Melania – Kritik
Brett Ratners Melania über die amtierende First Lady der USA ist weniger Propaganda-Machwerk als eine um jede Eigenwilligkeit bereinigte Unternehmens-Broschüre. Glänzende Bilder und schmissige Popsongs erschaffen eine Oberfläche, an der man lang kratzen muss, um etwas Interessantes freizulegen.

Es beginnt wie eine Hochglanzsoap der 1980er Jahre: Ein prächtiges Anwesen, halb Palast, halb Märchenschloss, das ein bisschen wie die Vorlage für eine neue Lego-City-Kollektion ausschaut. Musik setzt ein, die Kamera nähert sich aus der Luft der Residenz, irgendwann Zwischenschnitte auf hohe Pumps und prächtig ausgestattete Innenräume. Durchaus verführerisch, luftig, protzig. Falcon Crest? Denver Clan? Versailles? Nein, leider doch nur Mar-A-Lago, Donald Trumps Anwesen und Rückzugsort. Und es kommt auch keine Joan Collins um die Ecke, die wohlformulierte, perfekt auf den Punkt artikulierte Gehässigkeiten hinschmettert, sondern nur Melania Trump, die endlos monotone, wahrscheinlich von einem Ghostwriter formulierte Poesiealbum-Nichtigkeiten von sich gibt.
Willkommen bei Melania, dem Dokumentarfilm über die aktuell amtierende First Lady der Vereinigten Staaten. Der Film sorgt, vor dem Hintergrund der angespannten innen- wie außenpolitischen Lage in den Vereinigten Staaten, seit Tagen und Wochen für einiges Aufsehen. Kritikern wurde er vorab nicht gezeigt, Journalisten, die ihn sich anschließend auf die eigene Faust angeschaut haben, sparten nicht mit Häme. Vergleiche mit Leni Riefenstahls Triumph des Willens oder Beschreibungen des Films als unbewusstes Remake von Jonathan Glazers The Zone of Interest gehörten dabei fast schon zum guten Ton. Auf Rotten Tomatoes verhalfen MAGA-Fans Melania dagegen zu einem Zuschauer-Rating von 99 Prozent Zustimmung. Rechtfertigt der Film nun die um ihn entstandene Aufregung?
Sagen wir: Bedingt. Die Dokumentation gibt vor, einen ganz persönlichen Blick auf Melania Trump während der zwanzig Tage vor Donald Trumps Amtseinführung 2025 zu bieten. Von „Dokumentation“ mag man in diesem Zusammenhang allerdings kaum sprechen, denn der Film wirkt wie eine um jede interessante Pointe bereinigte Image- bzw. Unternehmens-Broschüre, der jedes bisschen Eigenwilligkeit, Temperament oder Kontroverse ausgetrieben wurde. Entstanden ist ein komplett maschinelles, normiertes Konsumprodukt, eine Art liebloses Marvel-Sequel in den Cosplay-Kleidern eines Dokumentarfilms.
Das Leuchten im politikfernen Zuhause

Interessant ist der Film vor allem durch seine bewussten Aussparungen. Wüsste man vorab nichts über Donald Trump und die MAGA-Bewegung, nach der Dokumentation wäre man nicht schlauer. Kein Wort zum politischen Programm des US-Präsidenten, zu der aufgeheizten Stimmung im Land, keinerlei persönliche Meinungsäußerungen der gefilmten Personen. Stattdessen ein phrasenartiges Herunterbeten von klassisch amerikanischen Tugenden: harte Arbeit, Disziplin, Amerika als Sehnsuchtsort, als Melting Pot, als das Land, in dem man es als Einwanderer mit Fleiß und Einsatz vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann. Das alles wirkt wie herübergebeamt aus einem Horatio- Alger-Roman oder aus dem Amerika der 1980er unter Reagan. Allerdings ist einem auch bewusst, dass die aktuelle US-Regierung einigen dieser Tugenden bisweilen diametral entgegensteht. Diese kognitive Dissonanz thematisiert der Film jedoch gar nicht, sondern lässt sie, wie alles andere, im luftleeren Raum hängen.
Je länger der Film dauert und je offenkundiger seine Verweigerung alles Politischen wird, desto mehr verwandelt er sich zu einer Illustration des historischen Kults von „True Womanhood“. Diese im 19. Jahrhundert in der Mittel- und Oberschicht der USA weitverbreitete Idealvorstellung sah Frauen als „light of the home“, als Licht des Zuhauses. Mit den Kardinaltugenden der Frömmigkeit, Reinheit, Häuslichkeit und Unterwürfigkeit ausgestattet, sollten Frauen die private Sphäre für sich beanspruchen und Männern die Arbeitswelt überlassen. Über diese Ikonografie schließt der Film dann doch deutlich an die MAGA-Bewegung und an den aktuellen Trend der trad wives an.
Eine Überfülle an nicht aufgelöster kognitiver Dissonanz

Melania Trump versucht, sich in dem Film zwar hie und da als Präsidenten-Einflüsterin zu inszenieren, und behauptet, die Rolle der First Lady neu definieren zu wollen. Dies geschieht dann aber nur mittels vereinzelter Foto-Shootings, in denen sie sich als boss girl inszeniert. In Wahrheit sieht man ihr im Film hauptsächlich dabei zu, wie sie Kleider anprobiert, die Tischordnung bei Empfängen kontrolliert oder die Inneneinrichtung des Weißen Hauses begutachtet – ganz die „true woman“. Mit Brigitte Macron und der Königin Rania von Jordanien spricht sie noch darüber, dass sie Kindern helfen will. Konkrete Aussagen zu dem Wie, Wann, Womit? Auch hier: Fehlanzeige.
Wahrscheinlich ist es von vornherein klar, aber: Wer sich dafür interessiert, mehr über die First Lady oder den aktuellen US-Präsidenten zu erfahren, kann sich den Kinobesuch sparen. Als Zeitdokument und als Illustration bestimmter gesellschaftlicher Trends ist Melania allerdings bisweilen nicht uninteressant, auch wenn man ziemlich lang an der Oberfläche kratzen muss, bis etwas tatsächlich Aussagekräftiges zutage tritt. Schön anzuschauen ist der Film immerhin, mit Jeff Cronenweth und Dante Spinotti standen zwei wahre Meister ihres Fachs hinter der Kamera und ihre Bilder lenken bisweilen erfolgreich von Melanias monotonem Voiceover ab. Der Soundtrack ist mit „Billie Jean“ (Melanias Lieblingssong, das immerhin erfährt man) und The Crystals’ „Then He Kissed Me“ hübsch zusammengestellt. Als irgendwann „Everybody Wants to Rule the World“ von Tears for Fears ertönt, fragt man sich: Hat sich da jemand einen bösen Spaß erlaubt oder ist es nur ein weiterer Fall nicht aufgelöster kognitiver Dissonanz? Die Zuschauer mögen für sich selbst entscheiden.
Neue Kritiken
No Mercy
No Bears
Scarlet
Marty Supreme
Trailer zu „Melania“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (5 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.










