Schreiben über Film (3): Zuhören statt Zutexten

Berlinale 2026: Die Bedeutung von Namen und Geschichten, der humorvolle Umgang mit Musik und Lärm, das Gelingen oder Scheitern von Gesprächen: Studierende des Seminars „Schreiben über Film“ (Stiftung Universität Hildesheim) schreiben über Nurith Avivs Prénoms und Nicolas Peredas Everything Else is Noise.


Prénoms“ (Nurith Aviv, FRA)

Prénoms von Nurith Aviv ist eine liebevolle Hommage an die Freundinnen und Freunde der Regisseurin. Mit viel Ironie und großer Konzentration erzählen die Protagonist:innen die Geschichte ihrer Vornamen. Dabei öffnen sich kleine und große Einblicke in Biografien. Es entsteht ein Mosaik aus Herkunft, Erinnerung und Selbstinterpretation, das so individuell wie kulturell geprägt ist.

Regisseurin Aviv vertraut ganz auf das gesprochene Wort, bleibt konsequent bei einer Kamera-Einstellung für jede Person und erlaubt nur gelegentlich einen Blick nach draußen. Im Rahmen dieser formalen Strenge offenbart sich die persönliche Verbundenheit. Auch wenn man sich in der Mitte des Films wünscht, das Alphabet hätte einige Buchstaben weniger, ziehen die Geschichten der Vornamen einen immer wieder in ihren Bann.

Predrag Arsenic

 

Am strahlend blauen Himmel türmen sich Wolkenberge auf. Ein Schriftzug erscheint: E wie Édouard. Dann klingelt es an einer Haustür. Sie öffnet sich, man begrüßt sich. Vor einer Bücherwand stellt sich der ältere Herr vor und beginnt zu erzählen.

Die Kamerafrau und Filmemacherin Nurith Aviv zeichnet mit Prénoms ein intimes, vielschichtiges Porträt ihrer Freunde anhand der Geschichten ihrer Vornamen. 13 von ihnen besucht die 80-Jährige, übergibt eine Blume und erhält im Gegenzug „un bouquet des mots“.

Die Freunde haben iranische, polnische, chinesische, ägyptischen Wurzeln, und ihre Namen erzählen von Liebe und Unterdrückung. Sie entstammen Lieblingsliedern der Eltern, Gedichten oder der Heiligen Schrift. Da ist Chowra, die nach der iranischen Bezeichnung für „Zusammenkommen“ benannt ist, und deren Mutter als politische Gefangene von der Regierung umgebracht wurde. Oder Judith, heute Judon, dessen Name eine Brücke zu seinem Glauben baut. Oder Rym, deren Name in ihrer Kindheit selbst für den Weihnachtsmann schwer auszusprechen war. Lebhaft erzählen die Protagonist:innen in ihren eigenen vier Wänden Geschichten über Eltern und Großeltern, nationale Identität und das Verhältnis zum eigenen Namen. Mal werden die Gesichtszüge von einem leicht entrückten Lächeln umspielt, mal spürt man Rührung. Es ist erstaunlich, wie viel in einem einzelnen Wort steckt und welche Kraft diese kollektive Erzählung entfalten kann.

Es ist nicht der erste Dokumentarfilm, in dem Nurith Aviv Sprache untersucht. 2015 wurden in einer Retrospektive mit dem Titel „Filiation, Language, Place“ im Centre Pompidou in Paris vierzig Filme gewürdigt, in denen sie als Regisseurin oder Kamerafrau wirkte. Bei der Weltpremiere am Dienstagnachmittag ist die Dankbarkeit für diesen Film im ganzen Kinosaal spürbar.

Luise Dahns

 

„Je m’appelle … Agnes, Chowra, Nathalie, Yue, Marc-Alain, Sarah, Zeynep, Rim, Tewfik, Edouard, Judith/Judon, Hind, Gulya.“ Nurith Aviv zeigt auf, wie sich aus einer simplen Fragestellung nach dem Vornamen Gespräche und ein Netz der der Biografien entwickeln können.

Dreizehn Geschichten werden im Film erzählt. Blumen in der einen, die Kamera in der anderen Hand steht Aviv vor der Haustür ihrer Freund*innen. Dann bleibt die Kamera unbewegt auf die jeweilige Person in einem Zimmer ihrer Wahl gerichtet. Die ruhigen, entschleunigten Bilder erzeugen einen sicheren Erzählraum, die emotionale Verbindung zwischen der Filmemacherin und den Porträtierten ist greifbar.

Aviv sieht man dabei nie. Hören tut man sie nur ein einziges Mal, wenn sie aus dem Off die Geschichte einer verstorbenen Freundin erzählt und erst danach ihren Film beginnt. Das formgebende Prinzip des Alphabets ermöglicht eine gut zu verfolgende, unaufgeregte, jedoch nicht langweilige Erzählweise, die jeder einzelnen Geschichte Raum lässt. Jeder Person folgt man gespannt, will wissen, wer ihr wann, wie und warum den Namen gegeben hat, und wie es später manchmal dazu kam, sich für einen anderen Namen zu entscheiden.

Namen als Momentaufnahmen, als Konstruktion: Es wird deutlich, dass sie alles und nichts über eine Person aussagen können. Prénoms ist eine Reflexion über die Sehnsucht nach Bedeutung und die Freiheit der Bedeutungslosigkeit. Und darüber, dass der eigene Name nur einem selbst – und zugleich allen anderen gehört.

Frida Koch

 

Everything Else is Noise (Nicolas Pereda, MEX/DEU/CAN)

Zuhören statt Zutexten: Mit Everything Else is Noise inszeniert Nicolas Pereda ein absurd-komödiantisches Kammerspiel.

Rosa, Tere und deren Tochter Luisa sind Cellistinnen und Komponistinnen. In einem Apartment mit vielen Pflanzen und regelmäßigen Stromausfällen sollen sie von zwei Fernsehjournalisten interviewt werden. Als Strom und Equipment endlich anspringen, misslingt jedoch das Gespräch: Die Tonspur zeichnet das Bellen des Nachbarshundes und das Hupen der Autos vor dem Fenster mit auf, und selbst, wenn dieses verstummt, ist nicht Schluss mit dem Lärm; die Musik ist kaum zu hören. Als die Journalisten einmal zwischenzeitlich die Wohnung verlassen, folgt das Mikrofon ihnen, und man hört ihre Stimmen, die mit Musik gar nichts zu tun haben, während die Kamera bei den drei nunmehr stummen Musikerinnen bleibt. Diese kommen überhaupt nur zu Wort, um auf die vorgefertigten Fragen der Interviewer zu antworten. Rosa erzählt dann banale Wahrheiten, Tere erfindet absurde Geschichten: Beides entlarvt die Unsinnigkeit der Fragen und sorgt für Lacher im Kinosaal.

Das Cello kommt einzig in einer Schlüsselszene zum Einsatz: Luisa ruft alle Anwesenden im Wohnraum – und zugleich im Kino – auf, die Augen zu schließen, und spielt ein experimentelles Stück. Wer trotzdem hinsieht, lacht beim Blick auf die ungeduldigen Mienen der Interviewer. Wer nur zuhört, macht eine völlig andere, klanglich-körperliche Erfahrung.

Everything Else is Noise zeigt: Lärm ist das, was außerhalb von Musik zu hören ist, und Lärm ist auch ein Gerede über Musik, das seinen Gegenstand übertönt. Mit sitcom-artig wiederkehrenden Pointen, einer angemessen nervigen Soundkulisse und den immer wieder verzweifelten Gesichtern der beiden Interviewer regt der Film zum Lachen und zum Nachdenken an.

Jonah Eichhorn

 

Mit dem unübersichtlichen Verkehr auf der Kreuzung unterhalb der Wohnung werden die Hauptelemente dieses spanischsprachigen Films gleich zu Beginn markiert: Krach, klassische Musik und lustiges Chaos. Die Cellistin Tere lässt für ein Interview mit einer befreundeten Musikerin ein Fernsehteam in ihre Wohnung – womit dieser Wohnraum, den sie mit ihrer Tochter teilt, zu einem Protagonisten des Films wird. Der Strom fällt aus, Nachbarn wollen verschiedene Ruhephasen, und ein durchgehend bellender Hund wird vom Stör- zum skurrilen Spaßfaktor. Das Fernsehteam ist verzweifelt, die drei Frauen sind humorvoll und entspannt. Mit viel Leichtigkeit nehmen sie das Interview mit seinen schwachsinnigen Fragen nicht so ernst. Tere stellt sich dabei als durchaus begabte Wahrheitsinterpretin heraus. Und das Publikum hört nicht mehr auf, zu lachen.

Mirijam Joswig

 

Das Kratzen des Cellobogens an der vierten Wand: Ist dies ein Spielfilm, der sich als dokumentarische Arbeit tarnt, oder eine Doku, die mit fiktionalen Mitteln arbeitet? Kann man über klassische Musik reden, kann man Musikjournalist sein, ohne wie ein Schaumschläger zu klingen? Und warum hört der verdammte Hund nicht auf, zu bellen?

Mit großer formeller Kreativität, die das Primat der Bild- über die Tonebene in Frage stellt, und vor allem mit viel Humor geht Everything Else Is Noise diesen Fragen anhand einer unübersichtlichen Interviewsituation zwischen zwei unbeholfenen Journalisten und drei schlagfertigen Musikerinnen nach. Wie nebenbei werden dabei auch die Höhe- und Tiefpunkte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung erzählt. Einer der besten Filme der diesjährigen Berlinale.

Schier Kay

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