Von der Wendezeit zur Zeitenwende – Berlinale Grohlumne (3)

Deutsche in Uniform begegnen ungelenk und sorgenvoll den Wirren eines historischen Umbruchs – einmal im Bahnhof Friedrichstraße, einmal in einem Manöverdorf der Bundeswehr. In seiner dritten Kolumne von der Berlinale serviert Thomas Groh ein sektionsübergreifendes Double Feature.

In den Nebensektionen der Berlinale lassen sich immer wieder überraschende Korrespondenzen über Sektionsgrenzen hinweg ausmachen. Korrespondenzen, mit denen man im Vorfeld nicht unbedingt gerechnet hätte, wie etwa im Fall von Konstanze Binders, Lilly Grotes, Ulrike Herdins und Julia Kunerts Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990, der in der Retrospektive zu sehen ist, und Marie Wilkes Szenario im Forum.

Wendezeit – Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 ist ein Paradebeispiel für „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ – genius loci, genius temporis. Auf engstem Raum verdichtet, spielt sich am ehemaligen Grenzübergang zwischen DDR und Westberlin das Umbruchsjahr 1990 wie unter einem Mikroskop oder gar wie eine szenische Performance ab. In Architektur gegossene Macht kriegt Risse, bürokratische Formalia werden zu leerlaufenden Ritualen, ein Kontrollapparat fossiliert erst und verschwindet dann. Eine einst betonharte Diktatur verflüssigt sich und versickert. Viele Jahrzehnte lang drohte der Kalte Krieg zu einem heißen zu werden, der Systemkampf zur alles entscheidenden Frage der Menschheitsgeschichte. An dessen Ende fliegen dann aber doch keine Bomben, sondern unterm abmontierten Kontrollhäuschen wird lediglich der angesammelte Staub der Jahrzehnte weggefegt – radiounaktiver Fallout am banalisierten Ende der Geschichte, das so endgültig dann schließlich doch nicht war.

Ein ost- und westdeutsches Regiekollektiv wirft in diesem Film, der im Forum 1991 seine Premiere feierte und kurz danach im ZDF lief, Schlaglichter auf einen Ort, den man von heute aus betrachtet kaum wiedererkennt. Wir erleben die Turbulenzen zu Beginn des Wendejahres, als noch die Lust am gegenseitigen Kennenlernen im Vordergrund stand, die Sorgen, die sich bereits am Vorabend der Währungsunion ab dem 1. Juli 1990 artikulierten, und schließlich den trivialen Abbau aller Grenzposten – ein seltsam utopieloses Austrüben der euphorischen Aufbruchstimmung aus dem Herbst 1989.

Avantgardistische Lebenskünstler und hilflose Beamte

Wie immer in politisch einschneidenden Umbruchszeiten mit noch unklarem Ergebnis, tun sich Möglichkeitsräume auf, schlägt die Stunde der Lebenskünstler und Glücksritter, entstehen Irritationen, wird Sorge laut. Ein Cellist aus dem Westen etwa, der sein Instrument Mad-Max-artig modifiziert hat, berichtet von ratlosen Grenzkontrolleuren, die ihn erstmal ins Nebenzimmer abstellen und ganze vier Beamte brauchen, um festzustellen, ob das Instrument nun wirklich ein Cello oder nicht doch etwas – ja, was? – völlig Anderes sei. Wenn er auf dem Bahnsteig dieses Instrument dann avantgardistisch eigenwillig spielt, zeichnet sich darin bereits die legendäre anarchische Subkultur ab, die das Ost-Berlin nach der Wende für gut ein Jahrzehnt prägen sollte.

Oder ein Freak sitzt in der S-Bahn und rezitiert Bob-Dylan-Texte auf Deutsch. Friedensbewegte aus dem Osten erzählen derweil von ihren Petitionen zur Abschaffung der Nationalen Volksarmee. Und findige Sowjetrussen machen sich in einer toll ranzigen Bahnhofsgastronomie Gedanken darüber, wie sie mit mutmaßlich illegalem Devisen-Straßenhandel rasch an große Mengen Bargeld kommen können, um in ihrer Heimat, wenn dort die Marktwirtschaft so richtig los geht, entscheidende Startvorteile zu haben. Vielleicht sind sie heute ja wirklich Oligarchen.

Im Run auf den Westen vom Osten, auf den Osten vom Westen bleiben solche Leute allerdings vereinzelte schillernde Tupfer. Neben den schier grenzenlosen Kachelgang-Labyrinthen des Bahnhofs Friedrichstraße stehen die ganz normalen Berlinerinnen und Berliner im Mittelpunkt, die hier ihren Dienst für die DDR verrichteten oder von A (Ost) nach B (West) wollen. Es sind Studien in Arten des Sprechens und des voranschreitenden Souveränitätsverlusts. Ein junger Grenzbeamter informiert zu Beginn des Films über die Herausforderungen bei der Passkontrolle und zückt dazu keck eine kleine Handfibel: An der Kopf- oder Ohrenform als eindeutigem Identifikationsmerkmal sollst du den Mensch vor dir im Abgleich mit dem Passfoto erkennen. Und der Pass muss stets auf seine Echtheit hin überprüft werden.

Die Realität des gelockerten Grenzübergangs zeichnet allerdings unmittelbar darauf ein anderes Bild: Nur Bruchstücke einer Sekunde bleiben für den Blick auf Pass und Gesicht des Gegenübers, später im Film soll dann ein einsamer Grenzbeamter die Massen per schneller „Gesichtskontrolle“ und hochgehaltenem Pass identifizieren. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das noch absurder wirkt, als dem Beamten bei der an einen Mann gerichteten Aufforderung, doch bitte den Ausweis zu zücken, eine ganze Gruppe von Leuten ganz ohne Inaugenscheinnahme durch die Lappen geht.

Ein Archiv der Farben und Sprechweisen

Die Zukunft dieser Beamten, aber auch der Frauen in den Intershop-Büdchen am Bahnhof, ist ungewiss. Der eine will seinen Job gerne weiter ausführen, der andere möchte Hausmeister werden, ein dritter sieht völlig schwarz: Man habe die Marktwirtschaft gewollt, jetzt müsse man eben auch damit umgehen, dass nicht mehr alle einen Job haben werden. Resignative Melancholie. Die Verkäuferinnen sprechen von Vorstellungsgesprächen beim Edeka, wo man solche wie sie aus dem Osten aber nicht haben wolle. Sorgen bereiten auch die deutlich restriktiveren Abtreibungsgesetze der Bundesrepublik. Auch ihre Töchter sollen in Zukunft die Wahl haben dürfen, ob sie ein Kind austragen wollen oder nicht, sagt eine Verkäuferin. Und alle wünschen sich, dass von der Sozialgesetzgebung der DDR ein wenig in den Westen gerettet werde. Kurz vor der Wiedervereinigung zeichnet sich hier bereits in verblüffender Deutlichkeit ab, was bis in die heutige Gegenwart als Versäumnis der Nachwendezeit und als Missverhältnis zwischen Ost und West diskutiert wird.

Nicht zuletzt ist der Film auch ein Archiv nicht nur der kostengünstigen, im Vergleich zu heute geradezu irritierend farbenfrohen Straßenmode, sondern auch der gesprochenen Sprache von damals. Schwerhörige Westberliner Rentner, die in ihrer unnachahmlich kantigen Art auf überforderte Ostberliner Infobüdchen-Insassen treffen – das gibt es heute ebenso nicht mehr wie jene unüberwindbaren Sprachbarrieren zwischen zwei Sprachkulturen, deren Begegnung von keinem Schulunterricht und keinem politischen Machtblock je vorgesehen war. Google Maps und Übersetzungs-Apps, sie haben schon ihr Gutes. Damit erzählt der Film aber eben auch von der im Geschichtsverlauf verwehten Komik flüchtiger Alltagsbegegnungen, die letzten Endes oft ergebnislos in trüber Lakonie versandeten.

Markant ist auch die Sprache, in der die Grenzbeamten sprechen. Wer sich an Reisen vom Westen in den Osten erinnert, kennt noch die raue Art, mit der Ostbeamte einen damals abfertigten und maßregelten. Von diesem Auftreten ist hier nur noch wenig zu spüren. Aus Körperhaltung und Sprache der Grenzbeamten spricht die Verunsicherung einer neuen Zeit. Manche von ihnen wirken fast wie traurige Clowns, die sich hinter Amtssprache und wie auswendig gelernten, aufgesagten Sätzen aus dem Lehrbuch des Autoritarismus verstecken. Die autoritäre Macht, die einst hinter ihnen stand und sie bestärkte, verabschiedet sich derweil aus der Geschichte. Wenn sie hier geduldig die Fragen der Filmemacherin Ula Stöckl zu Abläufen, Regeln und best practices beantworten, sind sie sichtbar um Wahrung ihrer Souveränität bemüht. Und trotzdem spricht aus ihnen bereits die Ahnung, ein Untoter der Geschichte zu sein, ein lebendes Fossil, ein Entsorgungsfall des Zeitlaufs.

Zeitenwende – Szenario

Staatsbeamte der Exekutive geben in einer Zeit des Umbruchs Einblick in ihre Arbeit, in ihr Reden und Walten: das ist der Punkt, an dem Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 und Marie Wilkes neuer Beobachtungsfilm Szenario miteinander vernäht sind.

Von der Wendezeit zur Zeitenwende: Nach der endgültigen Eskalation des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 steht die Bundeswehr im Zuge von Olaf Scholz’ „Zeitenwende“ neuen Herausforderungen gegenüber. Nicht mehr ferne Auslandseinsätze stehen auf der Liste der Prioritäten ganz oben, sondern die Defensive im urbanen Raum angesichts einer möglichen Ausweitung des Krieges auf ganz Europa.

Das ändert zweierlei: die Art der abgehaltenen Manöver – und die Art, wie die Armee neue Rekruten anwirbt. Die nicht mehr völlig abwegige Aussicht darauf, in einem Krieg fürs Vaterland zu fallen, lastet als Hypothek schwer auf jeder PR-Kampagne der Abteilung human resources.

Szenario beobachtet in ruhigen, Distanz wahrenden und unkommentierten Einstellungen zum einen wie die Bundeswehr sich in einem mit viel Aufwand eigens errichteten Manöverdorf auf urbane Gefechte vorbereitet, zum anderen wie sie sich der Öffentlichkeit präsentiert. Letzteres geschieht in Form von touristischen Führungen durch eben dieses Dorf, aber auch in Form von Schnuppertagen, bei denen jungen Leuten ein Berufsweg beim Militär schmackhaft gemacht werden soll, Krieg hin, Krieg her. Insta-Reels ausdrücklich erlaubt.

Dass man dabei immer wieder den Eindruck gewinnt, dem Making-Of eines Kriegsfilms beizuwohnen, ist kein Zufall. Im Manöver unter virtuell-realen Bedingungen gilt es, den Anschein der Performativität mittels Hochperformativität aus dem Bewusstsein zu drängen. Gleich die ersten Bilder zeigen, wie „verletzte“ Soldaten aufwändige Wunden aufgeschminkt bekommen. Werden derart Verletzte aus dem Feld geborgen, schreien sie authentisch mit. Und dann tauchen auch noch Flüchtlinge (in Wahrheit natürlich gebriefte Komparsen) aus einem nahen Dorf als überraschende zusätzliche Herausforderung auf.

Joviale Eloquenz für den Verteidigungsfall

Die „Zeitenwende“ im Manöverdorf mag strukturierter, historisch zeitlupiger verlaufen als die Wendezeit im Bahnhof Friedrichstraße. Aber sie könnte sich mittel- bis langfristig als historisch einschneidender erweisen – könnte, muss aber nicht. Die daraus folgende Unsicherheit hinterlässt auch in den Körpern und Stimmen der Bundeswehrsoldaten ihre Spuren. Der Offizier, der die Touristen durchs Areal führt, ihnen auch mal ein Maschinengewehr in die Hand drückt und über Risiken und Nebenwirkungen der „Zeitenwende“ aufklärt, tritt bewusst jovial auf und performt seine souverän auftretende Eloquenz gerade jene Spur zu dick, dass sich in der Performance schon wieder Risse erahnen lassen. Wie auswendig gelernte und abgespulte Lippenbekenntnisse muten seine Zugeständnisse an die zivile Einhegung des Militärs an: dass Waffen etwas Schreckliches seien, dass keiner Krieg wolle, dass es um die Verteidigung demokratischer Werte gehe, dass Militarismus eine schlechte Sache sei und Soldaten eigenständig denken und Befehle stets auf Gewissenstauglichkeit prüfen und im Zweifel von sich weisen sollten.

Aus all dem spricht eine sympathisch-freundliche Unbeholfenheit, die auch zum Tragen kommt, wenn eine Gruppe junger Rekruten zum Ritual des Fahnenfaltens antritt und es mit dem Falten der Fahne auf Anhieb dann aber noch nicht klappen will. Der Befehle gebende Vorgesetzte kümmert sich fast rührend um die Welpen, gibt Tipps, kommandiert wenig autoritär herum. Mit den Bildern, die man sonst so vom Bund im Kopf hat, kriegt man das alles irritierend schlecht in Einklang, mit Bildern aus US-Kriegsfilmen – Full Metal Jacket oder sowas – gleich dreimal nicht. Der Bund, denkt man sich, hat sich vom Image der Männerbündelei, von rustikalem Haudrauf aber wirklich sehr emanzipiert. Und prompt ertappt man sich bei der Frage, ob das für den konkreten Verteidigungsfall vielleicht gar nicht so wünschenswert wäre.

Rekrutierung durch Kirmes-Techno

Die „Zeitenwende“ wirkt in Szenario manchmal auch wie „verkehrte Welt“. Einmal präsentieren sich die Soldaten bei straßenfestartiger Stimmung der lokalen Bevölkerung. Man man kann Preise gewinnen, dafür muss man aber an einer Tafel einen fiktiven Konflikt lösen, der an den Ukraine-Krieg angelehnt ist und auch ein Kontingent an Flüchtlingen als strategische Herausforderung umfasst. Volkes Stimme spricht rasch in AfD- und BSW-Zungen, der rührend nette, um Diplomatie bemühte Bundeswehroffizier schlägt indessen nervös vor, dass man die Flüchtlinge doch erstmal zu integrieren versuchen könnte, bevor man sie ungesehen sofort zurück ins Kriegsgeschehen abschiebt.

Nur noch außerirdisch wirkt es schließlich, wenn Teenager einem PR-Film ausgesetzt werden, der ihnen die Vorzüge eines Diensts an der Waffe schmackhaft machen soll. Zu richtig schlechtem, viel zu schnellem Kirmes-Techno prasselt da eine wirre, nicht immer ganz rhythmus-sattelfeste Abfolge von Bildern von allerlei Kriegsgerät auf die Kinder ein, die das sinnlose Treiben mit stoischer Miene über sich ergehen lassen.

Das Bild vom ungelenken Deutschen, der nur noch ungelenker wird, wenn er erstmal in einer Uniform steckt und die Sachlage gerade nicht vollends aussortiert erscheint – in den Grenzbeamten von der Friedrichstraße und in einigen der Bundeswehrsoldaten klingt es immer wieder an.

Was dagegen hilft? Verpanzerung, Einschwörung – der militärische Körper muss gestrafft werden und in dem übergeordneten Militärcorpus aufgehen. Szenario zeigt auch ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis auf dem Stadtplatz einer kleinen ostdeutschen Gemeinde. Dieses an sinnfreiem Pathos kaum überbietbare Ritual war lange zu den Akten gelegt worden, ist aber seit den Neunzigern wieder in Mode gekommen – damals noch von Linken bekämpft, wird es heute offenbar stillschweigend hingenommen. Es sind die ersten Szenen des Films, bei denen man sich vor dem zur Schau gestellten soldatischen Übermut gruselt. Das im Kasernenstil rausgegrölte „Ich gelobe…“ wirkt schon stumpf, aber wenn es dann aus den Soldatinnen und Soldaten auf die Frage, wem sie hier dienen, lauthals „Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ schallt, sehnt man sich zurück zur leicht linkischen Art des zuvor beobachteten Exekutivbeamtentums – oder voran in eine erneute Wendezeit nach der „Zeitenwende“.

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