Tragisch, beinahe transzendent – Notizen von der Berlinale (4)
Filme aus Ägypten und der Türkei setzen sich mit struktureller Gewalt auseinander, während ein selbstgerechtes Lehrstück aus Deutschland wie ein filmgewordener FCKAFD-Sticker wirkt. Und Sandra Hüller ist toll, aber die wahre Entdeckung in Markus Schleinzers Rose ist jemand anderes.

Sandra Hüller als Mann war das am heißesten begehrte Ticket der diesjährigen Berlinale. Und nach der Premiere von Rose (Wettbewerb) gab es im Berlinale Palast beim Publikum kein Halten mehr, Standing Ovations und Jubel, wie man sie sonst nur aus Venedig und Cannes kennt. Im Film kommt Hüller als männlicher Soldat verkleidet im 17. Jahrhundert in ein Dorf, nimmt sich eine Frau, bringt den gemeinsamen Hof auf Vordermann und zieht irgendwann den Zorn der Gemeinde auf sich. Regisseur Markus Schleinzer gestaltet die Geschichte zunächst wie ein an Wes Anderson angelehntes Emo-Märchen, legt bisweilen etwas allzu offensichtlich eine Portion zeitgenössischer Gender-Diskurse darüber, steigert sich dann aber schließlich zu tragischer, beinahe transzendentaler Fallhöhe und beschließt den Film mit einer unvergesslichen Einstellung. Bei aller Tinte, die jetzt über Hüller fließen wird: Die wahre Entdeckung des Films ist Caro Braun als schalkhafte, zärtliche und doch immer wieder pragmatische Ehefrau Suzanna.

In At the Sea (Wettbewerb) kämpft eine zweite Schauspielgröße, Amy Adams, mit Kindheitstraumata und Alkoholsucht. Kornél Mundruczó macht daraus ein seifiges Melodram, das ohne die hochkarätige Besetzung früher als Fernsehfilm der Woche versendet oder heute im Programm des US-amerikanischen Hallmark-Channels, welcher für vorhersehbare Kleinstadtromanzen bekannt ist, gelandet wäre. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Emin Alper ist sicherlich einer der technisch versiertesten türkischen Regisseure und mit Kurtuluş/ Salvation kehrt er zum ersten Mal nach 2020 in den Wettbewerb der Berlinale zurück. Es ist die Geschichte zweier verfeindeter Clans im türkischen Hinterland, deren Rivalität einen brutalen Blutzoll fordert. Und es ist auch eine Geschichte über Fanatismus, über wirtschaftliche Abstiegsängste und darüber, wie sich Gerüchte verselbstständigen – bis schließlich Gewalt als einzig legitimes Mittel zur Konfliktlösung wirkt. Formal setzt Alper dies brillant in Szene. Es gibt ein halbes Dutzend wunderschön orchestrierter Traumsequenzen, die es an Intensität leicht mit jedem Horrorfilm aufnehmen können, unterlegt mit nervöser, pulsierender Filmmusik. Die Schauplätze sind atemberaubend, wirken von der Zeit vergessen und tragen viel zur überaus gelungenen Beschwörung archaischer Konflikte bei. Dennoch hat der Film seine Probleme, die hauptsächlich in der sehr statischen Handlung begründet sind. Salvation kreist erzählerisch allzu sehr um sich selbst, ohne jemals wirklich in Fahrt zu kommen – die Erlösung bleibt aus. Sehenswert ist der Film dennoch allemal.

Einen Safe Exit (Panorama) gibt es im titelgebenden Film, so viel sei schon verraten, selbstredend nicht. Der angehende Schriftsteller Simon fristet ein trostloses Dasein als Wachmann eines heruntergekommenen Apartmentkomplexes in Kairo und muss nebenbei einen religiös-extremistischen Nachbarn vor dem Zugriff der Polizei schützen. Als eine mysteriöse Frau im Gebäude unterkommen will, verkompliziert das die Sachlage zusätzlich. Mohammed Hammad präsentiert in seinem zweiten Spielfilm einen ernüchternden Blick auf strukturelle und religiöse Gewalt im arabischen Raum, die sich gegen Minderheiten, Christen und Frauen richtet. Von der Berlinale etwas irrtümlich als Psychothriller verkauft, entpuppt sich der Film als sorgfältig durchdachte, klug arrangierte und clever fotografierte, wiewohl zutiefst pessimistische Bestandsaufnahme einer ganzen Gesellschaft.

Staatsschutz (Panorama) ist auch eine Bestandsaufnahme, hier der bundesdeutschen Wirklichkeit – ein Albtraum aus dem es kein Entkommen gibt, aber anders als die Filmemacher sich das denken. Statt das Staatsversagen der deutschen Justiz unter Beweis zu stellen, demonstriert der Film höchst überzeugend die künstlerische Bankrotterklärung der deutschen Filmförderpolitik. Wie sich das gehört, packt die Erzählung alles an heißen Eisen in seinen Einheitsbrei, was nicht bei drei auf den Bäumen ist: Eine angehende deutsche Staatsanwältin mit koreanischen Wurzeln wird Opfer eines rechtsextremen Anschlags und sieht sich danach mit den Mühlen der deutschen Justiz konfrontiert. Überforderte Darsteller und ein hochnotpeinliches Drehbuch ergeben hier einen Film, der sich als Lehrstück inszeniert, aber nur selbstgerecht durch die Gegend torkelt ohne je ein Gefühl für Situationen, Charaktere oder elementares Handwerk zu entwickeln. Als überzogenes Genrestück hätte das eventuell noch funktioniert, aber dafür fehlt dem Film der Humor. Als ernsthafter Diskussionsbeitrag entbehrt er jeglicher fundierten Grundlage, ist im Grunde ein filmgewordener FCKAFD-Sticker: bequem, selbstgefällig und nichtssagend. Wenn das hier das zeitgenössische politische Kino verkörpert und den besten Versuch der Branche darstellt, dem gesellschaftlichen Rechtsruck etwas entgegenzuhalten, dann ist es wohl doch an der Zeit, die Koffer zu packen.

Im niederländischen A Family (Generation 14plus) werden zwei Teenager zu Spielbällen in der Scheidung ihrer Eltern. In der ersten Filmhälfte folgt man der 16-jährigen Nina, in der zweiten dem 14-jährigen Eli. Klingt vertraut? Ist es auch. Regisseur Mees Peijnenburg gelingt ein solide gearbeitetes, psychologisch differenziertes Drama, das man allerdings so bereits tausendfach gesehen hat und das dem Genre keine neuen Aspekte hinzufügen kann. Schauspieler, Kameraführung, Drehbuch, Schnitt: alles funktional. Der Film ist nichts wovor man warnen, aber auch nichts, was man dringlich empfehlen müsste – es sei denn, ein 90 Minuten andauerndes Déjà-vu-Gefühl stellt für einen das größte Kinoglück dar. In diesem Fall: Nichts wie hin!
To be continued…

















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