Die Reise von Charles Darwin – Kritik

Streaming-Tipp: Handwerk alter Schule im Weihnachtsmehrteilerstil. Die Reise von Charles Darwin mischt mit ruhiger Hand einzigartige Naturfotografie, Wissenschaft und Abenteuer. Manchmal grüßt von weitem Werner Herzog.

Das passt alles so gut zusammen: Das 4:3-Bildformat, die dunstig weich und stumpf konturierte Optik, der kluge Schnitt, die atmosphärische Erzählstimme und die außergewöhnlich interessierten, behutsamen Zooms in Augenhöhe auf jede Kleinigkeit: sei es auf nur 3 cm große Darwin-Nasenfrösche oder auf superschnelle kleine Ameisen, die werweißwie miteinander reden, um dann zügig eine Riesen-Heuschrecke davonzutragen. Die träumerisch inspirierte, ruhig atmende Kamera (David Whitson) schaut sich das alles ganz genau an und wundert sich unendlich. Sogar Vulkanstaub ist voller Leben.

Kein hochgespieltes Drama oder aufgemotzter Konflikt stört die naturkundliche Leidenschaft in diesem BBC-BR-Spielfilm-Mehrteiler (Regie: Martyn Friend), der an spektakulären Originalschauplätzen gedreht wurde. Die Tieraufnahmen im brasilianischen Dschungel sind dabei viel schöner und den Tieren näher als der Naturreportagen-Standard. Zugleich verschweigen sie auch nicht den Mut der Natur zu grandioser Hässlichkeit. Die brünstigen Seehundmänner auf Galapagos – was für rabaukige Typen! Auch die offensiv gruseligen Urviecher von Leguanen. Die kötteligen Formen der erstarrten Lava. Das monströse Skelett des dinosaurischen Riesen-Faultiers. Die menschliche Spezies steht dem in nichts nach und schockt mit unharmonisch hohen Hosentaillen über weiten, öden Stoffebenen bis zum Schritt (bei den Männchen) bzw. überkandidelt verzierten Haubengebilden (bei den Weibchen).

Wir befinden uns im britischen Biedermeier. Auf dem malerisch sanft gleitenden Expeditionsschiff „Beagle“ herrscht allenfalls ein Hauch von Unruhe und Seewolf-Atmosphäre durch Captain Fitzroy (Andrew Burt), einem angespannten, arroganten, aber wissenschaftlich höchst naiven Mann. Darwin reist mit und mag diesen depressiven und nervösen Menschen trotz seiner Macken. Darwin ist ein Außenseiter, der gerne etwas wilder lebt anstatt sich nur mit Akademikern abzugeben. Wir sehen ihn als besonnenen, aber entschiedenen Kritiker rassistischer Abwertung von Menschen und jeglichen Hochmuts gegenüber Pflanzen und Tieren. Unter den eigentlich gebildeten, gestandenen Männern seiner Zeit und Gesellschaft herrscht der rigide Glaube, Gott habe die Welt vor soundsoviel Jahren in einer Woche erschaffen. Darwin beobachtet hingegen in sieben schönen Folgen wie wundersam und intelligent die Natur sich unaufhörlich selber macht.

Die Serie kann man bei Amazon Prime streamen. 

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