Die Entführung – Kritik

In einem überfordernden Moment gibt die Hebamme Lydia das Kind einer Freundin als ihr eigenes aus und verstrickt sich zunehmend in ihren Lügen. Die eigentümliche Kraft von Iris Kaltenbäcks Debüt Die Entführung liegt in der Konzentration auf die Hilflosigkeit seiner Hauptfigur.

Das Voice-Over, das in Die Entführung (Le ravissement) immer wieder an entscheidenden Punkten einsetzt, hat zunächst eine irritierende Wirkung. Denn eigentlich ist Iris Kaltenbäcks Film ganz aus der Perspektive seiner Hauptfigur erzählt, der Hebamme Lydia (Hafsia Herzi). An ihr Gesicht heftet sich der Film, in ihre Einsamkeit taucht er hinab, ihren verzweifelten Entscheidungen folgt er auf Schritt und Tritt. Doch in dem Voice-Over hören wir nicht Lydias Stimme, sondern die des Busfahrers Milos (Alexis Manenti), mit dem Lydia eine komplizierte, zunächst sehr einseitige Romanze eingeht. Dadurch gerät die visuell und strukturell eigentlich klare Erzählperspektive immer wieder ins Wanken: Milos’ Stimme berichtet von Lydias gegenwärtigen Gedanken, Gefühlen und von der Motivation hinter ihrem Verhalten – doch er tut das stets in der Vergangenheitsform, von einem Zeitpunkt aus, an dem die Folgen von Lydias Handeln eigentlich schon feststehen. Gleichzeitig gewinnen wir nie den Eindruck, dass Milos tatsächlich in der Position wäre, einen derart detaillierten Einblick in Lydias Innenleben zu haben. Die Erzählstimme weiß einerseits um die kleinsten Regungen ihrer Gefühlswelt – und bleibt doch die eines Fremden.

Offenen Auges in die Katastrophe

Man könnte nun annehmen, dass die Erzählstimme aus dem Off den Versuch des Films widerspiegelt, das Verhalten seiner Hauptfigur von außen zu verstehen. In der Tat handelt Lydia an den zentralen Wendepunkten des Films auf eine Art und Weise, die sich nur schwer nachvollziehen lässt, so offenkundig selbstzerstörerisch sind ihre Entscheidungen: Als sie mit dem neugeborenen Kind ihrer besten und einzigen Freundin Salomé (Nina Meurisse) im Arm durch die Gänge des Spitals spaziert, trifft sie unerwartet auf Milos, den sie seit vielen Monaten nicht mehr gesehen hat. In der Anspannung des plötzlichen Wiedersehens gibt sie das Kind für ihr eigenes aus – und schiebt dann noch hinterher, dass Milos der Vater sei. Anstatt diese Lüge so schnell wie möglich wieder einzufangen, lässt Lydia sie in den folgenden Tagen und Wochen mehr und mehr auswachsen, bis schließlich nicht nur ihre Beziehung zu Milos und ihre Freundschaft zu Salomé, sondern die gesamte Grundlage ihrer Existenz daran zu zerbrechen droht. Offenen Auges schreitet sie voran in die Katastrophe.

Doch so scheinbar irrational Lydias Handeln ist: Dem Film liegt es gar nicht daran, einen forschenden Blick auf seine Hauptfigur zu richten oder die vermeintlich verborgenen Ursprünge ihres Verhaltens zu ergründen. Lydia wird in Die Entführung nie als großes Geheimnis dargestellt, dazu ist der Film ihr schlicht viel zu nah. Dieser Eindruck einer schmerzlichen und schutzlosen Offenheit geht zum großen Teil auf Hafsia Herzis transparentes Schauspiel zurück. Von einem Augenblick auf den anderen, beinahe übergangslos, verwandelt sich in ihrer Mimik der Ausdruck einer sich selbst abgerungenen Stärke in den unstet umherhuschenden Blick der Verzweiflung. Aus tiefen Augen betrachtet sie das Geschehen und ihr eigenes Handeln stets wie aus weiter Ferne. Der rote, flauschige Wintermantel, in dem Lydia durch die Stadt streift und der sie von der Welt und den anderen Menschen absondert, er ist nicht so sehr eine Schutzhülle, sondern ein äußeres Gerüst – das einzige, das sie noch aufrecht hält.

Das Falsche und doch das einzig Mögliche

Man hat den Eindruck, dass Lydia schlicht nicht die Kraft für irgendeine Form der Arglist oder Täuschung besitzt. Das mag angesichts des Lügengebäudes, das sie auftürmt, paradox klingen, doch diese Lügen funktionieren allein deshalb, weil Lydia in ihnen Wahrheiten ausspricht, die offen zu bekunden sie sonst nicht imstande ist. Ihr Verhalten erscheint somit auch nicht irrational. Denn Rationalität spielt in ihrer Situation und in ihrem Zustand keine Rolle. Ihre Handlungen ergeben sich nicht aus inneren Abwägungen, sondern aus den objektiven Zwängen der einzelnen Situationen und der Beschaffenheit der an ihnen beteiligten Personen – und an diesen ist im Moment der Entscheidung nicht mehr zu rütteln. Wenn es also eine Erklärung für ihr Verhalten gibt, dann ist es keine psychologische, sondern eher eine mechanische. Lydia tut unfehlbar das Falsche und doch das einzig Mögliche.

Es ist die eigentümliche Kraft von Kaltenbäcks Film, uns ganz in der Ausweglosigkeit seiner Hauptfigur gefangen zu halten, in ihrem Gefühl, an den eigenen Handlungen gar nicht wirklich beteiligt zu sein. Diese enge Bindung an Lydias Erleben bricht auch Milos’ nüchternes Voice-Over nicht auf, im Gegenteil: seine nüchternen Kommentare verstärken diese Bindung sogar noch. Denn der Blick von außen ist der Blick, den Lydia selbst auf sich hat, sie erlebt sich selbst nur aus der Distanz, und das eigene Handeln erscheint ihr stets, als läge es schon in der Vergangenheit, als wäre alles bereits entschieden und zu einem endgültigen Abschluss gebracht. So hat man irgendwann den Eindruck: Die fremde Stimme, die Lydias Unglück begleitet, ist die ihres eigenen Ichs.

 

 

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