das Bild öfter geweitet, in Szenen, die es seltener, aber dann immer toll auch in den anderen Filmen gibt: junge Frauen, aber auch Jungs, shooting the shit. Gequatsche über Sex, die ganz kleinen Dinge, auch die ganz großen, in Bonne mère eine grandiose Szene, minutenlanges, vermutlich halb improvisiertes Gerede, irgendwo draußen, irgendwo auch weggeräumt aus den diegetischen Zwängen irgendeiner Geschichte. Auch in Die jüngste Tochter ist für so etwas Platz, am Anfang, in der Schule, wo es dann aber schnell darum geht, dass Fatima die Behauptung, sie sei eine Lesbe, nicht auf sich sitzen lassen will oder kann.

Hafsia Herzi hat, wie in allen ihrer Filme, auch das Drehbuch geschrieben (in La cour, 2021, einem Fernsehfilm, gab es zwei Mitstreiterinnen). Sie hat nicht die leisesten Anstalten gemacht, die Stimme Fatimas aus dem Roman in den Film zu holen. Ihre Fatima, ganz athletischer Körper, ganz konturiertes, aber mimisch eher minimalistisch bewegtes Gesicht, ihre Fatima beobachtet viel und schweigt viel, sitzt viel und schweigt viel, der Film spielt sich, auch wenn er Szenen und natürlich Motive des Romans aufnimmt, mit dieser Fatima von seiner Vorlage sehr selbstbewusst frei. Die Fatima-Stimme des Buchs hat sich zu Beginn schon gefunden, der Film erzählt dagegen chronologisch linear, wie Fatima lernt, zu ihrer von der Religion verbotenen Liebe zu Frauen zu stehen: in einem Date nach dem anderen.

Kino der engen Kadrage

Manchmal komisch, etwa die Szene einer rein verbalen Inititation in Sachen Sex, wieder irgendwo draußen, mit einer deutlich älteren, sehr erfahrenen Frau, die ihr erklärt, was die Zunge so alles kann außer reden. Aber auch ernst und romantisch und beinahe tragisch in der Figur der Ji-Na (Park Ji-min), die Fatima als Helferin beim Asthma-Training kennenlernt, bevor sie sich dann anders begegnen. Diese Beziehung ist aus dem Verhältnis der Ich-Fatima des Romans zu einer Frau, die dort Nina Gonzalez heißt, in die Welt des Films verschoben, verdichtet. Den im Roman brutal autoritären Vater hat Herzi zu einem passiven Couchsitzer deutlich entschärft. Das Gespräch mit einem Imam - Fatima sucht Rat “für eine Freundin” in Sachen lesbischer Liebe - gab es im Roman. In beiden Fällen ist das Verdikt des Verbots klar (auch wenn sich über die einschlägigen Stellen im Koran streiten lässt), das Auftreten der Religion aber nicht autoritär.

Wie Herzi überhaupt, hier und in den anderen Filmen, zum Unterspielen der dramatischen Verwicklungen neigt. In einzelnen Szenen kann schon mal was eskalieren, aber einer knotenschürzenden Aktlogik unterwirft sich das am Ende grundsätzlich nicht. Es geht, konkret wie metaphorisch, nicht um die Totale, auch wenn es die gibt, im Kern ist es aber ein Kino der engen Kadrage, die Körper, Mienen, Stimmungen und Atmosphären verdichtet. Und in dieser Verdichtungen Freiräume sucht und, mehr noch, lässt: Das ist eindrucksvoll, wenn sie, wie in ihrem Debüt, sich als ständig präsente Darstellerin selbst auf die Suche nach der Wahrheit jeder einzelnen Szene begibt. Noch beeindruckender aber ist es, wie sie ihre nicht-virtuosen Laiendarstellerinnen dabei führt - und nicht führt, ihnen vielmehr die Sicherheit gibt, sich selbst in die Suche nach dem Variieren des eigenen Selbst in der dargestellten und angeeigneten Figur hineinzuvertrauen.

Neue Kritiken

Trailer zu „Die jüngste Tochter“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.