Avatar: Fire and Ash – Kritik

Pandora glimmt nur noch vor sich dahin. James Camerons zweite Blockbusterfortsetzung Avatar: Fire and Ash lockt mit feurigen Ambivalenzen, aber wirkt im Ganzen doch nur wie eine Resterampe seiner Vorgänger.

Als James Cameron vor 16 Jahren mit Avatar das erste Mal zum Mond Pandora aufbrach, nutzte er die Inspiration einiger Gemälde Roger Deans, um eine fantasievolle tropische Welt in den Lüften zu erstellen. Fliegende Felsen, fliegende Echsen und fliegende Quallen durchzogen die atemberaubenden, schwindelerregenden Weiten. Der Film ließ eine 3D-Welle losbrechen, die epochale Weltbildung versprach, die Befreiung der Fantasie von den Limitierungen des Umsetzbaren, ein Kino des Staunens. Als Avatar: The Way of Water vor drei Jahren folgte, war von diesen Versprechen nicht viel übriggeblieben. Cameron ließ sich nicht beirren und erweiterte seine Welt um ein Meer, das er mit uns schwelgend durchzog. Wieder schuf er erstaunliche Bilder reichhaltiger Exotik.

Nun also Avatar: Fire and Ash. Pandora wird um einen weiteren eingeborenen Na’vi-Stamm erweitert. Dieser lebt in den Aschen seines verbrannten Waldes. Rot und Weiß malen sie sich an und fühlen sich von Gott verlassen. Sie wollen am liebsten die Welt in Brand stecken, um jeden an ihren Wunden teilhaben zu lassen. Es ist nur logisch, dass sie sich mit der menschlichen, technischen Invasion zusammentun und gemeinsam mit dieser das Paradies Pandora bedrohen. Die Farbpalette – bisher ganz blau und grün – wird um rot erweitert, die ätherische Immersion um Fetische, Perversion und Drogen.

Die Bilder könnten in Flammen aufgehen

Die aus den Köpfen der Na’vi wachsende Nabelschnur (oder was auch immer), mit der sie sich mit Tieren und der Natur verbinden können, wird dabei einem neuen psychosexuellen Zweck zugeführt. War sie vorher nur dazu da, ein tieferes Verständnis von der Welt und die Einheit mit ihr zu erlangen, vergewaltigt das weibliche Oberhaupt des neuen Stamms, Varang (Oona Chaplin), seine Gegner nun vermittels der Schnur. Sie verbindet sich durch die Schnur mit ihrem Gegenüber, kann in ihm lesen und ihn schmerzvoll unterwerfen. Sie lebt in einem mit Knochen zugehangenen Dorf und liest mittels einer rituellen Wahrheitsdroge in den Seelen anderer.

Waren die Avatar-Filme bisher arg sittsam und über simple Gegensätze konstituiert, könnten nun, verspricht dieser Handlungsstrang auf den ersten Blick, Brüche spürbar werden, die den Blick in die Welt und Seele Pandoras erweitern. Die Bilder könnten in Flammen aufgehen. Nichts davon geschieht. Das Dorf Varangs bleibt Episode. Nicht das Rot der Flammen, sondern das Grau der Asche bestimmt den Film. Varang mit ihrem imposanten Dilophosaurus-Kopfschmuck und ihrer Stirntonsur spielt nur im Mittelteil des Films eine Rolle und wird im Weiteren an den Rand gedrückt. Alles Hinzugefügte verpufft oder bleibt im Ansatz stecken. Stattdessen ziehen wir wieder durch bekannte Wasser- und Luftweiten. Nur gibt es dabei nicht viel zu staunen, sieht der Film doch arg wie eine Resterampe der Vorgänger aus.

Gott wird gefunden, Wunder geschehen

Da die Welt optisch kaum Neues bietet – eine von fliegenden Blobfischen (oder was auch immer) gezogene Steampunk-Karawane zu Beginn ist ein Glanzlicht –, wird umso schmerzhafter bewusst, dass die Filme erzählerisch von jeher mau waren. Die bleierne Leere, die schon im zweiten Film herrschte, wird nun durch nichts mehr abgefedert. Cameron lässt nicht locker. Kein Fünkchen Spaß findet sich im heiligen Ernst des Kampfes eines indigenen Naturvolks gegen die kapitalistische Moderne, kein kreativer Dreh wertet die Versatzstücke aus dem herkömmlichen Dramaturgiebaukasten auf. Vor allem lässt sich Cameron noch mehr Zeit als in den Vorgängern und lädt ein monströses Nichts mit einer Laufzeit von fast 200 Minuten auf uns ab.

Obwohl. Mit Nichts ist Avatar: Fire and Ash nur unzureichend beschrieben, ist doch jede Menge los. Söhne verraten ihre Väter oder leiden an deren stummer Autorität. Eltern leiden am Tod ihrer Kinder oder meinen sie zum Wohl ihres Volks umbringen zu müssen. Ein Baby wird buchstäblich in den Krieg hineingeboren. Rassismus muss überwunden, Gott gefunden werden. Wunder geschehen. Eine Art Ahab mit Armprothese macht Jagd auf Wale. Die Dissonanz in Familien, Völkern, zwischen allen Lebewesen muss zu einer einheitlichen Strategie und Gemeinschaft zusammengeschweißt werden. Aber all das hat keinen Nachdruck. Es bleibt bei abstrakten Konzepten und Episoden, die zwar fast die ganze Laufzeit ausmachen, aber trotzdem nur wie nebenher erzählt wirken.

Hoffen auf das vierte Element

Am Ende macht es natürlich Wumms, und Actionspektakel kann Cameron immer noch. Auch wenn es inzwischen nur noch intensiv ist, kaum noch schön oder interessant. Immer wieder zeigt sich, dass den Avatar-Filmen – trotz der beschworenen Esoterik – eine tiefergehende Spiritualität fehlt. Feuer muss immer mit Feuer bekämpft werden. Gott zu finden ist keine Sache der spirituellen Einkehr, sondern eine Anstrengung. Überhaupt muss er nur gefunden werden, damit er als Waffenbruder akquiriert werden kann. Das Paradies Pandora scheint nur etwas wert zu sein, wenn um es gekämpft wird. In der Mitte der Filme klafft so eine Wunde. Das Paradies scheint doch nur mit Waffengewalt erringbar, womit es aber schon verloren ist. Die Büchse der Pandora ist auf Pandora unumkehrbar geöffnet.

Selbst in diesem Schmerz der unabwendbaren Niederlage glimmt der Film nur dahin. Die spannendste Frage ist vielleicht, was Cameron mit dem nach Luft, Wasser und Feuer vierten Element anstellen wird, mit der Erde. Vielleicht jagen wir in Teil vier durch ein Tunnelsystem. Wenn sich die Kamera durch den Boden wühlt, schafft sie es womöglich, die in Teil 3 zu Grabe getragene Reihe doch wieder auferstehen zu lassen.

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