Der Fremde – Kritik
Ein Franzose steht in Algerien für den Mord an einem Araber vor Gericht – und für die eigene Gefühlskälte. François Ozons Adaption von Der Fremde ist voller atmosphärischer Bilder, die aber nicht immer zur nüchtern-philosophischen Grundhaltung von Albert Camus’ Romanklassiker passen.

Die Struktur von Albert Camus’ Der Fremde ist simpel: Das Buch besteht aus zwei Teilen, die jeweils mit bizarr sachlichen Betrachtungen einsetzen und schließlich in wilden Ausbrüchen kulminieren. Diese Ausbrüche enden beide ebenso abrupt, wie sie beginnen, ganz so, als zerschellten sie an einer Wand – und wir mit ihnen. Das erste derartige Aufbrausen besteht aus einem Wirbel an Impressionen: eine drückende Sonne, ein geistiges Zerschmelzen, ein Mord. Das zweite nimmt die Form eines wortgewaltigen, philosophischen Tobsuchtsanfalls.
François Ozon kopiert für seine Verfilmung des Romans nicht nur dessen Struktur, sondern hält sich sklavisch an jede Wendung seiner Handlung. Meursault (Benjamin Voisin) erfährt vom Tod seiner Mutter, geht zu ihrem Begräbnis, beginnt einen Tag später eine Beziehung mit Marie (Rebecca Marder), lässt sich in die von Missbrauch bestimmte Beziehung seines Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) zu einer algerischen Frau (Hajar Bouzaouit) ziehen, tötet deren Bruder (Abderrahmane Dehkani) nach einer Auseinandersetzung am Strand und muss sich schließlich vor Gericht verantworten – für seine Tat ebenso wie für seine Gefühlskälte.
Bei Camus wird all dies aus der Ich-Perspektive erzählt und wir als Lesende werden mit der emotionslosen Beschreibung von Trauerfeiern, Gewalt und Zärtlichkeit allein gelassen. Durch den Wechsel des Mediums ist Ozon diese ausschließliche Fixierung auf das Erleben seines Protagonisten nicht möglich, da er Meursault nur von außen beobachten kann. In seinem Film sind wir der Figur nicht mehr ausgeliefert, sondern nehmen die Haltung einer moralischen Betrachtung ein – als müssten wir uns ein Urteil bilden über diesen Mann ohne erkennbare Moral, der sich konsequent dahintreiben lässt und an nichts hängt. Statt der absurd knappen Sprache Camus’ bekommen wir stimmungsvolle Schwarzweißbilder und lange, melancholische Einstellungen, in denen Gewalt und Sex nicht einfach registriert werden, sondern in denen sie uns mit vollem Affekt entgegenwallen. Auf diese Art macht der Film den Widerspruch zwischen der Dramatik der Ereignisse und der Teilnahmslosigkeit Meursaults viel nachdrücklicher erfahrbar, als es die Vorlage tut.
Bild und Text bleiben einander fremd

Das Problem des Films ist aber, dass Ozon es trotz der Verschiebung in der Erzählperspektive nicht schafft, den Stoff zu etwas Eigenem zu machen. Über weite Strecken übersetzt er einfach den Text Camus’ in typische, atmosphärische Ozon-Bilder. Doch Text und Bild wollen nicht zueinander passen, stattdessen rauben sie sich gegenseitig ihrer Kraft. In seiner Unschlüssigkeit greift Ozon dann immer wieder direkt auf Camus’ Worte zurück und schafft es dadurch nicht, sich von ihm zu lösen.
Eklatantestes Beispiel dafür ist die Darstellung des Mordes, den Ozon tatsächlich in eindrückliche, pulsierende Bilder übersetzt: die schwer erklärbare Affekthandlung ist eingebettet in flirrendes Sonnenlicht und glänzenden Schweiß. Nur lässt er auf diesen visuell starken Moment sofort Camus’ Originaltext aus dem Off folgen. Die Wirkung der Worte verpufft an dieser Stelle, denn sie ergeben sich nicht aus Camus’ kalt dargebrachter Absurdität und auf sie folgt auch nicht das gähnende Weiß einer leeren Seite (wie im Roman, wo diese Worte den ersten Teil der Erzählung abrupt beschließen). Stattdessen ist Camus’ Text hier in den gleichbleibenden Fluss atmosphärischer Bilder eingelassen und wirkt dadurch aufgesetzt und kitschig.
Im zweiten Teil des Films ist es nicht anders, dort spuckt Benjamin Voisin nach der Gerichtsverhandlung von einem Priester bedrängt Camus’ Worte hervor, aber auch hier sind sie ihrer Kraft verlustig gegangen, weil die folgenden Bilder sie mit ihrer bildlichen Melancholie abschwächen. Dieser Eindruck der Beliebigkeit verstärkt sich noch im Abspann des Films, der von The Cures Killing an Arab unterlegt ist – von einem Lied also, das einerseits zeigt, wie man sich diesen Stoff erfolgreich zu eigen machen und aus ihm ein neues Kunstwerk schaffen kann, das aber gleichzeitig jedes Nachhallen des eben erlebten Films sofort dämpft. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass Ozon sich hier gar nicht vergegenwärtigt, was er macht, sondern einfach nur zwei von ihm geliebte Dinge – Roman und Lied – zusammenwürfelt.
Das Problemwälzen steht dem Genuss im Wege

Der offensivste Eingriff in die Romanvorlage, den Ozon sich erlaubt, ist ein kleiner postkolonialistischer Twist. Buch und Film spielen im französisch besetzten Algerien und in Ozons Der Fremde schwingt deutlich das Argument mit, dass die Franzosen hier die wahren Fremden sind. Sobald sie ihre (Paris nachempfunden) Viertel in Algiers verlassen, sind sie von einer Kultur umgeben, mit der sie nichts zu tun haben und die sie nicht verstehen. An einer Stelle merkt die Schwester des ermordeten Arabers an, dass es immer nur um die Franzosen gehe und sich niemand für ihren Bruder interessiere. Tatsächlich bleibt auch Ozons kritischer Einschlag eine Ansammlung von Lippenbekenntnissen, die die algerische Kultur lediglich als Stichwortgeber für die Probleme der Franzosen nutzt. Selbst wenn man den Film als Anklage gegen das heutige Frankreich verstehen würde, das in den aus seinen ehemaligen Kolonien stammenden Mitbürgern immer noch nichts als Fremde sieht, bleiben die Andeutungen so vage und unbestimmt, dass daraus nichts Interessantes erwächst.
Lassen wir aber Camus’ übermächtige Vorlage außen vor, auch wenn es Ozon einem schwer macht, dann enthüllt Der Fremde gerade in der ersten Hälfte seines Portraits eines nihilistischen Mannes einen starken Sinn für körperliche Schönheit. In diesen Momenten geht es mal nicht um die Moral, sondern um Sonne, müßige Tage und sexy Körper. Sobald Ozons Film sich dazu durchringt, das Problemwälzen einmal auszuklammern, ist er durchaus in der Lage, zu genießen, was es in dieser absurden, brutalen Welt dennoch zu Genießen gibt.
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