Schreiben über Film (1): Fliehen, bleiben, nirgends richtig hingehören
Berlinale 2026: Studierende des Seminars „Schreiben über Film“ (Stiftung Universität Hildesheim) verfassen Kurzkritiken über Quatro Meninas und Everyone’s Sorry Nowadays (Generation), in denen es, sehr unterschiedlich, um heranwachsende junge Frauen geht.
Generation 14plus: Quatro Meninas (Karen Suzane; BR/NDL)

Brasilien, 1884. „We’re not going to serve you anymore“: Vier Dienstmädchen fliehen aus ihrer Sklaverei in einem Internat. Überraschend schließen sich ihnen vier der Schülerinnen an. Sie alle hoffen auf eine bessere Zukunft jenseits des Flusses. Doch kann man Machtstrukturen hinter sich lassen? Auf einem verlassenen Anwesen mitten im Wald prallen ihre Welten aufeinander.
Karen Suzane (Regie) und Clara Ferrer (Drehbuch) verflechten Kolonialismus, Klassismus und Coming-of-Age zu einer bewegenden Geschichte über junge Frauen, die den Mut haben, von einem selbstbestimmten Leben zu träumen. Ruhig beobachtet die Kamera. Über die Leinwand ziehen Farben – Rot, Grün, Schwarz, Weiß – und lösen sich auf, so wie auch die Verhältnisse sich langsam auflösen. Eine Geschichte, die denjenigen eine Stimme verleiht, die viel zu lange schweigen mussten.
Luise Dahns
Alles schimmert, der Regenwald ist in weiches Licht getaucht in Brasilien, 1884. Die vier versklavten Dienstmädchen Tita (Ágatha Marinho), Muanda (Alana Cabral), Lena (Dhara Lopes) und Francisca (Maria Ibraim) fliehen aus einem Internat. Zu ihrer Bestürzung bestehen ihre jugendlichen weißen Gebieterinnen darauf, mitzukommen.
Auf der Flucht erfahren Tita, Muanda, Lena und Francisca das erste Mal Selbstbestimmung, während die anderen unbeholfen am Rand verbleiben. Es entstehen Wünsche, Träume und Pläne, doch hinter jedem Geräusch könnte eine Bedrohung lauern. Der Film verweigert die weiße Perspektive und zeigt unmissverständlich, dass die Annäherung zwischen den Figuren stets unvollständig bleibt. Dennoch entstehen gemeinsame Momente, ohne in Kitsch abzudriften.
Frida Koch
Es ist das Jahr 1884. Tita, Muanda, Lena und Francisca entfliehen der Sklaverei als Dienstmädchen in einem Internat für höhere Töchter. An ihre Fersen heften sich unversehens vier dieser Töchter, die ihrerseits den engen Grenzen ihres Daseins entkommen möchten.
In einer Hütte im Urwald entsteht die wohl unangenehmste WG-Konstellation der Weltgeschichte: Die ehemals versklavte Gruppe muss ihren larmoyanten Wohngenossinnen erklären, wie das mit der Hausarbeit funktioniert. In denkbar satten Farben inszeniert Karen Suzane ein intersektionales Lehrstück vor der wunderschön gefilmten Kulisse des brasilianischen Regenwalds. Quatros Meninas funktioniert als Historienfilm, gerade weil man die Grundkonflikte wiedererkennt - als gegenwärtig und zugleich universell.
Schier Kay
Generation Kplus: Everyone’s Sorry Nowadays (Frederike Migom; BEL/NL/DE)

Everyone’s Sorry Nowadays von Frederike Migom dreht sich um die immer wieder zerreißende innere Welt der 13-jährigen Bianca (Lisa Vanhemelrijck). Es ist ein heißer Sommertag. Bianca wohnt mit ihrer Mutter (Laurence Roothooft) und ihrem kleinen Bruder (Lewis Hannes) in einem Haus mit Garten. Der 9-jährige Alan hat eine Herzerkrankung; die Mutter ist sehr damit beschäftigt, sich um ihn zu kümmern. Dadurch geraten Biancas Bedürfnisse in den Hintergrund, und für ihre Emotionen bleibt kaum Platz.
Aber auch die Lage der Welt trägt zu ihrer Überforderung bei. Everyone’s Sorry Nowadays macht darauf aufmerksam, wie viel Weltschmerz seine Protagonistin – stellvertretend für ihre Generation – mit sich herumträgt und nimmt ihre Gefühle sehr ernst. Gleichzeitig erlaubt er sich aber auch viel Spaß. So baut er z. B. eine Hip-Hop Choreo und Synchronschwimmszenen ein, ohne dies in der Storyline groß zu erklären. Die Figuren interagieren locker und witzig, Szenenbild (Nadja Götze) und Kostüm (Bente Mars) sind verspielt und detailverliebt. So entsteht eine fantasievolle, aber nie gekünstelte eigene Welt.
Merit Junghans
Überall sein und nirgends hingehen: In ihrem zweiten Spielfilm eröffnet Frederike Migom den Zuschauenden die turbulente Gefühls- und Gedankenwelt einer Teenagerin. Beinahe sehnsüchtig wendet die 13-jährige Bianca (Lisa Vanhemelrijck) ihren Blick von ihrem kleinen Bruder ab, der im Garten spielt, und richtet ihn auf die zwei erwachsenen Frauen im Wohnzimmer. Sich in beiden Szenarien nicht richtig aufgehoben zu fühlen ist in diesem Moment ihre größte Herausforderung.
Obendrauf kommen noch die Trennung ihrer Eltern, die Tatsache, dass eine Figur aus ihrer Lieblings-Soap Opera geflogen ist, das Erkunden ihrer Sexualität, ein Riss in der Straße und das Leid der ganzen Welt. In all diese Themen taucht das Drehbuch kurz ein und setzt sie durch Traum- und Fantasieszenen in Wechselbeziehungen – was nicht immer ganz gelingt. Dennoch zeichnet er mit Hilfe seiner Schauspieler*innen eine authentische Mutter-Tochter-Welt-Konstellation, deren Sog man sich nicht entziehen kann.
Stärker Malte








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