Arru – Kritik

Berlinale 2026 – Panorama: In Elle Sofe Saras Spielfilmdebüt Arrú wird das traditionell naturverbundene Leben einer Sámi-Gemeinschaft bedroht. Durch ein Bergbauprojekt, aber auch durch schockierende Untaten in den eigenen Reihen.

Menschenleere Schneelandschaften, blauer Himmel, knuffige Rentiere am Horizont. Arrú beginnt fast wie eine National Geographic-Reportage aus dem hohen Norden. Wäre da ist nicht dieser rote Fleck im Schnee. Und das eine zuckende, bockende Tier, das sich mit seinem Geweih in dicken Seilen verfangen hat. Zum Glück kommt eine beherzte Rentierhüterin mit ihrem Motorschlitten angefahren und befreit es von seinen Fesseln. Dann wendet sie sich dem roten Fleck zu. Im Schnee findet sie ein kleines, blutig-glänzendes Rentierembryo – die Fehlgeburt des zitternden Muttertiers.

Nachdem sie das tote Baby begraben hat, fängt die Frau zu singen an, in einer fremden Sprache mit kehlig-leidenschaftlicher Stimme. Sie singt vom Leben, der Fürsorge und dem Respekt vor der Natur. Es ist die Sprache der Sámi, der Ureinwohner Skandinaviens, die bis heute als indigene Minderheit im Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands zuhause sind. Um ihre Kultur und aktuellen Konflikte geht es in Elle Sofe Saras Spielfilmdebüt. Im Mittelpunkt der Handlung steht Rentierzüchterin Maia (Sara Marielle Gaup Beaska), die mit Tochter Áilin (Ayla Gáren Nutti) und Bruder Dánel (Simon Issát Marainen) in der abgeschiedenen Finnmark-Region ein einfaches naturverbundenes Leben führt. Das wird nun durch ein Bergbauprojekt bedroht. Während Maia mit Anwälten und Protestaktionen dagegen anzukämpfen versucht, brechen in ihrer Familie alte Wunden auf. Und sie muss entscheiden, was ihr wichtiger ist: das Land der Vorfahren um jeden Preis zu verteidigen oder ihrem traumatisierten Bruder beizustehen und damit das Image der Sámi-Community zu beschädigen.

Eigenwilliges Musical-Drama mit surrealen Traumsequenzen

Sofe Sara inszeniert die Story nicht als mainstreamtauglichen Ethno-Krimi, sondern als eigenwilliges Musical-Drama. Ruhige, fast dokumentarisch wirkende Beobachtungen vom Alltag der Rentierhüter – Zäune reparieren, GPS-Tracker besorgen, Tiere schlachten, Zoom-Konferenzen führen – gehen nahtlos über in surreale Traumsequenzen, in denen Maia beim nächtlichen Waldlauf mit ihren Ahnen kommuniziert. Gesungen und getanzt wird ziemlich oft. Dazu muss man wissen, dass „Joiken“, eine Art Jodelgesang mit kurzen, repetitiven Melodien zur Sámi-Kultur gehört wie Rentierfellstiefel und knallige Kopfbedeckungen.

Für Uneingeweihte mag das erstmal gewöhnungsbedürftig sein, vor allem wenn man bestimmte Vorbehalte gegen Volkslieder und Trachten-Outfits hegt. Doch die Regisseurin, die selbst zur Sámi-Minderheit gehört und in Norwegen als Choreografin und Performance-Künstlerin bekannt ist, lässt mit den Musical-Einlagen nicht unbedingt den Verdacht aufkommen, es ginge ihr um das Zelebrieren rückwärtsgewandten Folklorekitschs. Auch wenn die Sänger mit Rentieren schmusen, wird das Leben der Sámi-Bevölkerung alles andere als paradiesisch dargestellt. Die Bedrohung durch Industrieprojekte ist real. Zur Ausbeutung wertvoller Bodenschätze oder für Staudammbauten wurden auf traditionellem Sámi-Gebiet ganze Landstriche zerstört. Immer wieder gab es dagegen heftigen Widerstand, der mittlerweile ebenfalls Teil der indigenen Identität geworden ist.

Mutig und selbstkritisch

In Arrú fungieren die traditionellen Sámi-Lieder denn auch als Kampfgesänge gegen den rücksichtslosen Kapitalismus, der zur Profitmaximierung die letzten intakten Ökosysteme zerstört. Zugleich werden sie aber auch zum moralischen Kompass für den Umgang mit Unrecht in der Community. Oder anders gesagt: Wer so inbrünstig gegen staatliche Verbrechen an der Natur ansingt, sollte seine Augen nicht vor Untaten in der eigenen Familie verschließen.

Dass es hier nicht vor allem um Strategien postkolonialen Widerstands geht, sondern eigentlich um einen Fall von sexuellem Missbrauch, erschließt sich erst nach und nach. Maia bittet ihren Onkel Lemme (Mikkel Gaup), einen charismatischen Bürgerrechtsaktivisten, um Unterstützung im Kampf gegen das Minenprojekt. Der ist gleich Feuer und Flamme, mobilisiert die Sámi-Jugend, organisiert medienwirksame Demos und schmeißt abends im Protest-Camp Saunaparties für die Kids. Das kommt Maias Tochter schon irgendwie komisch vor. Als Dánel dann ziemlich betrunken seinen Onkel damit konfrontiert, ihn als Kind missbraucht zu haben, ist der Schock groß.

Wie die Gemeinschaft auf diese krasse Enthüllung reagiert und welche Konsequenzen Maia und ihre Familie letztlich ziehen, soll hier nicht gespoilert werden. Doch Regisseurin Elle Sofe Saras Solidarität liegt unmissverständlich bei den Opfern. Das macht den Film vielleicht nicht zum besten Aushängeschild für tolerante, empathiegeleitete Sámi-Kultur, aber dafür zu einem erstaunlich mutigen, selbstkritischen Werk.

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