Little Trouble Girls – Kritik

Die Wunden Christi werden zur Vulva und auch sonst sprießt die Sexualität in Urška Djukićs Little Trouble Girls in alle Richtungen. Ein Coming-out-oder-zumindest-of-Age-Film, der sich, zwischen verführerischen Mitschülerinnen, begehrten Bauarbeitern und Olivenbäumen gelegentlich auch im Kitsch verirrt.

Der Themenkomplex Religion und Sexualität birgt ein gewisses Konfliktpotenzial, das sich mit filmischen Mitteln genüsslich ausschlachten lässt. Mit seiner Nunsploitation-Reminiszenz Benedetta (2021) hat Paul Verhoeven eindrucksvoll vorgeführt, welche unsittlichen Handlungen mit Madonnenfiguren unterschiedlichen Formats zu bewerkstelligen sind. Die phallische Anmutung der holzgeschnitzten, heiligen Mutter Gottes vermag auf dem profanen Feld der Bedürfnisbefriedigung Himmlisches zu leisten.

Wie Benedetta spielt auch Urška Djukićs Spielfilmdebüt Little Trouble Girls in einem italienischen Kloster und geizt nicht mit Verkörperungen der Jungfrau Maria. Anders als Verhoeven nutzt Djukić dieses Setting jedoch nicht für den softpornös zelebrierten Tabubruch, beispielsweise Sex mit Jesus. Stattdessen findet sie in der überbordenden Symbolik des Katholizismus Bilder (und mehr noch: Töne) für die erwachende bzw. regellos in alle Richtungen sprießende Sexualität ihrer 16-jährigen Protagonistin Lucija (Jara Sofija Ostan). Mit anderen Worten: Wenn Lucija zur Mitte des Films eine Marienstatue auf den steinernen Mund küsst, ist das nicht frei von Eros.

But you'll never know…

Sind das, was man noch vor dem ersten Bild hört, Stöhngeräusche oder nur Atemübungen? Stellt das darauffolgende erste Bild, ein Gemälde aus dem 14. Jahrhundert, eine Vulva dar oder doch eher die Wunden Christi? Das Sinnliche und das Übersinnliche gehen in Little Trouble Girls Hand in Hand. Einen Schnitt später wird aus der Christus-Vulva plötzlich ein Ohr. Lucija ist neu im Mädchenchor ihrer Schule. Schüchtern steht sie in ihrer Stimmgruppe und tut, was sie am besten kann: beobachten. Singen kann sie auch, einigermaßen zumindest, aber darum geht es in Little Trouble Girls nicht, obwohl viel und schön, slowenisch und italienisch gesungen wird.

Interessanter findet Lucija die etwas ältere, mit einem verwegenen Selbstbewusstsein ausgestattete Ana-Marija (Mina Švajger), die ihr während der Probe verführerisch zuzwinkert und eine Bereitschaft zur Grenzüberschreitung ausstrahlt. Aufregend und neu ist das für Lucija, weil sie qua Erziehung nicht Bescheid weiß über die fleischlichen Begierden, denen sie, das spürt sie jetzt deutlich, unterworfen ist. Generisch gesehen handelt es sich bei Little Trouble Girls um einen Coming-out-oder-zumindest-of-Age-Film. Die konservative Familiensituation darf in einer Geschichte über Religion und Sexualität nicht fehlen, gottseidank bleibt sie im Hintergrund. Den Lippenstift, den Lucija bei der ersten Chorprobe probehalber aufträgt, solle sie sich gefälligst abschminken, sagt die prüde Mutter.

What I feel inside

Die Exposition ist, wenn nicht holzschnittartig, so zumindest eine der wenigen Pinselstriche. Sie tut nur, was sie muss, und leitet schnell zum zeitlich wie räumlich abgegrenzten Herzstück des Films über: den drei Tagen während eines Probewochenendes in einem Kloster in Cividale, im italienischen Friaul, unweit der slowenischen Grenze. Der Chorleiter (Saša Tabaković), der später leider zum sadistischen Klischee degeneriert, hat die ganz kurzen Shorts ausgepackt. Es liegt etwas in der Luft. Wenn sie nicht „Wahrheit oder Pflicht“ spielen, schlafen und proben die Mädchen im Kloster, im Innenhof finden Renovierungsarbeiten statt. Das stellt nicht nur die Probenakustik auf die Probe, auch Lucija scheint angesichts der braungebrannt-muskulösen Bauarbeiterkörper samt ihrer Bauarbeitermännlichkeit auf libidinöse Weise verwirrt.

Besonders einer der Männer fasziniert sie, der nämlich, der Jesus am ähnlichsten sieht. Schon bei der Anfahrt hat sie ihn von der „Teufelsbrücke“ aus am Fluss stehen sehen. Sie: im Bus, er: wie Gott ihn schuf. Als sie sich später wiederbegegnen, muss man sich beim Zuschauen nie fürchten, es könnte zu einem Übergriff oder Ähnlichem kommen. Souverän ist, wer über die begehrenden Blicke entscheidet – und das ist in Little Trouble Girls ausnahmslos Lucija. Immer wieder scheint sie kurz aus der Welt zu fallen. Aus ihrem entrückten, melancholischen Blick – der sich keineswegs auf die Augen beschränkt, sondern ihrem gesamten Körper zu entspringen scheint – spricht eine tiefe Sehnsucht.

That I'm really bad…

Nicht nur Menschen wirft Lucija diese Blicke zu, auch der Olivenbaum im Klosterhof zieht sie in ihren Bann. Es ist ein Olivenbaum der Erkenntnis; die Frucht, die an ihm hängt, ist das verschwitzte T-Shirt des latent exhibitionistischen Bauarbeiters. Ana-Marijas schlangenhafter Impuls, das T-Shirt zu klauen, mündet in paradiesischen Weinbergen. Pheromongetränkte T-Shirts deutlich älterer Männer zu klauen, das ist eine Sünde, weiß Lucija. Den Geruchstest bewerten die Mädchen unterschiedlich, beißen dann aber, zwecks Schuld und Sühne, beide beherzt in die noch grünen Trauben.

Manch einen missglückten Montagekniff mag man damit entschuldigen, dass Little Trouble Girls sich ganz der Perspektive seiner Protagonistin anverwandelt – die nun mal ab und zu Stimmen hört oder Visionen hat, die nicht von dieser Welt sind. Die Pubertät ist wahrlich eine verwirrende Zeit. An botanisch-plakativer Metaphorik findet Djukić sichtlich Gefallen. Von der Nahaufnahme eines Mädchennabels schneidet sie auf eine Blüte, die von einer Biene bestäubt wird. Mehrfach zeigt Little Trouble Girls mit Musik unterlegte Blumen in Nahaufnahme, was unweigerlich an The Zone of Interest (2023) erinnert, auch wenn Djukić ein anderes, weniger morbides Paradies evozieren möchte. Der Effekt des symbolischen Überschusses bleibt derselbe: Kitsch.

Little trouble girl

Obwohl Djukić eine beeindruckende und taktile Sensibilität für die Erfahrungsräume weiblicher Adoleszenz beweist, laboriert Little Trouble Girls am typischen Debütfilm-Syndrom, möglichst viel von dem anzudeuten, was nach Beherrschung der filmischen Form aussieht. Die nach Zukunft klingende Berlinale-Sektion für Erstlingsfilme Perspectives, wo der Film 2025 Premiere feierte, trägt vielleicht auch deswegen den Plural im Namen, weil die Filme jeweils dazu tendieren, immer mehrere Dinge gleichzeitig zu wollen.

Das ist ja auch gut so, führt nur im Fall von Little Trouble Girls dazu, dass sich die großen Bilder, die am Ende reihenweise aufgefahren werden (Achtung: Chornonnen am Wasserfall), in ihrem Formwillen gegenseitig abnutzen. Erst das letzte Bild erzeugt in seiner Symbolkraft und in Kombination mit einem gewissen Sonic Youth-Song namens „Little Trouble Girl“ einen Überschuss, der den Kitsch dermaßen umarmt, dass es schon wieder charmant ist. Die sündhaft süßen Trauben schmecken dann doch am besten.

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