Silent Friend – Kritik
Auf der Suche nach Bildern für das Unbebilderbare: Ildikó Enyedi grübelt in Silent Friend über die Beziehungen von Menschen und Pflanzen und findet neben zarten Mysterien leider auch einige Plattitüden.

Die titelgebende stille Freundin in Ildikó Enyedis Silent Friend ist ein gigantischer weiblicher Ginkgobaum im botanischen Garten in Marburg. Ein Monument aus Wurzel, Blatt und Borke, das Jahrhunderte überdauert und mit dem Leben dreier Figuren in drei Epochen als passiver Protagonist verwoben ist – anwesend, ohne aktiv zu sein, wirkungsvoll, ohne zu handeln. So tanzt Grete (Luna Wedler), die erste weibliche Studentin der Hochschule, Anfang des 20. Jahrhunderts mit anderen Frauen in einem Ritual um ihn wie um eine Agentin der Mutter Erde. In den 1970er Jahren hilft der Baum dem eigenbrötlerischen Studenten Hannes (Enzo Brumm), über seine Abneigung gegen Pflanzen hinwegzukommen – und sich am Ende in eine Geranie zu verlieben (sic!). Und im Covid-Lockdown 2020 beginnt ein einsam in der Universität gestrandeter Gastprofessor (Tony Leung), Sensoren am Baum anzubringen, um Bilder von den unsichtbaren Vorgängen in dessen Innerem zu gewinnen.
Überwucherte Bilder

Silent Friend bewegt sich angenehm frei zwischen diesen drei visuell klar voneinander unterschiedenen Zeitebenen: In klarem Schwarz-Weiß die älteste, weich-analog die mittlere, scharf-digital die jüngste. Kameramann Gergely Pálos rückt Äste, Stämme, Blätter in den Vordergrund und lässt das Menschenleben dahinter unscharf werden. Oder er badet menschliche Körper im Spiel aus Licht und Schatten der sich im Wind wogenden Blätter. Die Pflanzen, die in unseren Leben so still allgegenwärtig und stetig präsent sind: Was nehmen sie eigentlich von uns Menschen wahr? Das fragt sich eine Botanikerin (Léa Seydoux). Es gibt keine Antwort im Sinne einer kompakten Erkenntnis am Ende des Films. Eher ein allmählich besseres Verständnis für die vielfach verästelte Beziehung von Menschen und Natur. Die unartikulierte, kindliche Faszination für die Welt und ihre Geschöpfe, das Grübeln und sich Wundern darüber, bricht sich Bahn in der Wissenschaft mit ihrer Suche nach Verständnis oder in der Kunst mit ihrem Erhaschenwollen von Mysterien und Schönheit. So macht Grete irgendwann fast obsessiv Fotos von Pflanzen, immer näher, immer detaillierter, im zarten Schwarz-Weiß der Daguerreotypie. Die Ergebnisse sind sowohl szientistisch als auch ästhetisch, objektiv und schön.
Als Kunst und Wissenschaft noch eins waren

Es ist einerseits angenehm, wie wenig sich Enyedi meist um klare erzählerische Auflösungen oder deutlich verständliche Botschaften schert. Anders als der narrativ und zeitlich ähnlich gebaute In die Sonne schauen (Regie: Mascha Schilinski, 2025), wirkt Silent Friend weniger mit großer Autorinnengeste durchkomponiert als locker arrangiert. Enyedi belässt vieles in der Andeutung – seien es wissenschaftliche Erkenntnisse oder zwischenmenschliche Beziehungen. Manche Figuren – wie ein von Martin Wuttke schön kauzig gespielter Fotograf oder Hannes‘ Fast-Freundin Gundula (Marlene Burow) – verschwinden einfach irgendwann aus den Erzählungen und hinterlassen keine Lücken. Ganz so, als geisterten wir Menschen letztlich immer nur flüchtig durch die Leben der anderen. Auch die über den Baum gesammelten Datenbilder werden in Silent Friend nie wirklich gedeutet oder wissenschaftlich ausgewertet. Sie sind mehr Videokunst und richten sich eher an einen assoziativen als interpretierenden Blick.
Die Gefahr des Klischees

Allzu leicht kann Ahnen und Fühlen andererseits aber auch in Kitsch abgleiten – und davor ist Silent Friend leider nicht gefeit. So greift Enyedi bei ihrer Suche nach Bildern für das Unbebilderbare vor allem gen Ende immer mal wieder zu Plattitüden. Zeitrafferaufnahmen sprießender Pflänzchen zu weihevoller Musik, und dass man digitale Glühwürmchen tanzen lässt, um einer Regennacht noch einen Tupfen Magie zu geben: Das wirkt für einen sonst oft zarten Film allzu abgedroschen und dick aufgetragen. Auch bei den Figuren kommt Silent Friend gelegentlich ins Straucheln. Die Psychen sind teils von einer schmerzhaft naiven Schlichtheit. Unmotiviert aufploppende Konflikte werden urplötzlich gefühlsduselig beigelegt oder verschwinden einfach. So sabotiert ein griesgrämiger Hauswart (Sylvester Groth) erst aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen die Experimente des Gastprofessors – um sie dann, nach einem gänzlich mysteriösen Gesinnungswandel, wieder zu reparieren. Ein andermal drohen saufenden Kommilitonen, Hannes‘ geliebte Geranie zu zerstören – um dann aber Sekunden später nach schwachem Protest brav aus dem Haus und komplett aus dem Film zu verschwinden. In solchen Momenten wirkt es, als hätten besorgte Redakteur*innen Enyedi dazu gedrängt, dramatische Konflikte in einen Film zu schreiben, der doch gerade dann am besten funktioniert, wenn er auf Erzählkonventionen pfeift. So krankt leider auch eine im Mittelteil sehr dominante Romanze zwischen Hannes und der aufbrausenden Nachwuchswissenschaftlerin Gundula an phrasenhaften Dialogen und einem weniger sinnlichen als, nun ja, eher hölzernen Schauspiel (no pun intended). Die Taten und Psychologien der Figuren interessieren die Regie spürbar weniger als deren quasi kindliches Staunen. Das stört dann doch manchmal und lässt das sonst angenehm subtile Spiel mit Vagheiten und die glaubhaften Appelle an tiefere Mensch-Naturbeziehungen beizeiten etwas naiv und hohl klingen.
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