Small Town Girl – Kritik

Nore, die ihre Sexualität hedonistisch auslebt, trifft in einer Kneipe auf eine alte Schulkameradin. Hille Norden erzählt in ihrem Debütfilm Small Town Girl nuanciert, was es bedeutet, sich und seine eigene Vergangenheit akzeptieren zu können.

Eine Frau sitzt an der Bar, ihr Gesicht wird nur im Profil beleuchtet und von Rauchschwaden umkränzt. Klar zu sehen ist für die zurückhaltende Medizinstudentin Jonna (Luna Jordan) nur das rosafarbene Tüllkleid der Fremden. Die Enden des durchsichtigen Stoffes schmiegen sich verheißungsvoll an die Knie der Männer, mit denen sie offen flirtet und denen sie direkt gesteht, nach einem Übernachtungsort zu suchen. Als Jonna schließlich ihre Aufmerksamkeit erhält, bietet sie der Fremden an, sie mit nach Hause zu nehmen. Dort, unter Berührungen und gegenseitigen Annäherungsversuchen, stellt Jonna wenig überrascht fest, dass Nore (Dana Herfurth), sich nicht mehr an sie erinnert. Die beiden kennen sich nämlich aus der Schulzeit, wo Nore als der Stereotyp des sexuell freizügigen „Smalltown Girls“ bekannt war. Jonna hat schon damals eine Verbindung zu ihr gespürt und überzeugt Nore schließlich, mit ihr zusammenzuziehen.

Sex und Mut

Das Zusammenleben mit der regelmäßig intime Begegnungen suchenden Nore befreit Jonna mehr und mehr von ihrer Schüchternheit. In der gemeinsamen Wohnung tummeln sich nächtlich unterschiedliche Männer, die beim Frühstück höflich, aber bestimmt abgefertigt werden. Naturalistisch ausgeleuchtete Totalen und eine geerdete Handkamera zeigen den Sex schambefreit und direkt; das sanfte, auf unterschiedliche Körpertypen fallende Licht lässt sie lebensnah wirken, ohne erzwungene Ästhetisierung. Die Bildgestaltung folgt Nores ungehemmter Lebenshaltung. Sex ist für Nore ein Raum völliger Freiheit und Zärtlichkeit, in dem sie ihrem Gegenüber vorurteilslos zuhört und versucht, auf seine Bedürfnisse einzugehen, ohne dabei ihre zu vernachlässigen. Dass dieser für sie idealisierte Raum von einigen Männern zur selbstsüchtigen und oberflächlichen Befriedigung ausgenutzt wird, lässt ihn für Nore radikalerweise nicht weniger erstrebenswert werden. Selbst nachdem einer der Männer harscher mit ihr umgeht und danach in Tränen zusammenbricht, nimmt Nore sich die Zeit, um ihn zu trösten, statt die Energie darin zu investieren, der Situation zu entkommen.

Auch wenn Nores Faszination für Sex an sich nicht ungewöhnlich ist, fragt sich Jonna dennoch, worin diese Vorliebe wurzelt, besonders da Nores Sexleben zunehmend in eine destruktive Abhängigkeit übergeht. Ausgehend von dieser Frage verwandelt sich der Film in seiner zweiten Hälfte in eine einfühlsame Traumaaufarbeitung, in der Nore sich zwingt, den Ursprüngen ihres Drangs nachzugehen. Sie versucht, eine Liste all ihrer Sexualpartner anzufertigen, um dadurch ihr Verhältnis zu Männern und Sex zu konkretisieren. In Rückblenden beobachtet und befragt sie dafür ihr jüngeres Selbst (Vera Fay) – ein dramaturgischer Kniff, der die Freudsche Vergangenheitsbewältigung in einen Selbst-Dialog übersetzt. Zentral ist dabei die geisterhaft durch den Film spukende vergangene Beziehung zu ihrem ersten, wesentlich älteren Freund Felix (Campbell Caspary), der immerzu sanft auf sie einredete, um sie zu letztlich ungewolltem Sex zu überreden. Die Szenen mit ihm sind erschütternd. Die Inszenierung bleibt dabei zurückhaltend genug, um die Ernsthaftigkeit nicht mit überspitzten Schreckmomenten zu überdecken.

Gegen die Psychologisierung

Dieses Feingefühl, mit dem Norden ihre Hauptfigur behandelt, sowie die Lebendigkeit, die Dana Herfurth ihr durch ihr Schauspiel verleiht, bewahren den Film davor, zur bloßen Traumata-Schau zu verkommen. Das gelingt auch, weil Nores Vergangenheit als sexuell aktive 14-jährige nicht zum Schlüssel ihrer Persönlichkeit wird, sondern lediglich ein komplexer Erfahrungsschatz bleibt. In einer Unterhaltung mit ihrem jüngeren Ich entgegnet die ältere Nore auf die Frage, ob es ihr gut gehe, kryptisch: „Nein, einfach auch.“ Gut und Schlecht existieren bei ihr parallel.

Klugerweise geht es Smalltown Girl mehr darum, Fragen aufzuwerfen als seine Protagonistin tot zu psychologisieren. Scheinbar verweist der hohe Stellenwert von Sex in Noras Leben auf ihre Unfähigkeit, für sich sein zu können. Tatsächlich gibt es kaum eine Szene, in der sie zufrieden und allein ist; in ihr tobt immer der Drang, anderen Menschen möglichst nah zu sein, vielleicht als Besänftigungsmittel für eine tieferliegende Einsamkeit. Nores Sexualität kann aber genauso gut positiv verstanden werden: als Lebenshunger und Talent für Empathie. Der Film verrennt sich in keine der möglichen Erklärungen, wird nie zu einem Psychogramm, das Nores Persönlichkeit auf wenige, grob erklärte Eigenschaften reduzieren würde. Er lässt ihr stattdessen die Möglichkeit, sich selbst in ihrer Komplexität zu betrachten und weiß dabei, dass die befriedigende Verarbeitung früherer Ereignisse nicht immer das Ziel sein kann. Manchmal ist es besser, die eigene Vergangenheit einfach zu akzeptieren.

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