Hamnet – Kritik
Chloé Zhao erkundet in Hamnet die tragischen Hintergründe von Shakespeares „Hamlet“. Dem Schmerz des Verlustes ringt sie teils berückend intime Bilder ab, überschätzt dabei aber die heilende Kraft der Kunst.

Ein dunkler Abgrund lauert inmitten des wildwuchernden englischen Waldstücks. Ein Schlund, der weit aufgerissen die lebenssatte Natur ringsum zu verschlingen droht – und um den sich diese Natur dennoch schart. Dieser Wald und die Höhle in seinem Zentrum sind die Sphäre von Agnes (Jessie Buckley), immer wieder zieht es die junge Frau aus dem ländlichen Stratford hierhin. Die Vorgänge innerhalb der Natur scheint Agnes unmittelbar körperlich zu erspüren, sie weiß um die heilende Wirkung verschiedener Pflanzen und erahnt frühzeitig das Heraufziehen von Regen und Sturm. Dass sie deshalb von der restlichen Bevölkerung des Städtchens mit Argwohn betrachtet wird, stört sie nicht groß. Sie ist der menschlichen Welt nicht ganz zugehörig – und hat dadurch vielleicht einen genaueren Blick auf die nährenden und die zerstörerischen Kräfte, die diese Welt formen.
Innig sind Leben und Sterben miteinander verwoben
Zu Beginn von Chloé Zhaos Hamnet trifft Agnes einen jungen Mann, der ebenfalls eine Außenseiterposition in dem Städtchen einnimmt. Anders als von der Dorfgemeinschaft erwartet, zeigt Will (Paul Mescal) weder Lust noch Eignung für die Übernahme der väterlichen Schusterwerkstatt und sieht sein Talent stattdessen im literarischen Schreiben. Auf sensible Art zeigt Zhao, wie sich ein zerbrechliches Einverständnis zwischen diesen beiden Menschen einstellt und wie sie ein Leben miteinander aufbauen. Doch wie Agnes zieht es auch Zhaos Film immer wieder fort von der häuslichen Beschaulichkeit: Visuell am eindrücklichsten sind jene Sequenzen, die sich den offenen Rhythmen der Natur hingeben, in denen sich impressionistische Nahaufnahmen elliptisch aneinanderreihen und das wortlose Erleben der Figuren im Mittelpunkt steht. Nur an wenigen Stellen droht Hamnet ins Mystische zu kippen, etwa wenn Agnes ein scheinbar totes Neugeborenes auf fast magische Art wieder zum Leben erweckt. In den meisten Fällen vermeidet Zhao derartige Überzeichnungen und stellt Agnes’ Naturverbundenheit nicht als esoterische Einsicht in ein verborgenes Wissen dar, sondern als ein nüchternes Verständnis für die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens.

Der Tod ist in Hamnet auch in unbeschwerten Alltagsszenen ein ständiger, spürbarer Begleiter. Die Katastrophe tritt schließlich ein: Agnes’ und Wills elfjähriger Sohn Hamnet fällt der Pest zum Opfer, er stirbt nach leidvollen Stunden in Agnes’ Armen. Will eilt zwar nach Ausbruch der Krankheit aus London herbei, trifft aber erst in Stratford ein, als Hamnet schon tot ist. Dieser Verlust bildet das Zentrum des Films. Die Trauer bricht sich in Jessie Buckleys und Paul Mescals Schauspiel auf rohe und körperliche Weise Bahn. Mescal sackt innerlich zusammen, sein Körper verliert jede Anspannung und jeden Anschein von Stabilität. Buckley hingegen lässt Agnes’ inneres Leid ganz unmittelbar als mächtige Erschütterung sichtbar werden, die ihre Gesichtszüge und ihren gesamten Körper erfasst.
Doch trotz der emotionalen Intensität dieser Szenen wird der Film ungleich interessanter, wenn nicht mehr die unmittelbaren Gefühlsausbrüche im Zentrum stehen, sondern die schwerer greifbaren Verheerungen, die der Verlust nach sich zieht. „Du warst nicht da“ hält Agnes Will immer wieder vor Augen. Die Worte mögen wie ein Vorwurf klingen, aber im Grunde benennen sie schlicht eine Tatsache: Er hat nicht miterleben müssen, wie ihr Kind qualvoll verendet ist – sie schon. Und diese Diskrepanz der Erfahrung, dieses Ungleichgewicht öffnet eine Kluft zwischen den Eheleuten, von der beide nicht zu wissen scheinen, wie sie je wieder zu überbrücken wäre. Zhaos Film hat hier etwas sehr Leises und Intimes: Es geht um zwei Menschen, die angesichts einer äußeren Erschütterung um ihre Beziehung kämpfen. Trauer muss nicht nur emotional, sondern praktisch und lebensweltlich verarbeitet werden.
Eine Trauer, die auch die schönsten Verse nicht bannen können

Dieser intimen Perspektive steht der Umstand entgegen, dass Will nicht einfach nur irgendein Handwerkersohn ist, sondern William Shakespeare. Tatsächlich behandelt Hamnet die epochale Prominenz einer seiner Hauptfiguren in den ersten zwei Dritteln seiner Laufzeit mit einer angenehmen Beiläufigkeit: Der Name „Shakespeare“ wird zunächst nicht genannt und Wills Schreib- und Theaterarbeit erscheint vor allem als eben das: eine Arbeit, deren Zweck die Existenzsicherung für sich und seine Familie ist. Wenn einmal ein paar bekannte Zeilen aus seinen Stücken zu hören sind, dann nicht als pathetische Verweise auf eine zukünftige Bedeutsamkeit, sondern als selbstverständliches Einfließen von Wills Arbeit in sein Privatleben.
Leider streift Hamnet diese Zurückhaltung irgendwann ab: Gegen Ende rücken Shakespeares Worte mehr und mehr in den Vordergrund, zunehmend beharrt der Film auf einer direkten Korrespondenz zwischen dem literarischen Werk und dem Leben seines Autors. Das ist weniger ein literaturtheoretisches, sondern vor allem ein dramaturgisches Problem, wenn der zuvor so sensibel gezeichnete Konflikt zwischen Agnes und Will schließlich auf eine kathartische Aufführung von „Hamlet“ zuläuft. Die Unordnung menschlicher Beziehungen erhält eine allzu glatte symbolische Form, die emotionale Emphase – die Tränen, die streichergesättigte Max-Richter-Musik – verkommt zur bloßen Geste. Hamnet überschätzt die Kraft der Kunst: Manche Schicksalsschläge sind so verheerend und manche zwischenmenschlichen Dynamiken so komplex, dass sie sich auch durch die schönsten Pentameter-Verse nicht einfach aus der Welt schaffen lassen.
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