Urschlamm und Quantensprung: Pierre Huyghe in Berlin
Pierre Huyghes dystopische Videoinstallation Liminals in der Halle am Berghain versucht, das Verhältnis von Mensch und Kosmos neu zu bestimmen, landet dabei aber in ziemlich altmodischen Bilderwelten.

Schon der Weg zur Kunst ist eine Reise in die Finsternis. Im kalten grauen Winterlicht wirkt Berlins berühmtester Technotempel abgerockt und abweisend. Für Pierre Huyghe muss man zum Glück nicht Schlange stehen und es gibt auch keine strengen Türsteher. Wer die Videoinstallation des angesagten französischen Multimedia-Künstlers im Berghain erleben will, bucht vorher einfach ein Ticket im Netz.
Durch einen Hintereingang gelangt man in die Kesselhalle des ehemaligen Kohlekraftwerks. Dort ist alles schwarz. Eine Treppe führt nach oben in die stockdunkle Ausstellung. Zögernd und mithilfe ihrer Handyleuchten tasten sich die Besucher:innen durch den bunkerähnlichen Space. Auf der gigantischen Leinwand in der Mitte des Raums erscheint eine blasse nackte Frauenfigur. Ihr Gesicht ist leer. Buchstäblich. Da wo Augen, Nase und Mund sein sollten, klafft ein schwarzes Loch. Dadurch verwandelt sich der Kopf in eine groteske Leerstelle. Ein Anblick, düsterer als Edvard Munchs Schrei.
Jenseits des menschlichen Erfahrungshorizonts
Die Gesichtslose schreit nicht, sie schält sich wie ein verpupptes Alien aus krustigen Felsbrocken heraus, kriecht unter Mühen über steinigen Untergrund, krümmt sich, schlägt den hohlen Kopf auf den Boden, bohrt ihre Finger in lose Erde, hebt die Hände und ertastet forschend ihre schroffe Umwelt. Das wirkt bizarr und irgendwie auch beunruhigend, besonders weil die düsteren Filmbilder von extremen Sounds begleitet werden. Mal hört man nur atmosphärisches Rauschen und Knirschen. Dann wird es – zu Großaufnahmen von brodelnden Lavaströmen – so dröhnend laut und niederfrequent, dass die Eingeweide zu vibrieren beginnen. Die urzeitliche Filmlandschaft mündet in eine scharfen Kante. Dahinter öffnet sich schwindelerregend ein pechschwarzer Abgrund. Oder ist das die Unendlichkeit des Weltalls kurz nach dem Urknall, als sich auf unserem Planeten erstes Leben formte?
Pierre Huyghe will mit seinem Film auf jeden Fall große existenzielle Fragen aufwerfen. Im Begleittext zur Berliner Schau steht, der Künstler lade dazu ein, dass wir uns neue Beziehungen zur Welt vorstellen, die den menschlichen Erfahrungshorizonts übersteigen. „Mittels spekulativer Fiktion gestaltet er Begegnungen, die uns motivieren sollen, auch andere Realitätsebenen in Betracht zu ziehen.“ Tatsächlich funktionieren Huyghes Werke oft wie Gedankenexperimente zur posthumanen Existenz. So ließ er etwa Hunde als vierbeinige Besucher durch Ausstellungen flanieren. In Japan drehte er einen gespenstischen Film über einen maskierten Affen in einem verlassenen Restaurant (Human Mask, 2014). Und in der chilenischen Acatama-Wüste ließ er High-Tech-Roboter, die sich an menschlichen Skeletten zu schaffen machen, ihren eigenen KI-generierten Science-Fiction-Film gestalten (Camata, 2024).
Eine quantenmechanisch unterfüttere Männerfantasie

Für sein Liminals-Projekt hat sich der Künstler nun mit Quantenphysik beschäftigt, also der Welt der Atome und kleinsten Teilchen, die mit ihren unberechenbaren Schwingungen und Energie-Materie-Dualismus ein ziemlich anspruchsvolles Forschungsfeld darstellen. Huyghe geht es jedoch weniger um die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse als um die Schaffung eines multi-sensorischen Erlebnisraums.
Aus der Quantenphysik hat er sich ebenfalls den Begriff „Liminals“ geborgt, der auf komplexe Übergangszustände verweist, und daraus die Idee für eine alternative Schöpfungsgeschichte entwickelt. Leben entsteht hier nicht aus Urschlamm und einzelligen Organismen, ebensowenig wird Eva aus Adams Rippe geformt – bei Huyghe bricht sie stattdessen als gesichtsloses Wesen aus einem steinernen Kokon hervor. Der Kopf mag noch undefiniert sein, doch mit Brüsten, schmaler Taille und wohlgeformtem Po ist ihr Körper eindeutig weiblich konnotiert. Das schränkt den Möglichkeitsraum für alternative Weltbetrachtungen dann doch beträchtlich ein. Mag sein, dass es dem Künstler tatsächlich um kosmische Ungewissheiten geht. Doch auf der Leinwand sieht man vor allem eine nackte Frau auf Knien, zum Objekt degradiert, der die Kamera immer wieder ganz dicht auf die Haut rückt.
Vollends peinlich wird es, wenn das weibliche Wesen einen phallischen Felsen streichelt und sich von „Vater Erde“ das leere Gesicht penetrieren lässt. Das ist nicht visionär, sondern eine ziemlich abgedroschene Männerfantasie, die auch dadurch nicht origineller wird, dass sie filmästhetisch auf Techno-Futurismus macht und in einem Nachtclub präsentiert wird, der für Hedonismus, Diversität und Entgrenzung steht.
Wer (wie ich) Pierre Huyghe für sein innovatives, vielschichtiges, und deutungsoffenes Œuvre schätzt, kann die Liminals-Schau in Berlin nur als enttäuschenden Fauxpas abhaken. Und schon mal ein Ticket für Basel buchen. Dort startet Ende Mai in der Fondation Beyeler eine große Ausstellung des Künstlers – mit neu geschaffenen Werken und zentralen Arbeiten der letzten Jahre, die hoffentlich wieder positive Schwingungen erzeugen.
Liminals ist noch bis zum 8. März in der Halle am Berghain zu sehen.
Copyright der Bilder:
Pierre Huyghe, Liminals, 2025. Filmstill. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation und Hartwig Art Foundation. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
© Pierre Huyghe / VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.
Pierre Huyghe, Liminals, 2026. Installationsansicht in der Halle am Berghain, Berlin. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation, gemeinsam mit Hartwig Art Foundation. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
© 2026 Pierre Huyghe. Foto: Andrea Rossetti © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.
















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