Nebenwirkung: Geistererscheinungen – Notizen von der Berlinale (6)
Das Festival neigt sich dem Ende zu. Im Wettbewerb ist Juliette Binoche in ihrem am wenigsten französischen Film zu sehen, ein aufgeblähter Body-Horror-Schocker enttäuscht und eine Dokufiktion von der Autobahn erweist sich als angenehm lebensklug. Und dann kam noch eine unerfreuliche Mail aus der Presseabteilung.
Es ist Schlussspurt bei der Berlinale und die Nerven liegen offenbar blank, nicht zuletzt bei den Weltvertrieben und Sales-Agenten der Wettbewerbsfilme. Die durchforsten anscheinend mit detektivischem Fleiß die Kurzbewertungen ihrer Filme auf der Social-Media-Plattform Letterboxd, gleichen Userprofile mit akkreditierten Journalisten ab und setzen dann die Berlinale-Presseabteilung darauf an, die Einhaltung von Sperrfristen anzumahnen. So erkläre ich es mir zumindest, dass Eurem Kritiker diese Woche, als der es wagte, auf seinem privaten Account dem britischen Wettbewerbsbeitrag Queen at Sea drei Sterne und einen Einzeiler zu widmen – ganze vier Stunden vor der offiziellen Premiere! –, die E-Mail ins Haus flatterte, die paar Worte (fünf vielleicht?) umgehend zu entfernen. Was er dann auch brav tat. Vielleicht sollte ich diese leichte Schikane als Kompliment und Zeichen nehmen, dass meine Worte Gewicht haben, auch wenn die Einstufung eines (zumal eher positiven) Einzeilers als Filmkritik etwas befremdlich anmutet. Oder jemand beim Vertrieb agiert leicht paranoid. Ich würde mein Geld auf die zweite Variante setzen.

Wie dem auch sei, Queen at Sea ist der vielleicht am wenigsten französisch konnotierte Film in Juliette Binoches Karriere. Lance Hammers Demenz-Drama hat nichts vom gallischen joie de vivre, ist vielmehr der Tradition des britischen Kitchen-Sink-Films verpflichtet, eines realistischen Kinos, das den Fokus ganz auf die sozialen Probleme legt. Leslie leidet unter Altersdemenz, ihr Mann Martin kümmert sich rührend um sie, will aber nicht auf den ehelichen Beischlaf verzichten. Da Leslie nicht mehr glaubwürdig Konsens erteilen kann, ruft das die von Binoche gespielte Tochter Amanda auf den Plan. Der Film startet mit einem moralischen Dilemma, entwickelt sich im Laufe der Handlung dann zu einer anrührenden Studie über Einsamkeit und Kontrollverlust im Alter. Wer nach Kino sucht, das neue Horizonte eröffnet, wird hier zwar nicht fündig, wer solide Handwerkskunst mit sozialem Impetus schätzt, umso mehr. Der Film wird sicher seine Bewunderer finden, nicht zuletzt in der Preisjury der Berlinale.

In Moscas/Flies (Wettbewerb) aus Mexiko untervermietet die Rentnerin Olga ein Zimmer in ihrem Apartment an einen Arbeiter, um ihr Einkommen aufzubessern. Der schummelt seinen Sohn mit in die Wohnung, und nach frostigem Empfang freunden sich die beiden an. Regisseur und Drehbuchautor Fernando Eimbcke ist ein unspektakulärer, mitunter vorhersehbarer, aber jederzeit sympathischer Film über auf sich alleine gestellte Menschen gelungen, die in wirtschaftlicher und emotionaler Not zueinander finden. Charismatische Darsteller, gelegentliche Träumereien und ein wohlwollender Blick auf seine Figuren runden den positiven Gesamteindruck ab.

Nichts Positives gibt es dagegen von Saccharine (Berlinale Special Midnight) zu vermelden. Regisseurin Natalie Erika James schwebt hier wohl ein Body-Horror-Schocker über Beauty-Wahn, Körperbilder und Influencer-Unsinn vor. Umsetzen kann sie davon allerdings wenig. Die Anfangsidee ist dabei reizvoll: Medizinstudentin Hana will verzweifelt abnehmen und entdeckt, dass sie aus verbrannter Leichenasche ein besonders wirkungsvolles Ozempic-Derivat basteln kann, mit dem die Pfunde nur so purzeln. Nebenwirkungen beinhalten allerdings diverse Geistererscheinungen. Der Film fängt mitunter vielversprechend als leicht ekliges klassisches B-Movie an, verzettelt sich dann aber zunehmend in Subplots und weiß am Ende gar nicht mehr, was er eigentlich erzählen und ob er Satire, Schocker oder Ermächtigungsfantasie sein will. Die inhaltliche Aufblähung äußert sich ebenso in der völlig unnötigen Laufzeit von 112 Minuten.

London (Panorama) ist ein filmisches Experiment zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Man folgt dem pensionierten Fahrer Bobby und seinen Mitreisenden auf dem Beifahrersitz und hört ihnen über 120 Minuten lang zu, wie sie über Orson Welles in The Third Man (1949), die Reste von Nazi-Architektur in Österreich und den Stellenwert von James Camerons Avatar (2009) als marxistisches Meisterwerk diskutieren. Reduziert, angenehm lebensklug, leicht resigniert und voller trockenem österreichischem Humor ist London ein ungewöhnlicher Roadtrip, bei dem man jederzeit gerne mitfährt.
















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