“Mutter, ich bin dumm” – Zum Tod von Béla Tarr
Ein resignierter Blick auf die Menschheit, aber mit Galgenhumor und auch ein wenig Trost. Béla Tarr ist im Alter von 70 Jahren verstorben. Pavao Vlajcic erinnert sich an zwei filmische Offenbarungen, die ihm der ungarische Regisseur bescherrt hat.

Ich habe Béla Tarr zwei unvergessliche Kinobesuche zu verdanken, die zu den schönsten meines Lebens zählen.
Im Februar 2011 bin ich wie in jedes Jahr zur Berlinale gepilgert, es war mal wieder ein besonders schlecht beleumundeter Wettbewerbsjahrgang unter der Ägide Dieter Kosslicks. Ob zurecht oder nicht, wer weiß das heute noch. Ich erinnere mich aber, dass etwa zur Mitte des Festivals, es war ein Dienstag oder Mittwoch, ein Ruck durch die versammelte Akkreditiertenschar ging – A Separation/ Nader und Simin von Asghar Farhadi und The Turin Horse/ A torinói ló von Béla Tarr hatten Premiere gefeiert. Weder Farhadi noch Tarr sagten mir damals als Namen viel, die Laufzeit von 146 Minuten beim Turiner Pferd schreckte mich eher ab, ich befürchtete eine trist-trübe Geduldsprobe im Gewand des europäischen Arthousefilms. Dennoch nahm ich morgens mit einer Mischung aus Neugier, seltsamer Vorfreude und Befürchtung Platz, links vorne im Parkett des Friedrichstadtpalastes. Licht aus, Vorhang auf und ab der ersten Minute des Films, die mit Tarrs Stimme und der Nacherzählung einer Anekdote über Nietzsche in Turin und seinen (angeblich) berühmten letzten Worten, „Mutter, ich bin dumm“ einsetzt, war die Außenwelt für mich vergessen.

Man folgt anschließend zunächst sechs Minuten lang einem Bauer auf der Kutsche und seinem Pferd durch unwirtliches, überzeitliches, prä- oder postapokalyptisches Gebiet, unterlegt von sakral anmutender Klagemusik. Irgendwann erreicht der Bauer sein Haus, in dem er mit seiner Tochter lebt und in dem sie beide über die nächsten sechs Tage darauf warten, dass die Finsternis sie komplett umschließt. Ein Endspiel in Moll ist der Film, eine Klagemesse auf das Ende aller Tage, radikal reduziert, aber in der Reduktion beinahe wieder maximalistisch und opulent. Trist und trüb ja, aber keine Geduldsprobe, eher eine Offenbarung, von der ich nach der Sichtung ziemlich sicher wusste, dass sie mein Lieblingsfilm des Jahres werden würde.

Dennoch sollte es fast 15 Jahre bis zu meiner nächsten Begegnung mit einem Film von Béla Tarr dauern. 2025 wurde László Krasznahorkai, Drehbuchautor bei sechs Tarr-Filmen, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Das Team des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt war wie immer bestens vorbereitet und programmierte passend kurz vor Weihnachten die 439 Minuten lange Romanverfilmung, die Tarrs Weltruhm begründete, Sátántangó. Von 35 mm und mit zwei Pausen.
Bei der fast ausverkauften Vorführung in Frankfurt an einem Samstag im Dezember konnte man im Vorfeld neben Vorfreude die Befürchtungen vieler Anwesender beinahe spüren, wie man denn diesen 7½-Stunden-Brocken herunterwürgen würde. Ich war mir nach meiner Erfahrung mit A torinói ló ziemlich sicher, dass dies gut gelingen würde. Und wurde nicht enttäuscht. In zwölf nicht chronologisch ablaufende Kapitel untergliedert, entfaltet der Film das Panorama eines wiederum überzeitlich anmutenden Dorfes, das von einem Charismatiker in die Irre geführt und fallengelassen wird. Trotz der zweifellos pessimistischen philosophischen Grundierung wirkt der Film seltsam tröstlich und „erstaunlich lebensweltlich“, wie Kollege Tilman Schumacher an anderer Stelle schreibt.

Etwas Trost kann man im Winter 2026 im Angesicht der weltpolitischen Lage sicher brauchen. Tarr ist, bzw. war trotzdem nicht der richtige Mann dafür. Sein Blick auf die Menschheit war nicht zynisch, aber eben auch nicht romantisierend, vielmehr resigniert, mit einer guten Portion Galgenhumor. Jetzt ist er verstorben. Wenn ich mir die Filme anschaue, glaube ich nicht, dass er erwarten würde, dass man ihn betrauert. Eher dürfte er davon ausgehen, dass man seinen Tod als Faktum hinnimmt. Die Filme hingegen bleiben und wirken wie große, gotische Kathedralen voller Schmerz, Buße und dunkler Schönheit. Von der Schönheit, immerhin ein kleiner Trost, wird man immerdar zehren können.









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