VoD à la carte: Empfehlungen für Netflix, Amazon Prime und MUBI im Mai

Auf unserer zweiten Tour durch die Video-on-Demand-Portale haben wir unter anderem Filme von John Carpenter, Robert Altman, Claude Chabrol und Tetsuya Nakashima ausgewählt.

Netflix

Edge of Tomorrow 02

Der „Alles nur geträumt“-Effekt gilt als No-Go der Filmdramaturgie. Welche Funken sich aus ihm schlagen lassen, wenn man ihn zum Erzählprinzip erhebt, zeigt Doug Limans Science-Fiction-Kriegsfilm Edge of Tomorrow. Im Endkampf der Menschheit gegen eine Alien-Übermacht auf den Schlachtfeldern Europas spielt Tom Cruise einen Soldaten, dessen Tod die Zeit um einen Tag zurückspringen lässt – in einer Täglich grüßt das Murmeltier-haften Endlosschleife. „Was Doug Liman im Kosmos der Genremuster reaktiviert hat“, schreibt Lukas Stern, „ist ein Feingefühl für Ironie. Immer dasselbe Frage-Antwort-Spiel, täglich muss Cage da durch, wird in Serie montiert, als würde Edge of Tomorrow seine eigene YouTube-Parodie schon vorwegnehmen.“ Edge of Tomorrow sei „gewiss kein Querschläger in der studiogedrosselten Blockbuster-Ökonomie, das Hauptprinzip ist auch hier die digitale Sensationsästhetik, ein Prinzip im Übrigen, das fraglos gelingt, aber er wirkt doch oft erfreulich irregulär und auch – man darf das heute tatsächlich wieder anmerken – erheiternd.“

The Ward 01

Nach frühen Meisterwerken wie Assault on Precint 19, Halloween oder Die Klapperschlange habe John Carpenter künstlerisch nicht viel mehr auf die Reihe gekriegt – so lautet ein gängiges Urteil, das wie viele gängige Urteile dringend einer Überprüfung bedarf. Im Jahr 2010 jedenfalls ist dem Regisseur nach zehnjähriger Leinwandabstinenz mit The Ward ein Comeback gelungen, das, wie Stefan Jung schreibt, „in der Tradition des ausgeklügelten Slasher-Films“ steht: „Lange zentralperspektivische Zooms von Gängen und Türrahmen ziehen den Zuschauer immer stärker in ein Labyrinth aus Angst“, „Kellerflure und Fahrstuhlschächte enden in schwarzer Leere, verströmen Unsicherheit und Gefahr.“ Konsequent lasse der Regisseur „seine jungen, hübschen Protagonistinnen durch die finsteren Räume irren, und der Zuschauer ist in keiner Sekunde vor dem plötzlichen Einbruch der Gewalt sicher. Dabei setzt Carpenter bewusst gewählte Abstufungen von Schocks ein, mal unerhört garstig, aber auch elegant und subtil, die den Film in seinen besten Momenten direkt mit Assoziationsbildern aus Halloween oder The Fog – Nebel des Grauens in Verbindung bringen.“

First Blood 001

Kaum eine Filmfigur hat einen schlechteren Leumund als Sylvester Stallones Rambo – wie Oliver Nöding schreibt, reicht schon die Erwähnung des Namens, „um Bildungsbürgern, Liberalen, Aufgeklärten und Kunstbeflissenen ein abfälliges Naserümpfen zu entlocken.“ Unter dem Titel „wurde alles subsummiert, was an Hollywood, am modernen Kino und natürlich an den USA verabscheuungswürdig und schlecht war.“ Dank diesem Gemeinplatz sind bis heute viele Menschen überrascht, wenn sie den Auftaktfilm der Reihe das erste Mal sehen, den durchaus noch gesellschaftskritische New-Hollywood-Spuren durchziehen (und in dem es übrigens nur einen einzigen Toten gibt). Doch auch wenn Ted Kotcheffs Film von 1982 – im Original First Blood betitelt – sich in der Zeichnung der Figur und im ideologischen Subtext stark von Teil II und III abhebt, lohnt es sich, die Wandlung des versehrten Vietnam-Veteranen zum mythischen Übermenschen in den Fortsetzungen zu verfolgen: nicht nur als historische Betrachtung einer filmischen Schlüsselfigur der Reagan-Ära, sondern auch als Beispiel für formvollendetes 1980er-Jahre-Actionkino.

Amazon Prime

Robert Altmans Last Radio Show 001

Vor mittlerweile zehn Jahren kam Robert Altmans letztes vollendetes Werk in die Kinos, bevor der Regisseur im November 2006 verstarb. Doch auch wenn den Film über die letzte Aufzeichnung eines legendären Radioprogramms ein Hauch des Abschieds durchweht – ein Eindruck, der vom deutschen Verleihtitel Robert Altman’s Last Radio Show noch forciert wird –, liegt sein Reiz nicht allein im melancholischen Abgesang auf ein vermeintlich aussterbendes Medium. „Nein, Altman feiert noch einmal, ganz nur um das Erzählen und Beobachten kreisend, die Schönheit des Films“, schreibt Rochus Wolff – in einem für den Regisseur typischen starbesetzten Ensemblefilm, „dessen mäandernde Struktur sich den klassischen Erzählprinzipien, dem Zwang zu Spannung und Dramatik widersetzt, oder genauer: sie einfach links liegen lässt.“ Apropos Abgesang: Die Sendung, der der Film gewidmet ist (auf Amazon Prime derzeit leider nur in deutscher Synchronfassung zu sehen), läuft noch heute. [Zum Stream]

00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse 04

Knapp eine Dekade nach seinem letzten selbst inszenierten Film kehrte Helge Schneider 2014 mit 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse als Regisseur zurück und entführte den Zuschauer, wie Danny Gronmeier schreibt, in eine „zeitlich wie räumlich hochgradig entgrenzte Filmwelt“. Eine Welt, in der die Ruhrpottlandschaften der alten BRD in mediterranem Glanz erstrahlen, und ein, wenn man so will, Krimi-Plot, der von Genreversatzstücken des 1970er-Jahre-Polizeifilms durchzogen ist – freilich bar jeder Spannungsdramaturgie. Weniger auf Camp setzend als in seinen früheren Werken, aber nach wie vor auf 16mm drehend, spinnt Schneider die Saga um seinen kauzigen Kommissar mit der ihm eigenen zart-absurden Poesie fort und zeigt im Wendekreis der Eidechse erneut, dass er in der hiesigen Kinolandschaft und erst recht im Ödland des deutschen Humors einzig dasteht. [zum Stream]

MUBI

Das Biest muss sterben 001

Bei MUBI stehen in diesen Wochen mehrere Filme von Claude Chabrol auf dem Programm – neben Zwei Freundinnen (1968), Der Riss (1970) und Blutige Hochzeit (1973) ist Das Biest muss sterben (1969) zu sehen. In dem Selbstjustiz-Drama macht sich ein verwitweter Schriftsteller auf die Suche nach dem flüchtigen Autofahrer, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Und obwohl der rachdurstige Vater als Sympathieträger fungiert und der Schuldige als das titelgebende „Biest“, gelingt es dem Film, wie Udo Rotenberg schreibt, „selbst in einer so eindeutigen Szenerie eine komplexe Wahrnehmung zu behalten“. Die Meisterschaft „zeigt sich im Detail und einer unmerklich daher kommenden Art, Dingen, die klar zu sein scheinen, einen anderen Charakter zu geben. An der Düsterkeit seines Werkes und dem pessimistischen Blick auf die bürgerliche Gesellschaft kann dabei kein Zweifel sein, wenn er hier den negativsten Menschen als den Lebendigsten schildert.“ Mit Wolfsburg legte Christian Petzold 2003 eine so kühl-analytische wie eindringliche Variation von Chabrols Klassiker vor. [Zum Stream]

Gestaendnisse  05

Nur noch wenige Tage besteht die Gelegenheit, sich auf MUBI Tetsuya Nakashimas Sozialsatire Geständnisse – Confessions anzusehen. Einen „filmgewordenen sozialpädagogischen Albtraum“ nennt Nino Klingler den vielfach ausgezeichneten, aber auch heftig umstrittenen Film über eine Schule in Tokio, die von sozialer Verwahrlosung und emotionaler Verrohung heimgesucht ist. „Die Form des Films geriert sich als zombiehafter Nachvollzug der audiovisuellen Erfahrungswelt der Jugend: ein Videoclip aus der Hölle. Eine allgegenwärtige (Be-)Drohung liegt über dem gesamten Film, eine visuelle, akustische und menschliche Hässlichkeit.“ Geständnisse – Confessions sei „ein soziales Apokalypse-Szenario inmitten einer hochentwickelten Industriegesellschaft, und das in Gestalt sehr stilsicheren, sehr gehaltvollen, sehr sündigen Vergnügens.“ [Zum Stream]

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