Knives Out 3: Wake Up Dead Man – Kritik
Neu auf Netflix: Auch im dritten Teil der Knives-Out-Serie um den Meisterdetektiv Benoit Blanc gibt es wieder zahlreiche Leichen und einen ausufernden Cast in Starbesetzung. Dennoch ist Wake Up Dead Man konzentrierter als seine Vorgänger und setzt weniger auf grelle Satire als auf entspannte Ironie.

Was bleibt zurück, wenn ein Kruzifix von einer Kirchenwand gerissen wird? Ein kreuzförmiger, heller Fleck an der Wand. Kein solides, die Jesusfigur tragendes Kreuz mehr, aber auch nicht kein Kreuz – ein Phantomkreuz, ein Zombiekreuz, um das herum sich in Wake Up Dead Man eine Phantomgemeinde, eine Zombiegemeinde formiert.
Wir lernen diese Zombiegemeinde im ersten Teil des Films kennen, noch bevor Wake Up Dead Man sich als das zu erkennen gibt, was der Film natürlich gleichwohl von Anfang an ist: als Murder Mystery. Die Kirche mit dem Kreuz, das kein Kreuz mehr ist, das vielmehr die Abwesenheit eines echten Kreuzes anzeigt, steht im ländlichen Upstate New York, umgeben ist sie von hoch in den Himmel schießenden Wäldern, frequentiert wird sie von einem Häuflein gründlich verlorener Seelen, darunter ein Arzt, der die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet, ein Science-Fiction-Autor, der den Draht zu seinem Publikum verloren hat, eine Cellistin, die aufgrund einer unheilbaren Krankheit ihre Karriere als Berufsmusikerin aufgeben musste. Sie alle hängen, wenn sie die Kirche mit dem Kreuz, das kein Kreuz mehr ist, besuchen, an den Lippen von Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin), Schweinepriester der Zombiegemeinde.
Ein toter Donnergott im abgeschlossenen Kämmerlein

Der Blick, den der Film auf Wicks wirft, ist der seines neuen Assistenten Jud Duplenticy (Josh O'Connor), eines jungen, idealistischen Priesters, der in der Gemeinde Gebetskreise auf Augenhöhe mit den Gläubigen etablieren möchte. Wicks hingegen thront während seiner Predigten hoch über seinen Schäfchen, auf einer hölzernen Kanzel, die das letzte ist, was hier von der ornamentalen Seite des Katholizismus überlebt hat – in dieser Kirche, die nicht nur ihr Kruzifix verloren hat, sondern die insgesamt einen ziemlich kargen, freudlos-unbarmherzig-protestantischen Eindruck macht. Wicks, merkt man schnell, ist diese Strenge ganz recht. Als imposanter, alttestamentarischer Rauschebart und Donnergott ist er selbst das einzige Ornament, das seine Kirche braucht, wenn er seine Hasspredigten auf die Gemeinde herunterregnen lässt. Wicks wettert gegen die Unmoral der modernen Welt im Allgemeinen, aber auch gegen diverse gesellschaftliche Außenseiter im Besonderen – bis er urplötzlich, ausgerechnet an Karfreitag, während er die Messe zelebriert, in seiner eigenen Kirche kollabiert. Als die Gemeinde zu ihm eilt, steckt ein Messer in seinem Rücken. Und neben ihm kniet Jud Duplenticy, der Assistent.
Nicht nur mit einer Murder Mystery haben wir es im Folgenden zu tun, erklärt uns Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) kurz nach seinem Eintreffen in der Kirche, sondern mit der Königsdisziplin des Genres: einer Locked-Room Mystery. Denn Wicks starb nicht auf der Kanzel beziehungsweise vor den Augen der Gemeinde, sondern während einer kurzen Verschnaufpause, in einem kleinen, von schnöden Steinwänden umfassten Nebenraum, den niemand ungesehen betreten oder verlassen hätte können. Benoit Blanc ist ganz in seinem Element: denn nicht nur Gott, auch die Vernunft offenbart sich mit Vorliebe auf verschlungenen Wegen.
Die folgende Detektivgeschichte ist, wie schon in den beiden vorherigen Knives-Out-Filmen, mit diversen Fallstricken und doppelten Böden angereichert, im freilich nicht allzu rasanten Zehnminutentakt werfen neue Indizien diese und jene Annahme über den Haufen, wird eine Leiche nach der anderen aus dem Keller geholt, rücken die Gemeindemitglieder der Reihe nach in den Fokus der Ermittlung. Schnell wird klar, dass es diesmal nicht nur um Schuld und Sühne gehen wird, sondern auch und vielleicht vor allem um Erlösung.
Näher an Disneyland als am Louvre

Dieses dritte Benoit-Blanc-Abenteuer, das wie nebenbei die Ostergeschichte neu erfindet, ist konzentrierter und klaustrophobischer als seine Vorgänger. Über weite Strecken entfaltet sich Wake Up Dead Man als Zwiegespräch zwischen Jud Duplenticy und Benoit Blanc. Der Mann des Glaubens und der Mann der Vernunft, so wird bald klar, müssen zueinander finden, um wieder zu kitten, was Wicks, ein Mann fern von Glauben wie Vernunft, zerstört hat. Der restliche Teil des Casts verkommt tendenziell zur Staffage – schade ist es vor allem um Kerry Washington als wunderbar überkontrollierte Anwältin mit Pressholzstimme und um Glenn Close als gelegentlich enthemmt in den Film hineinkreischende Extrem-Christin.
Dennoch ist Wake Up Dead Man der bislang beste Knives-Out-Film. Dem Krimiplot fehlt es hier und da immer noch ein wenig an Geschmeidigkeit, aber das Agatha-Christie-Fundament ist diesmal deutlich solider, weil sowohl der Schauplatz als auch das Personal übersichtlicher sind und sowohl Regisseur Rian Johnson als auch der diesmal deutlich entspannter wirkende Craig ihre barockeren Instinkte zügeln. Vor allem jedoch setzt Johnson nicht wie in den Vorgängern auf grelle Satire (ein paar Seitenhiebe in Richtung Trump gibt's freilich schon), sondern auf sanfte Ironie – und auf ein gleichermaßen liebevolles wie lustvolles Spiel mit christlicher Ikonographie. Die Version des Christentums, von der der Film erzählt, ist, heißt es an einer Stelle, näher an Disneyland als am Louvre. Für eine Kirche, die Anschluss an die Popkultur sucht, ist das unbedingt ein gutes Zeichen.
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