Madame Kika – Kritik
Nach dem Tod ihres Partners findet eine Sozialarbeiterin in der BDSM-Sexarbeit unerwarteten Halt. Madame Kika erzählt nüchtern und einfühlsam von modernen Arbeitswelten und vom Kampf, der eigenen Trauer Raum zu geben.

„Die Prostitution ist an sich eine Gewalt“, sagte die Frauenrechtsministerin Laurence Rossignol, als im April 2016 eine neue Richtlinie zum Legalitätsstatus der Sexarbeit in Frankreich verabschiedet wurde. Seither ist dort das Angebot sexueller Dienste gegen Bezahlung zwar legal, der Erwerb jedoch – anders als hierzulande – eine Straftat. Madame Kika (das „Madame“ im deutschen Verleihtitel wurde vermutlich angefügt, um Bernd-das-Brot-Fans vor Enttäuschung zu bewahren) widerspricht Rossignols Aussage vehement. Überhaupt entzieht sich der Film all den moralischen Verwirrungen und Verirrungen, die der sogenannten „Prostitutionsdebatte“ üblicherweise anhängen.
Aber von vorn, denn zunächst ist da keine Spur von Sexarbeit in Alexe Poukines Spielfilmdebüt. Hastig stellt Madame Kika seine Versuchsanordnung her: Da ist eine Frau (Kika, gespielt von Manon Clavel), die als Sozialarbeiterin tätig ist. Ehemann, Kinder, Alltag. Sie lernt einen anderen Mann kennen, Schnitt, die beiden verlieben sich, Schnitt, Kika trennt sich von ihrem Mann, Schnitt, ihr neuer Partner stirbt plötzlich. Kika: bereits von ihm schwanger.
Fortan, nicht weniger rastlos, steht die Gegenwartsbewältigung im Fokus des Films. Geweint wird nicht um den guten Mann, stattdessen werden diszipliniert die Essensreste von der Trauerfeier in Frischhaltefolie verpackt. Denn fortan gibt es ein Problem: als Sozialarbeiterin verdient Kika wenig Geld, die Wohnung ist für sie allein nicht mehr leistbar. Sie könne eine Niere verkaufen oder Drogen, teilt sie einer Kollegin lakonisch mit. Tatsächlich aber verhökert sie einen getragenen Slip, Schnitt, begibt sich in die Sexarbeit – als Domina, das heißt ohne Anfassen. Stattdessen lässt sie sich die Stiefel lecken und erniedrigt die Männer durch verbale Beleidigung. „Danke für Ihre Liebenswürdigkeit, das war toll“, lautet das Feedback eines Kunden. Kika: um ein paar Fünfziger reicher.
„His momma died, I asked him why he going back to work so soon? / His first reply was: Son, that's life, and bills got no silver spoon.“ (Kendrick Lamar)

Psychologisiert wird hier (vorerst) nicht. Die Sexarbeit, Betonung auf „Arbeit“, ist in Madame Kika Mittel zum Zweck – eine Möglichkeit, sich materiell irgendwie durchzuschlagen. Moralische Debatten klammert der Film dabei rigoros aus. Gestresst, aber weitestgehend unbeirrt, klappert die Hauptfigur die Aufgaben ab, die zu erledigen sind. Einem Freier den gewünschten Dienst erweisen, in einem Fischgeschäft aushelfen, zuhause Laken wechseln – Kika verbleibt dabei stets im Modus des Besorgens, nur ab und zu lässt das fein justierte Spiel Manon Clavels so etwas wie eine Emotion vermuten, die dann irgendwo zwischen Belustigung und Unglauben angesichts ihrer neuen Lebensrealität liegt.
Natürlich steckt gerade in der Tatsache, dass sich Regisseurin Poukine naheliegenden (und im Rahmen dieses Themas gern forcierten) Debatten entzieht, ein Politikum. Erneut: Laut einer gewissen Sichtweise sind alle Männer, die Kika bei ihrer Arbeit empfängt, Straftäter. In Madame Kika werden uns jedoch fast ausschließlich Kunden gezeigt, die Kika nach Transaktionsende Hundefotos auf dem Handy zeigen oder die von ihren (mal mehr, mal weniger freudianisch anmutenden) Traumata erzählen. Dass der Film hier einen Bogen zwischen Sozialarbeit und Sexarbeit schlägt, ist eindeutig – lange bevor es in einem raren thesenhaften Moment auch explizit ausgesprochen wird.
Über ein Gros seiner Laufzeit aber bleibt Kika ein von Nüchternheit geprägter Film. Anders als viele namhafte Werke der Filmgeschichte mit Sexarbeits-Bezug (man denke an Belle de Jour, Pretty Woman oder zuletzt Anora), verzichtet Alexe Poukine auf große Bilder, überbordende Filmmusik oder sonderlich skandalträchtige Szenen. Stattdessen bewegt sich der Film stilistisch nah an einer – etwas schubladig formuliert – Sozialdrama-Machart, wie sie im Gegenwartskino spätestens seit den Gebrüdern Dardenne Einzug gehalten hat. Es mag Zufall sein, dass Boris Lojkines (empfehlenswerter) Film Souleymanes Geschichte nur wenige Wochen später den Weg auf deutsche Kinoleinwände findet, dennoch drängt sich ein Double-Feature zum Thema moderner Arbeitswelten fast auf: Wie der Essenskurier Souleymane empfängt auch Kika ihre Aufträge primär per App. Derartige strukturell-ökonomische Fragen lassen sich in Poukines Film fast beiläufig nieder, das Wartezimmer im Sozialamt platzt aus allen Nähten.
„Everybody grieves different / I grieve different“ (Kendrick Lamar)

Zum Trauern bleibt Kika die Zeit nicht, zum Trauern bleibt Kika das Geld nicht. Wenngleich man nach zwei Dritteln des Films durchaus vergessen haben kann, dass zu Beginn eigentlich ein Todesfall stand, ist Madame Kika nicht nur ein Film über Sex- bzw. Lohn-, sondern auch über Trauerarbeit. Hinter Kikas stoischer Mimik, die zuweilen irritieren, gar als Gefühlskälte ausgelegt werden kann, wird das Trauern um eine geliebte Person als eine Tätigkeit sichtbar, die man sich leisten können muss. Zunächst steht für die Hauptfigur die eigene Existenzsicherung – und die ihrer Tochter – ganz im Vordergrund, aber mit fortlaufender Dauer des Films gelangt Kika dann in etwas abgesicherte Gefilde. Anders als etwa in Yorgos Lanthimos’ disneygeschwängertem Poor Things geht mit der Sexarbeit in Madame Kika weder eine klar als feministisch markierte Selbstermächtigung, noch eine Identitätsfindung einher. Nach und nach verschafft sich Kika jedoch Platz: im wortwörtlichen Sinne durch das Finden einer neuen Wohnung, vor allem aber gedanklichen und emotionalen Platz für das Verarbeiten ihrer Trauer. Die Katharsis wird kommen – und dann so richtig.
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