Schreiben über Film (2): Das Lachen erfinden, um nicht zu verzweifeln
Berlinale 2026: Studierende des Seminars „Schreiben über Film“ (Stiftung Universität Hildesheim) verfassen Kurzkritiken über die politisch-historischen Dokumentationen Casting for a Film, Ihsan’s Diary und Industries of Denial aus der Forum-Expanded-Ausstellung.
Forum Expanded Ausstellung: Casting for a Film, Ihsan’s Diary (Lamia Joreige, LBN)

Lamia Joreiges Videoinstallation Casting for a Film, Ihsan’s Diary dokumentiert das Casting der Hauptrollen für Joreiges Langspielfilm Jerusalem: The Diary of Ihsan Turjman.
Dieser basiert auf dem Tagebuch eines Jerusalemer Soldaten aus dem Jahr 1915. Ihsan ist Palästinenser und dient in der Armee des untergehenden Osmanischen Reichs. Er erzählt von einem von Hunger, Krankheit und politischen Umwälzungen geplagten Alltag. Als wäre das nicht genug Leid, verliebt er sich auch noch unsterblich in Soraya. Ihsan ist ein Träumer, und seine Träume schwanken – zwischen Angst und Hoffnung, zwischen dem Wunsch, im Ausland zu studieren, und dem, seine Geliebte zu heiraten. Noch bevor der Krieg zu Ende ist und eine neue Zukunft sich entfalten kann, wird er von einem Offizier erschossen.
In einem Studio in Beirut sprechen libanesische und palästinensische Schauspieler:innen vor, um Ihsans Figuren und ihm selbst einen Körper und eine Stimme zu geben. Sie probieren verschiedene Szenen aus, variieren Tonlagen und experimentieren mit verschiedenen Dialekten. Immer wieder entstehen Gespräche zwischen ihnen und der Regisseurin, die sie unterbricht und mit den Figuren des Skripts konfrontiert.
Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit Krieg, Flucht und Vertreibung verweben sich die Geschichten aus der Gegenwart mit denen Ihsans. „Er hatte wenigstens noch Hoffnung, wir sind heute schlimmer dran“, sagt einer der Schauspieler aus Gaza und fährt fort, „heute wollen weder die Araber noch der Westen was von uns wissen.“ Er lacht, als hätte er das Lachen erfinden müssen, um am Leben nicht zu verzweifeln.
Casting for a Film verlangt gute Zuhörer:innen. Es wird viel gesprochen. Dabei geht es um Zugehörigkeit und Verlust, um Bilder von Heimat, um das Weitertragen von Geschichte, um Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Nach und nach wächst auf dem Screen im Hintergrund ein Bild Jerusalems, gezeichnet mit Worten, aus Sehnsucht und Fantasie.
Predrag Arsenić
Strich für Strich entfaltet sich eine Zeichnung von Jerusalem. Mensch für Mensch hören wir, wie sich die einzelnen Bewerber:innen um das Casting diese Stadt vorgestellt haben. Vor der Kamera der Regisseurin Joreige sprechen sie vor für den Film Jerusalem: The Diary of Ihsan Turjman, der von den Erlebnissen eines Soldaten in der Osmanischen Armee im Ersten Weltkrieg handelt.
Joreige geht auf die Vorsprechenden im Casting-Prozess ein, statt sie zu objektivieren. Die kurzen Reflexionen über die Kultur, Vergangenheit und Gegenwart der Schauspieler bereichern deren wiederholten Vortrag von Sätzen aus dem Drehbuch. Man sollte keine dramatischen schauspielerischen Auftritte erwarten: Im Fokus steht die Geschichte des Films, für den gecastet wird, vernetzt mit den persönlichen Assoziationen der einzelnen Gegenüber.
Luise Hege Häßner
Die Liebe zur Ungekannten: Die Personen vor der Kamera sprechen mit der Regisseurin über Ihsan, im Ersten Weltkrieg unfreiwillig Soldat in der osmanischen Armee, und, laut seinem Tagebuch, unsterblich verliebt in Soraya, eine Frau, die er zweimal flüchtig gesehen hat. Zugleich beschreiben sie anhand ihrer Vorstellungen Ostjerusalem, das von Israel besetzt ist, eine Stadt, die sie nicht betreten dürfen. Im Hintergrund erscheint Strich für Strich eine Skizze dieses idealen, unerreichbaren Drehorts – Ort der Träume und Sehnsüchte, den sie eines Tages mit eigenen Augen zu sehen hoffen.
Schier Kay
Wie kann von einem Ort erzählt werden, ohne ihn je zu betreten? Wie sieht ein Jerusalem der kollektiven Imagination aus? Lamia Joreiges Kurzfilm verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Zwischen den Casting-Szenen entwickeln sich Gespräche zwischen der Regisseurin und den Schauspieler:innen über Ihsans Sehnsüchte und die eigenen. Doch der Film kann sein Versprechen einer tieferen Auseinandersetzung nicht einlösen; das Bild dieses Jerusalems bleibt allzu skizzenhaft.
Luise Dahns
Forum Expanded Ausstellung: Industries of Denial (Angela Melitopoulos, Kerstin Schroedinger, FIN/GR/DE)

Eine Reise entlang struktureller Leugnung. Am Ende des langen Gangs erklingt im Umfeld der Installation ein lautes Donnern. Landschaften ziehen auf zwei Leinwänden vorbei, zum Teil verzerrt, mit leicht pulsierenden Erschütterungen. In der Mitte läuft ratternd ein 16mm Film, auf dem ausgeblichene Archivbilder einander ablösen: Sie zeigen die Fahrt entlang der damaligen Route der “Bagdadbahn” – einer Eisenbahnstrecke, die Anfang des 20ten Jahrhunderts mithilfe des Deutschen Reichs von der Türkei bis nach Bagdad gebaut wurde und für die strukturelle Auslöschung der armenischen Minderheit mitverantwortlich war. Zwischen den Projektionsflächen entwickelt sich ein fragmentarischer Dialog über die Politik der Leugnung und des Vergessens vergangener Gräueltaten; die auditive Komponente verwebt die Bildfragmente.
Sarah Nelly Mettendorf
Archivaufnahmen, Filmausschnitte, Fotografien und dokumentierte Fluchtrouten werden gleichzeitig projiziert; Orte werden zu Beweisträgern. Die Videoinstallation Industries of Denial verteilt sich auf drei Projektionsflächen; Bilder und Klänge überlagern und wiederholen sich.
Geteilt sind auch die Motive: Landschaftsaufnahmen aus der türkisch-irakischen Grenzregion stehen neben historischem Material zur „Bagdadbahn“, einem Infrastrukturprojekt, das vom Deutschen Reich im Osmanischen Reich mitfinanziert wurde. Zu Gunsten des Imperialismus, auf Kosten der Menschen.
Düstere Klangflächen, Landschaftsfahrten, plötzlich eine Szene der Zerstörung. Donnergeräusche verbinden sich mit dem Rattern des Projektors, gesprochene Passagen rahmen die Bilder. Zentral ist die Aussage, dass Leugnung ein integraler Bestandteil des Genozids war, der hier recherchiert wird.
Nikolay Bokhan
Archivbilder, Landschaftsaufnahmen, Filmausschnitte, Donnergeräusche, das Rattern des Filmprojektors, gesprochener Text: Alles gleichzeitig. Auf die mittlere der drei Leinwände wird Beweismaterial aus dem 20. Jahrhundert projiziert. Links und rechts wechseln sich Materialien, Medien und Dokumente ab mit überblendenden Aufnahmen, die während einer Reise entlang der Bahnlinie entstanden – es sind vor allem Bilder heutiger Fluchtrouten. „The location itself becomes a document”, sagt die Sprecherin.
Merit Junghans
„Denial was an intrinsic part of the genocide itself.” Das macht diese Installation sichtbar: wie fortdauernd und systematisch die Verleugnung von Genoziden politisch organisiert ist. Entlang von Franz Werfels Buch Die vierzig Tage des Musa Dagh fahren Angela Melitopoulos und Kerstin Schroedinger eine Migrationsroute nach, in die sich die strukturelle Auslöschung der Armenier*innen einschreibt. 1,5 Millionen Tote.
Vakifli ist das letzte verbliebene armenische Dorf in der Türkei. Alles, was einmal dort bestand, ist heute nur noch Erinnerung, die sukzessiv in die Vergessenheit gedrängt wird. Auf drei Bildschirmen verschränken sich 16-mm Archivmaterial mit der von den beiden Künstlerinnen dokumentierten Reise. Fotografien werden zu Dokumenten. Nichts wird erklärt, nichts wird vorgekaut, stattdessen wird Material gezeigt und dazu eingeladen, sich weiter zu informieren.
Frida Koch









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