Sorry, Baby – Kritik
Eva Victor macht in ihrem Regiedebüt Sorry, Baby mit ganz wenig ganz viel. Ein wenig irritierend ist die Marketingkampagne rund um den Film, die versucht, sich von gängigen dramaturgischen Mustern im filmischen Umgang mit sexueller Gewalt zu emanzipieren.

in freistehendes Einfamilienhaus irgendwo in Suburbia, die Kamera hält es nüchtern von der gegenüberliegenden Straßenseite aus fest. Ein Auto hält davor, eine Frau steigt aus, geht die wenigen Stufen hinauf und klingelt, wird von einem Mann hereingebeten, die Tür geht wieder zu. Zeit vergeht. Es dämmert langsam. Dann ein Schnitt: jetzt ist es Nacht. Die Tür geht wieder auf, die Frau geht die Stufen wieder hinunter, während ihr der Mann hinterhersieht, steigt ins Auto und fährt los. Filmisch werden wir ostentativ ausgeschlossen von all dem, was sich in diesem Haus in der Zwischenzeit zugetragen hat, doch durch den Kontext, den der Film bis zu dieser zentralen Szene aufgezogen hat, können wir uns die Sache erschließen.
Nicht nur intellektueller Austausch

Die Frau ist Agnes, Englisch-Doktorandin an einer Elite-Uni in Massachusetts und gespielt von Regisseur*in Eva Victor selbst, die mit Comedy-Videos (erst auf der feministischen Satire-Seite Reductress, dann bei Twitter) und einer Rolle in der Serie Billions bekannt geworden ist. Der Mann ist Preston Decker, Agnes’ Doktorvater und angehender Schriftsteller, gleichermaßen einnehmend wie slightly unsympathisch gespielt von Louis Cancelmi. Decker ist von Agnes und ihrer Dissertation so angetan wie sie von Deckers erstem Roman, die Vibes zwischen den beiden sind durch und durch flirty. Dass er sie kurzfristig zu sich nach Hause bestellt für die Besprechung ihrer neuesten Texte, deutet schon darauf hin, dass es hier nicht nur um intellektuellen Austausch gehen soll.
Dass bei diesem Besuch kein Flirt und keine Romanze, sondern ein sexueller Übergriff mit traumatischen Folgen stattfindet, ist im Film schon weit vorher klar. Sorry Baby beginnt nämlich ganze vier Jahre nach der Sache im Haus. Agnes wohnt immer noch weit draußen in Massachusetts, in einer Hütte mitten im Wald, und bekommt Besuch von Lydia (Naomi Ackie), ihrer damaligen Mitbewohnerin, die wieder in New York lebt. Lydia ist inzwischen verheiratet und erwartet ein Kind, das eröffnet sie Agnes in einer von jenen schönen kleinen Szenen dieses Films, die mit ganz wenig ganz viel machen, in diesem Fall in Eva Victors Gesicht: wie sich Agnes aufrichtig freut für die große Lebensentscheidung ihrer besten Freundin und zugleich diese Freundschaft wegschwimmen sieht, spürt, wie alles um sie herum sich verändert außer sie selbst.
This is that thing

Vier Jahre zuvor hat Lydia die mitgenommene Agnes zu Hause empfangen, als die von ihrem Besuch bei Decker kam, ist den aufgewühlten Beschreibungen gefolgt, hat beim Einordnen von dem, was da vor sich gegangen ist, geholfen. Begriffe wie Vergewaltigung oder Missbrauch lässt Agnes beim Erzählen ebenso außen vor wie der Film zuvor das Innenleben des Einfamilienhauses, es braucht Lydia, um die Sache auszusprechen: „This is that thing.“ Die beiden suchen schnellstmöglich eine medizinische Praxis auf, Agnes spricht am nächsten Tag bei den Gleichstellungsbeauftragten der Uni vor, doch denen sind angeblich die Hände gebunden: Decker hat nämlich unverzüglich gekündigt, sein Büro ist schon geräumt. Zwei weibliche Uniangestellte heucheln Verständnis, helfen aber ebenso wenig wie der misogyne Arzt in der Praxis.
In diesen Szenen, in denen sich Agnes der ganzen ungleichen Machtstruktur gegenübersieht, die seit #MeToo zumindest vermehrt in den Blick gekommen ist, wechselt Sorry Baby mitunter auf eine Deadpan-Ebene, die den ansonsten alles andere als humorlosen, aber doch eher lakonischen und ernsten Tonfall des Films ein wenig stört. Es sind aber gerade dieser Witz sowie die epische Erzählweise des Films, in der das traumatische Ereignis das Leben der Protagonistin zwar bestimmt, aber nicht definiert, mit denen Eva Victors Film seit seiner Sundance-Premiere beworben wird.
Wahnwitzig harmloser Wald-Nachbar

Ein Problem dabei ist, dass die würdigende Rezeption eines innovativen Umgangs mit sexueller Gewalt und Trauma schon im Marketing eines Films angelegt ist, der den üblichen Gang eines US-Indie-Hits gegangen ist: von einer umjubelten Sundance-Premiere über die renommierte Cannes-Nebensektion Quinzaine des Cinéastes, die stets einen solchen Sundance-Slot bereithält, zur groß angelegten Social-Media-Kampagne rund um den Kinostart. Wahrscheinlich lässt mich erst die Vehemenz, mit der Sorry Baby von vielen Seiten ein gänzlich anderer Umgang mit den Fallstricken des viel kritisierten Trauma Plots beschienen wird, stutzig werden. Es ist eher ein Gefühl als Empirie, aber gerade die bewusste Dezentrierung des Ereignisses oder der comic relief, der im Halse stecken bleibt, scheinen mir fast schon wieder konventionelle Strategien innerhalb eines inzwischen recht diversen Post-#MeToo-Kinos, von dem es viele Vertreter gar nicht erst ins Kino schaffen, geschweige denn mit solch großen Vorschusslorbeeren.
Das ist freilich eher ein Problem des filmischen Diskurses als des Films selbst. Sorry Baby scheint mir jedenfalls immer dann besonders gelungen, wenn er sich gerade nicht selbstbewusst mit bestimmten filmischen Markern wie der starren Einstellung aufs Haus oder den Deadpan-Jokes im Nachgang des Übergriffs vom Trauma Plot emanzipiert, sondern zum nachdenklichen Porträt einer Frau in einer bestimmten Phase ihres Lebens wird – die nicht zuletzt lernen muss, mit ihrer Angst vor dem männlichen Körper umzugehen. Dafür ist in Sorry Baby ein herzzerreißender Lucas Hedges als wahnwitzig harmloser Wald-Nachbar Gavin zuständig, mit dem Agnes zum Erstaunen von Lydia eine Affäre angefangen hat. Einmal sitzt Agnes in der Badewanne und Gavin steht nackt daneben, und sie sinniert darüber, wie selten sie den männlichen Penis in seiner ganzen niedlichen Schlaffheit gesehen hat.
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