Filmfest Hamburg 2013: Sehtagebuch (1)
Ein paar Tage, ein paar Filme. Notizen vom Festival.
How To Disappear Completely (Regie: Raya Martin; Philippinen 2013)

Es ist kein echtes Fieber, das mich an meinem ersten Tag in Hamburg plagt, höchstens eine ordentliche Erkältung. Bei einem Film von Raya Martin ist das fast schade, vielleicht entfaltet sich die bewusstseinserweiternde Wirkung seines Werks vollends erst im Wahn. Vielleicht würden mich die dröhnenden Elektrobeats einiger Sequenzen dann endgültig in irgendein Nirwana befördern, und damit wäre das im Titel steckende Versprechen denn auch eingelöst. Das bezieht sich indes auf ein junges Mädchen, das verschwinden will, fliehen will vor den eigenen Eltern, die dem Hahnenkampf oder der Bibellektüre frönen. Das Haus ist von Wald umgeben, und auch wenn dieses Setting anknüpft an Martins ersten internationalen Erfolg Independencia (2009), ist die Stimmung hier doch weit entfernt vom Schwarzweiß dieses Films, lässt eher an das Kino eines Apichatpong Weerasethakul denken. Doch gestört wird diese Atmosphäre dann eher von recht deutlichen Genrebildern und Dialogstücken aus dem Horrorlager, es spukt, es wird gefoltert und gerächt und schließlich dann doch auch verschwunden. How to Disappear Completely ist längst nicht so schrill experimentell, wie es zuletzt Buenas Noches, España (2011) war; Martins neuer Film ist (soweit man diesen Begriff hier benutzen kann) geradliniger als sein bisheriges Werk, medientheoretische Metaebenen fehlen ebenso wie Video-Art-Elemente. In seiner Wirkung, Intensität und Bildgestaltung steht How to Disappear Completely den großen Erfolgen Martins aber in nichts nach.
The Other Day (El otro día; Regie: Ignacio Agüero; Chile 2012)

Im Regal des Regisseurs steht ein Buch mit dem Titel New Challenges to Documentary. Wir wissen das, weil Agüero in seinem neuen Film vor allem seine Wohnung filmt. Von welchen Herausforderungen dort die Rede ist, wissen wir dagegen nicht, aber als Antwort auf Herausforderungen erst mal die Kamera anzuwerfen ist immer gut. Und so sehen wir zunächst viel Innenausstattung, Details, Zufälligkeiten – wie das Sonnenlicht, das auf ein Foto von Agüeros Eltern fällt, die Küssenden erst auseinanderreißt (sie im Schatten, er in der Sonne) und schließlich vereint. Doch das filmische Stubenhocken wird ständig von der Türklingel gestört, arme Leute wollen etwas verkaufen oder erbetteln, der Postbote, eine Bewerberin auf einen Job in Agüeros Produktionsfirma. Und so beginnt der Regisseur, seine intime Reflexion nach außen zu kehren, dreht den Spieß um, fragt die Leute nach ihrer Adresse, besucht sie, befragt sie, lernt sie kennen – und damit auch die verarmten Ränder seiner Heimatstadt Santiago. Eine sehr schöne Idee für einen Film, weil ein Leitmotiv vieler konventioneller Dokumentarfilme – die Neugier an „gescheiterten“ Existenzen – hier einmal nicht aus einem Konzept oder einem Thema, sondern aus bloßen Zufällen entsteht. Die porträtierten Schicksale werden in ihrer dadurch betonten Alltäglichkeit noch einmal eindrücklicher.
The Children of Troumaron (Les enfants de Troumaron; Regie: Harrikrisna Anenden, Sharvan Anenden; Mauritius 2013)

Ein naiver wie kraftvoller Film aus Mauritius, mit schlichter wie eingängiger Filmmusik. In jungen Filmländern – und dieser Film ist erst die dritte Kinoproduktion des Inselstaates – richtet sich auch die Stoffsuche häufig auf Geschichten über die junge Generation, über Jugendliche, die ausbrechen wollen aus einer alternativlos erscheinenden Welt. Auch viele Plotelemente von The Children of Troumaron kennen wir aus Filmen mit ähnlichem Setting. Im Zentrum steht die Prostituierte Eve, die keinen Bock mehr hat auf das männlich dominierte Milieu, in dem sie gezwungen ist zu leben, die in einer Liaison mit Klassenkameradin Savita aber auf einmal die Möglichkeit des Weglaufens erträumt. Die Sozialstudie wird irgendwann zur dramatischen Tragödie, und ich weiß nicht so recht, ob ich diese Ausweitung feiern oder bedauern soll. Immerhin: Hier dominiert zumeist nicht der Weltkino-Apparat, der jugendliche Alternativlosigkeit in Arthouse-Schemata presst, sondern die Jugendlichkeit selbst, die der Darsteller wie der zumindest anfangs überraschenden Struktur. Das Fluchtbegehren wird nicht behauptet und sozialrealistisch eingesperrt, sondern übersetzt sich in eine offensive Form, deren Leidenschaft mich immer wieder mitreißen kann. Dazu strömt aus der Figur der Eve eine ehrliche feministische Wut, die weit hinausgeht über die üblichen humanistischen Botschaften von Gender-Gerechtigkeit.
Hunting the Northern Godard (Chasse au Godard d’Abbittibbi; Regie: Éric Morin; Kanada 2013)

Fies, wenn der Film, der eigentlich amüsant-entspannter Abschluss des Tages werden soll, sich als ziemlich zähe Angelegenheit entpuppt. Godard in Quebec im Jahre 1968, revolutionäres Cinema vérité meets kanadische Provinz. Das Versprechen dieser Konstellation bricht Regisseur Éric Morin mit einer selbstverliebten Inszenierung, die jegliche Zuspitzung verhindert. Die humoristische Dekonstruktion der Apologeten der Kino-Demokratisierung und ihres Verhältnisses zum „einfachen Volk“ ist stellenweise zwar sehr amüsant, aber daneben dominieren eher reichlich bemühte Situationskomik und übertrieben ausgestellte Skurrilität. Morin will einen Film über überambitionierte Revolutionäre machen und geht dabei selbst ziemlich überambitioniert zu Werke. Hommage soll das dann heißen, aber trotz der manchmal tatsächlich nostalgisch stimmenden Sixties-Ästhetik und der Detailverliebtheit überzeugt mich das alles nicht so richtig – vor allem, weil es mich viel zu sehr an Das letzte Kino der Welt (El viento se llevó lo que, 2002) erinnert, einen Lieblingsfilm, bei dem so viel von dem, was hier versucht wird, so viel besser und mit deutlich weniger Tamtam funktioniert.
Diego Star (Regie: Frederick Pelletier; Kanada/Belgien 2013)

Und nochmal landet ein Fremder in Quebec. Diesmal ist es der Ivorer Traoré, Maschinist auf dem titelgebenden Frachtschiff, das nach einem Materialschaden an der Küste Kanadas stranden muss. Es entwickelt sich eine durchaus interessante Version eines klassischen Arbeiterkonflikts: Die Chefs an Bord erklären, sie können ihre eh schon seit zwei Monaten ohne Gehalt auskommende Crew nicht bezahlen, bevor das Schiff wieder ablegen kann. Doch dafür muss den kanadischen Behörden glaubhaft gemacht werden, der Schaden sei aufgrund menschlichen Versagens entstanden, nicht wegen des Materials. Traoré ist der Einzige, der gegen diese Version aussagt, sein Beharren auf der Wahrheit kostet ihm aber bald die Solidarität der Kollegen und setzt ihn der Willkür der Vorgesetzten aus. Kann dieser Plot mitsamt der gänzlich undidaktischen Erfahrbarmachung von Ungerechtigkeiten der Arbeitswelt noch überzeugen, ist Traorés Verhältnis zu Fanny, einer alleinerziehenden Mutter, bei der er während seines Aufenthalts in Kanada unterkommt, zwar unsentimental, aber doch recht schematisch dargestellt und nimmt einen vorhersehbaren Lauf. Frederick Pelletiers Gespür für Erzählrhythmus und das überzeugende Spiel der beiden Darsteller (Isaka Sawadogo und Chloe Bourgeois) lassen mich die Entscheidung für Diego Star aber keineswegs bereuen.
A Place in Heaven (Makom be-gan Eden; Regie: Yossi Madmony; Israel 2013)

Ein Mann wird erschossen, und sein Sohn verzweifelt. Nicht aus Trauer, sondern weil sein atheistischer Vater in den 1950er Jahren seinen Platz im Himmel an einen anderen verkauft hat. Jetzt versucht der streng religiöse Sohnemann, den Vertrag rückgängig zu machen. Was nach Komödie klingt, ist leider nur Aufhänger für ein episches Drama, Rückblick auf das Leben des Vaters und damit auch auf die Geschichte des jungen Staates Israel. Vater und Sohn, Krieg und Leiden, Schuld und Vergebung, Religion und Ethik: Dem Film gelingt es irgendwie, dass das alles nichts mit mir zu tun hat. Vielleicht liegt es am chauvinistischen Fundament des Films – der Männerbund zwischen Vater und Sohn als Heiligtum, die passiven Frauenfiguren –, vielleicht auch nur an der meist biederen Fernsehfilm-Ästhetik und dem unausgewogenen Rhythmus, dass A Place in Heaven mein bislang größter Fehler des Festivals ist.
36 (Regie: Nawapol Thamrongrattanarit; Thailand 2012)

Vom einem schon bald wieder vergessenen großen zu einem bezaubernden kleinen Film, in dem ich dank der Vorschusslorbeeren des Kollegen gelandet bin. Vor allem toll finde ich die Titel der 36 Einstellungen, aus denen der Film besteht und die zunächst etwas beliebig anmuten. Aber schon bald wird man ihrer Funktion als mal erzählerischem, mal quasi-visuellem Mittel gewahr. Sie liefern die Figurenzeichnung (wenn sie den sichtbaren Menschen Gedanken schenken) oder binden die einzelnen Kapitel aneinander (wenn sie an eine vergangene Einstellung erinnern), sie erweitern den statischen Bildrahmen (wenn sie sich auf etwas jenseits der Einstellung beziehen) oder vergrößern den Einschnitt (wenn sie ein Detail beschreiben, das aus Perspektive der Kamera gar nicht erkennbar ist). Text als Kamera-Add-on. Nur eines von vielen kleinen Zaubereien, die 36 bereithält.








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