Trockengelegte Oasen – Berlinale Grohlumne (2)
Ein Festival, dem die Kino-Infrastruktur abhanden kommt: Thomas Groh beschreibt anhand der Abschaffung der Forums-Pressevorführungen, was alles verloren geht, wenn der Kultur statt mit neuen Impulsen nur mit starrem Sparzwang begegnet wird.

Mancher Akkreditierter dürfte zu Beginn der Berlinale gestaunt haben: Erstmals gibt es während des laufenden Festivalbetriebs keine Pressevorführungen im Forum. Wer Filme aus dem Forum sehen will, soll sich doch bitte um Tickets aus dem Pressekontingent bei den öffentlichen Vorführungen bemühen, heißt es im Screening Guide. Na dann passt es doch? Von wegen.
Die Pressevorführungen des Forums bildeten einst die Oase des Festivals. Die interessantesten und besten Filme des Festivals laufen meist im Forum, hier weitet sich der Blick auf die Welt, auf die Gegenwart – gerade weil im Forum vor allem Filme laufen, die keinem von vornherein durchdeterminierten, durchformatierten Muster folgen. Und mit den Forums-Pressevorführungen konnte man spontane Entdeckungen machen, weil sie den Zugang zu diesen Filmen sicherstellten. Eine zeitliche Lücke im Festivaltag? Ab ins Forum. Der Wettbewerb verspricht mal wieder nichts Gutes? Dann mal im Forum vorbeischauen.
Das kam auch den dort gezeigten Filmen zugute. Viele Texte und word-of-mouth- Empfehlungen kamen aufgrund der Zufallsbegegnungen in den Pressevorführungen zustande. Und gerade die Filme, die in dieser Sektion laufen – meist ohne Star-Power, meist ohne viel PR im Rücken – benötigen jedes bisschen zusätzliche Aufmerksamkeit.
Doch jetzt fühlt sich das Forum vom Festivalalltag abgekapselt an. Ich gebe zu: Ich habe Phantomschmerz. Also auf in die öffentlichen Vorführungen? Nun, das ist so eine Sache …
Ein einziges Hauen und Stechen
Auch wir Akkreditierten müssen uns morgens beim Online-Ticketing um Karten bemühen. Bei den Pressevorführungen muss man sich meist keine Sorgen machen, umkämpfter ist das Pressekontingent bei den öffentlichen Vorführungen. Dass dieses sehr überschaubar ausfällt, liegt in der Natur der Sache. Ohne abfedernde Pressevorführungen ist der Kampf darum ein einziges Hauen und Stechen.
Allerdings eines mit ungleichen Zugangsvoraussetzungen. Dem Online-Ticketing ist ein Wartesystem vorgeschaltet, das die Leute tröpfchenweise zu den Bestellungen vorlässt, wohl auch, um die Server vorm Kollaps zu bewahren. Nach welchem System der Zulass erfolgt, ist von außen nicht nachvollziehbar. Manche können nach kurzer Wartezeit beherzt zuschlagen, andere sitzen teils bis zu 30 Minuten vor dem Monitor. In den letzten Jahren war das kaum ein Problem, nach vier, fünf Minuten war man fast immer drin. Aber klar: Wenn das Angebot künstlich drastisch verknappt wird, steigt der Druck, morgens auf jeden Fall der Erste am Buffet zu sein. Und im schlimmsten Fall sitzen am Ende eine Handvoll Akkreditierte im Publikum, die den Film nur mal gesehen haben wollten – und die Leute, die darüber hätten schreiben wollen, bleiben außen vor.
Es ist die blanke Lotterie. Redaktionelle Planungssicherheit ist so kaum zu haben. Hinzu kommt: Die Filme des Forums laufen über die ganze Stadt verteilt, mit teils erheblichen Anfahrtwegen. Jede Entscheidung für einen Film ist damit zugleich eine gegen drei andere.
Das größte Nachsehen in diesem Modell haben allerdings die Filme selbst und deren Macher, in zweiter Ordnung auch das Forum selbst. Das Forum und die Filmkritik finden in diesem Festival kaum zueinander. Zugleich schmelzen die Berlinale-Teile der Feuilletons seit Jahren sichtlich dahin. Der Fokus verengt sich auf Wettbewerb, ein bisschen was aus der Perspectives-Sektion, große Namen (oder deren Abwesenheit), deutsche Filme. Eine Entwicklung, bei der der Raum für das Forum gleich von zwei Seiten aus eng wird.
Die Filmbilder verlieren ihre Präsenz
Wer sich ein bisschen auskennt, wird jetzt vielleicht auf die Berliner Vorabvorführungen verweisen. Richtig, der Berliner Presse werden die Forumsfilme bereits einige Wochen vor Festivalbeginn gezeigt. Allein, die Berliner Presse ist nur ein ziemlich kleiner Teil der paar tausend akkreditierten Journalisten, die aus aller Welt zur Berlinale kommen. Und auch unter Berliner Journalisten gibt es nur wenige, die annähernd einen Monat Zeit allein für die Berlinale investieren können – Zeit, die insbesondere für Freie zum Großteil unbezahlte Arbeit bedeutet.
Bleibt die Möglichkeit, sich Screener zu beschaffen, also individuell freigeschaltete Videostreams. Tatsächlich sind viele kleine Filmverleiher und -produzenten gegenüber der Presse gut ansprechbar, weil sie um jedes bisschen Öffentlichkeit kämpfen müssen. Aber das sind Sichtungsmöglichkeiten unter ungünstigsten Bedingungen. Meist gibt es nervige Maßnahmen zum Urheberschutz, wie etwa eingeblendete Wasserzeichen, oder die Bildqualität ist deutlich heruntergesetzt.
Hinzu kommt: Gerade und besonders die Filme aus dem Forum benötigen die Kinosituation, die Ablenkungspotenziale weitgehend ausschließt. Beispiel Palliativstation aus dem Forum im letzten Jahr, einer der besten Filme des Jahrgangs 2025: Vier Stunden Beobachtungskino in einer Pflegestation, mit allen emotionalen Härten und allen Längen, die ein Beobachtungsfilm sich nehmen muss. Im dunklen Kino setzt man sich dem konzentriert aus, ist im ständigen inneren Dialog mit dem Film. Auf der Couch, zuhause, vielleicht gar via Tablet? Konkurriert der Film mit dem Kühlschrank, Social Media, dem Pause-Knopf und vielem anderen. Die Bilder verlieren ihre zwingende Präsenz, der Film verliert seine Intimität und seine spezifische Erfahrungsqualität. Außerdem fehlt der Austausch nach einer Kinovorführung, der einen Film als Erfahrung zusätzlich einmassiert oder ihn nochmal aus einer anderen Perspektive begreifbar macht.
Die Filme im Forum brauchen all das: den Kinosaal, den leichten Zugang, den Austausch danach, die publizistische Öffentlichkeit.
Bis der Kollaps nicht mehr aufzuhalten ist
Gründe, warum es keine Forumspressevorführungen mehr gibt, nennt das Festival keine. Aber man kann sie sich gut denken. Der leidige Spardruck etwa: Kosten steigen, Fördermittel sinken, Sponsoren ziehen sich zurück. Denn ja, auch Pressevorführungen kosten Geld. Außerdem kommt dem Festival nunmehr wirklich schon seit Jahren zusehends die Kino-Infrastruktur abhanden. Weniger Kinos bedeuten weniger Säle, das bedeutet weniger Sitze und weniger Vorführungen.
Seit Jahren fehlt nun schon das Cinestar am Potsdamer Platz, das mit seinen zahlreichen Sälen eine zentrale Säule des Festivals bildete. Auch lange abzusehen war, dass das Kino Arsenal seinen Standort am Potsdamer Platz im Jahr 2025 verlassen würde. Das Zeughauskino fehlt seit Jahren als Spielstätte für die Retrospektive – und steckt wohl noch für mindestens fünf weitere horrende Jahre im Sanierungslimbo. Die neue, breitere Bestuhlung im Cinemaxx verringert zusätzlich die Zahl der gezeigten Filme – weil aufgrund der niedrigeren Anzahl an Sitzen bei den Pressevorführungen nun derselbe Film in mehreren Sälen parallel laufen muss, um dem Andrang gerecht zu werden. Und der Status des Berlinale Palasts ist ebenfalls seit Jahren prekär – man hangelt sich von einem zweijährigen Mietvertrag zum nächsten. Wird schon hinhauen. Bis es das halt nicht mehr tut.
Berlin reagiert, wie es immer reagiert, wenn sich am Horizont eine Herausforderung abzeichnet: mit einer Mischung aus Vogelstrauß-Taktik und aufschiebendem Herumdoktern an Symptomen. Bis der Kollaps nicht mehr aufzuhalten ist.
Angeboten werden also Notlösungen oder Provisorien. Das fürchterliche Bluemax-Theater etwa, in dessen Sitzreihen selbst normgroße Menschen ihre Beine kaum unterkriegen und bei dessen weinbergartiger Treppensteigung es nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Kardio-Zwischenfall oder zum ersten schlimmen Sturz ist. Auch die Uber Eats Music Hall und die Kinemathek sind als Vorführstätten allenfalls gut gemeint. Aufgestellte Klappstühle als Kino-Simulation? Naja.
Wo sind die Ideen, Initiativen und Impulse, um die Lage endlich anzugehen? Festival, Stadt und Bund sind hier gefragt. Andere Ideen als die Mittel zu kürzen und zu streichen, scheint es nicht zu geben. Binnen kurzer Zeit hat sich das Programm des Festivals nahezu halbiert. Sektionen wirken eingedampft, die Retrospektive ist seit Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Es braucht eine bessere Finanzierung, es braucht vernünftige Spielstätten, die es den Nebensektionen des Festivals auch gestatten, ihre Filme der Presse zugänglich zu machen. Nicht, weil man die Presse umschmeicheln müsste. Sondern weil man den Filmen – und dabei gerade jenen des Forums – Zugang zur Öffentlichkeit beschaffen muss. Es braucht Ideen. Das ICC in Berlin ist immer mal im Gespräch. Und was ist eigentlich mit dem alten Kino Kosmos im Osten der Stadt?
Die Berlinale war immer schon ein eher ungemütliches, Kräfte zehrendes Festival. Nun verliert es auch noch den letzten Rest Großzügigkeit. Journalisten werden mittels abzubeepender Tickets getrackt und diszipliniert, Pressevorführungen werden abgeschafft – und damit werden im Bild der Öffentlichkeit auch das Festival und sein Beitrag zum internationalen Filmgeschehen verzwergt.
So geht es nicht. So geht es vor allem nicht weiter.








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