VoD à la carte: Von krankhaftem Sex bis zur tierischen Mordlust

Die pralle Fülle des Kinos gibt es jetzt auch online. Jedenfalls wenn man unseren Empfehlungen ins Netz von Netflix, MUBI und Amazon Prime folgt.

Netflix

Madagascar 3

Fortsetzungen haben ihren schlechten Ruf manchmal zu unrecht. Zwar begnügen sich tatsächlich viele Sequels damit, eine Erfolgsformel fantasielos zu recyclen, doch es gibt eben auch andere, die Wagnisse eingehen und sich auf Neues einlassen. So verhält es sich auch mit der DreamWorks-Produktion Madagascar 3: Flucht durch Europa (2012), in der eine Gruppe afrikanischer Tiere den Wohlstand in Europa sucht, dort aber nur eine mordlüsterne Menschenmeute antrifft. „Mehr als sonst löst sich die Madagascar-Reihe im dritten Teil von ihrer Geradlinigkeit und zahmen Erzählweise“, schreibt Josef Lommer. „Der Wechsel zwischen Roadmovie, Liebesfilm und Actionkomödie ist stets darum bemüht, sein wackeliges Handlungsgerüst mit viel Detailverliebtheit und Referenzen an die Populärkultur auszubalancieren. Damit steht er ganz in der Tradition seiner Vorgänger, erscheint aber stellenweise experimentierfreudiger und brachialer.“

Die geliebten  Schwestern

Auf der Berlinale 2014 bewies Dominik Graf mit seinem sinnlichen Friedrich-Schiller-Biopic Die geliebten Schwestern, dass er mehr kann als die herrlich überfordernden Krimis, für die er bekannt ist. Danny Gronmaier sah in dem Film „beinahe zu jedem Zeitpunkt seiner Erzählung eine Abhandlung über Kommunikationsformen, deren Beschaffenheit und Gebrauch von ähnlichen Fäden der Macht und Ohnmacht durchzogen sind wie jene in Zeiten von Social Media und NSA. Die Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit ist ständig prekär, egal ob gesprochenes oder geschriebenes Wort. In entrückten Überblendungssequenzen, in denen im Off verlesene Briefwortlaute plötzlich in die bewegten Münder ihrer Autoren diffundieren und zu Dialog werden, nimmt Graf diese Ununterscheidbarkeit auch in seine Inszenierung auf. Ein Brief, jenes heute nostalgisch verklärte Persönlichkeitsmedium, kommt in der Weimarer Klassik eher einem Facebook-Post als einer Privatnachricht gleich.“ Auf Netflix ist der Film leider nur in der um 30 Minuten gekürzten Kinofassung zu sehen.

Fru  chte des Zorns

In der John-Steinbeck-Adaption Früchte des Zorns (1940) erzählt der große amerikanische Regisseur John Ford, wie eine Gruppe von Bauern während der Wirtschaftskrise von Großgrundbesitzern vertrieben wird. Unerschütterlich optimistisch und angelockt von leeren Versprechungen ziehen die Ausgebeuteten daraufhin weiter zum Sehnsuchtsort Kalifornien. Früchte des Zorns besticht nicht nur durch seine mitreißende Geschichte, sondern auch durch seine mal dokumentarisch anmutende, dann wieder expressionistisch geprägte Ästhetik. Norbert Grob schreibt dazu in epd Film: „Mit der Spannung zwischen Licht und Schatten formt der Film einerseits eine konkrete Vision über den Einfluss der Depression auf die innersten Werte der amerikanischen Gesellschaft. Andererseits auch eine Phantasmagorie über die Spannung zwischen dem Gefühl für die ‚heilige‘ Verbundenheit des Menschen mit Heim und Erde und dem Zorn über die Bedrohung dieser Verbundenheit.“

Amazon Prime

Bad Neighbors

Während Nicholas Stollers Komödie Bad Neighbors 2 gerade in den deutschen Kinos läuft, kann man auf Amazon Prime den schönen ersten Teil nachholen. Der Film erzählt von einer harmoniebedürftigen jungen Familie, die eine feierwütige Studentenverbindung als neue Nachbarn hat. Durch das Kollidieren unterschiedlicher Lebensentwürfe entsteht schnell ein erbitterter Kampf um das Recht auf Ruhe einerseits und andererseits auf die Freiheit, hemmungslos feiern zu dürfen. Dabei hat Bad Neighbors nicht nur gut sitzende Oneliner, ein exaltiert aufspielendes Schauspiel-Ensemble, pubertäre Initiationsrituale und zu Furzkissen umfunktionierte Airbags parat, sondern auch ein gutes Auge für die sozialen Differenzen seiner Figuren. Seth Rogen und Rose Byrne dürfen sich als etwas spießig gewordene Mittdreißiger erst hemmungslos an ihre coolen jungen Nachbarn anbiedern, um schließlich im Eifer des Gefechts das ungezogene Kind in sich zu entdecken. [zum Stream]

Nymphomaniac 17

Ebenfalls auf Amazon Prime gibt es momentan auch den Director’s Cut von Nymphomaniac (2013). Im Gegensatz zu den Vorgängern Antichrist (2009) und Melancholia (2011) wirkt der Abschluss von Lars von Triers Trilogie der Depression leichtfertig und unbekümmert, als passte sich der dänische Regisseur nun der Grammatik der Pornografie an. Die Geschichte der Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg / Stacy Martin) ist laut Frédéric Jaeger weder krude noch pornografisch. „Sie taugt zur sexuellen Anregung nur bedingt und ordnet sich einem solchen Zweck nie unter. In einer majestätischen Splitscreen-Sequenz zum Schluss vom ersten Teil erlaubt sich der Regisseur den Spaß, das allegorische Potenzial der sexuellen Beziehungen von Joe beinahe onkelhaft durchzuexerzieren, samt Aufnahmen einer Orgel und eines Raubtiers. Und als man denkt, der Witz ist durch, da bricht plötzlich die Bedeutung durch, die Not und Dringlichkeit der Erlebnisse sind da, unmissverständlich gegenwärtig.“ Der um fast eine halbe Stunde längere Director’s Cut enthält nicht nur weitere explizite Szenen, sondern ist auch erzählerisch ausschweifender. [Zum Stream]

Seconds

John Frankenheimers Science-Fiction-Film Seconds (1966) ist bei der Kritik zunächst gar nicht gut angekommen. In Deutschland meinte zum Beispiel der Evangelische Beobachter:  „Ein gedanklich bestechender Ansatz wird hier – leider formal perfekt! – zu einer abstrusen Perversität von schauerlicher Suggestivkraft. Wir müssen ablehnen!“ Heute genießt die Dystopie über einen von Rock Hudson gespielten Bankangestellten, der sein ödes Leben gegen ein anderes tauscht, deutlich mehr Zuspruch. So schreibt etwa David Sterritt: „When much of American pop culture was infatuated with the swinging, psychedelic 1960s, John Frankenheimer was focused on the decade’s darker side—the sour aftertaste of McCarthyism, the expanding military-industrial complex, the growing sense that technology might be controlling us instead of the other way around. Of his eleven theatrical films made during this period, none is more chilling or prescient than 1966’s Seconds, the third and crowning chapter of what’s now known as Frankenheimer’s paranoia trilogy.“ [zum Stream]

Mubi

Faust 01

Eine Pflichtlektüre aus dem Gymnasium zu einem ebenso eigenwilligen wie bildgewaltigen Film zu adaptieren, scheint kein leichtes Unterfangen zu sein. Anders als ein Kollege wie Volker Schlöndorff – der seine Literaturadaptionen wiederum direkt für den Deutschunterricht zu konzipieren scheint – inszeniert der russische Regisser Aleksandr Sokurov den Faust als mäandernden Höllentrip, der mitunter an die Bilder von Hieronymus Bosch denken lässt. Obwohl hier und da einige bekannte Zitate zu hören sind – vom armen Tor zum Pudels Kern –, verlässt sich Sokurov nie auf die Wirkungskraft von Goethes Text“, schreibt Michael Kienzl. „Den sprechen die Akteure in einem seltsamen Rhythmus, der weder feierlich noch pathetisch wirkt. Faust ist nicht nur Text und Kostüm, sondern lässt sich ganz auf seinen Schauplatz ein. Er kriecht durch eine dreckige und verrohte Gesellschaft, zu der lediglich das Waschhaus, in dem Faust zum ersten Mal dem jungen und naiven Gretchen begegnet, einen starken Kontrast bildet.“ [zum Stream]

Der Adler ist  gelandet

„John Sturges letzter Film ist eine kleine Kuriosität, weil er über weite Strecken die Nazis und damit die eigentlichen Schurken in den Mittelpunkt seiner Handlung rückt“, sagt Oliver Nöding über Der Adler ist gelandet (1976). Der auf einem Roman von Jack Higgins basierende und von Lalo Schifrin vertonte Kriegsfilm handelt von der größenwahnsinnigen Idee der Nazis, Winston Churchill zu entführen, um damit die Alliierten erpressen zu können. Herausgekommen ist dabei ein im besten Sinne altmodischer Abenteuerfilm, der vor extravaganten schauspielerischen Darbietungen nur so strotzt. „Geradezu ikonische Nazi-Darstellungen legen Robert Duvall als Oberst Radl mit Augenklappe und lederbehandschuhter Prothesenhand und Donald Pleasence als grienender Himmler hin.“ [zum Stream]

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