28 Years Later: The Bone Temple – Kritik
Die Welt heilen oder sie töten? Nia DaCostas gelungenes Zombiefilmsequel 28 Years Later: The Bone Temple bietet euphorisch friedvolle Bilder, bevor es in einem Kampf gegensätzlicher Geisteshaltungen gipfelt.

Horror – Gefühl und Genre – ist oftmals eine Frage der Perspektive. Man kann sich von einem Geist bespucken lassen, oder versuchen, ihn zu befrieden. Man kann sich von einem Haus psychisch und körperlich einnehmen lassen oder einfach ausziehen. Man kann sich von einem Zombie töten lassen oder, wie Jimmys Vater im Vorgänger, dies als religiöse Erlösung verstehen. Futter für die Götter. Perspektive im Sinne einer Entscheidung, einer Praxis, gebunden an ideologischen und philosophischen Prinzipien, Wegweiser, wie man mit und in der Welt – natürlich oder übernatürlich – agieren will.
Körper und Kopf im ewigen Kampf

Wenn Dr. Ian Kelton (Ralph Fiennes) im neuen Film langsam beginnt, sich Samson (Chi Lewis-Parry), dem Alpha-Zombie aus dem ersten Teil, anzunähern, geschieht dies durch einen willentlichen Kontrollverlust, ein Vertrauen darin, dass eine Kommunikation und Bindung mit den Infizierten möglich ist, eine Freundschaft sich bilden kann. Drehbuchautor Alex Garland und Nia daCosta, die für Danny Boyle die Regie übernimmt, geben uns vermehrt sinnliche Einblicke darin, wie Samson die Welt wahrnimmt – eine sensorische Reizüberlastung, durchbrochen von Erinnerungsfetzen, die er nicht greifen kann. Jede Person, die er tötet, sieht er als sein entstelltes Spiegelbild. Körper und Kopf im ewigen, nicht enden wollenden Kampf mit sich selbst, was Keltons Angebot von kurzweiligen Frieden so verlockend macht.
The Bone Temple belohnt dies mit euphorisch friedvollen Bildern. Samson sitzt im gnadenherzigen Morphinrausch inmitten des Ossariums, während Kelton um ihn herum Duran Duran singtanzt oder sich schlicht mit ihm unterhält – der Tonfall leicht ironisierend, aber immer beruhigend. Besorgt um seinen Freund, weil er dessen Potential sehen kann, aber auch dessen Leid wahrnimmt. Wie Spikes Mutter im Vorgänger bietet er am Ende Samson die Euthanasie an, einen Platz in der Schädelsäule und den Frieden, der damit einhergeht. Bis Samson sein erstes Wort sagt.
Predigt von der Seitenlinie

Dem gegenüber stehen Sir Lord Jimmy Crystal (Jack O’Connell), der inzwischen ausgewachsene Junge Jimmy aus dem Vorgänger, und sein satanischer Cult of Personality, dessen Mitglieder alle nach ihn benannt sind – Jimmy Snake, Jimmy Ink, Jimmy Shite, Jimmy Jimmy, Jimmy Fox, Jimmy Jones und Jimmima – und in der sich nun auch Spike wiederfindet. Die Anfangsszene zeigt, wie Jimmy seinen Kult führt und warum er darin so erfolgreich ist. Die Gruppe hat sieben „Finger“, die Jimmys Faust formen. (Was den Kult in der Größe kontrollierbar macht.) Rekruten wird angeboten, gegen ein Mitglied der Gruppe zu kämpfen und im Falle des Sieges dessen Platz einzunehmen. (Dies verhindert in der Theorie, dass sich unter den Mitgliedern langfristige Beziehungen entwickeln.) Spike gewinnt mit Glück seinen Kampf gegen Shite und wird mit mehr Trauma belohnt.
Wie jeder Kultführer hat Jimmy nicht nur die Identitäten seiner Schützlinge geändert, sondern auch semantisch deren Welt umgedeutet. Dabei orientiert er sich an einem zynischen Abzug des Christentums. Leute sterben nicht mehr, sie werden gesegnet. „Nächstenliebe“ bezeichnet Foltermethoden Die Haut vom lebendigen Leibe abziehen. Kastration. Das Leid der Opfer ist eine Gabe an Old Nick, wie Satan in dem Film genannt wird. Aus dem christlichen „Amen“ wird das Call-Response „How’s That?“ / „How’s That!“ Als Distanzierungseffekt, um die auszuübende Gewalt ertragbarer zu machen, tragen alle Finger selbstgenähte Masken. Jimmy selbst führt nie aus, predigt von der Seitenlinie und unterdrückt alle Momente der Schwäche und des Zweifels durch psychologische Dominanz.
Iron Maiden und Feuertanz

Wenig überraschend steuert The Bone Temple auf eine Konfrontation zwischen diesen beiden Weltanschauungen hin – einem Mann, der glaubt, die Welt heilen zu können und einem Mann, der glaubt, sie töten zu müssen. Doch am Ende stehen erstmal Konversation und leichte Psychoanalyse – „I like you. You’re easy to talk to“, gesteht Jimmy, von sich selbst überrascht, gegenüber Kelton. Jimmy versucht dennoch, an seiner Macht festzuhalten. Das finale Setpiece ist so etwas wie Puppentheater: Kelton, der Jimmys Idee einer satanischen Seance inszeniert und vorspielt. Iron Maiden und Feuertanz. Drei Gebote und eine ironische Umkehrung. Off-Script, „a leap into the unknown“.
The Bone Temple profitiert davon, dass der erste 28 Years Later-Film schon sehr detailreich die Welt und deren Dynamik erklärt hatte. Der zweite Teil wirkt fokussierter, baut sich drängender auf und bündelt seine Ideen in zwei erinnerungswürdigen, tonal unterschiedlichen Setpieces. Das ist eine neue Entwicklung in einer Filmserie, die sich seit ihrem Beginn mit Boyles 28 Days Later (2002) durch eine eskalierende Fluchtbewegung gekennzeichnet hatte. Die beiden Teile wurden back to back, aber mit komplett unterschiedlichen technischen Crews gedreht, was sich anfangs noch in leichten Nachahmungseffekten abzeichnet, ehe der Film, sobald er sich auf Kelton fokussiert, zu sich findet. Der Schnitt ist in seinen Zeitsprüngen nicht so experimentell wie im ersten Teil. Garland spart sich die Farocki-Zitate, wie den Lauf zum Festland als Sinnbild der Militarisierung, oder einen Gang durch die reale und fiktive britische Gewaltgeschichte. Die Bilder sind weniger eindrücklich als die Sonnenblumenfelder, verlassenen Scheunen, digitalen Rehherden und nassen Wälder im ersten Teil, aber daCosta ist eine gute Handwerkerin, versteht es, den Film fließen zu lassen und Garlands Drehbuch den Platz zu geben, den es braucht.
Ein dritter 28 Years-Film – nun doch bereits aufgrund der positiven Resonanz vorab von Sony in Produktion gegeben –, der die Cillian Murphys Rückkehr bestätigt und damit den Bogen schlägt zu 28 Days Later, wird bereits angespielt. Mir gefällt, dass The Bone Temple seine Leerstellen aushält – Spikes Vater aus dem ersten Teil irrt wahrscheinlich immer noch durch die Wälder, auf der Suche nach seinem Sohn – und nicht alles auserzählen will. Hoffen wir, dass es so bleibt.
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