Greatest Hits der Schanelecismen – Notizen von der Berlinale (5)
Während es wieder schneit, geschieht Erstaunliches: Ein Singapurer Melodram wird zum diesjährigen Konsensfilm. Veronica Ferres produziert klassisches Abenteuerkino mit Ethan Hawke. Und Pavao verliebt sich in eine frühere filmische Peinigerin.
Berlin ist inzwischen wieder in eine weiße Schneedecke eingehüllt und sieht wesentlich hübscher aus als noch zu Beginn der Berlinale. Die Filme werden auch besser. Manche zumindest.

Man hätte das so nicht unbedingt erwartet, aber das geradezu klassische Melodram Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren / We Are All Strangers von Anthony Chen mausert sich zum Konsensfilm des diesjährigen Festivals. Der erste offizielle Wettbewerbsbeitrag aus Singapur begleitet einen Vater und einen Sohn aus einfachen Verhältnissen, die beide fast zeitgleich eine Ehe eingehen und mit den Karten, die ihnen das Leben austeilt, umgehen müssen. Chen ist ein Film der kleinen Gesten gelungen, der trotz der stolzen Laufzeit von 157 Minuten keine einzige Szene zu lang laufen lässt, der Erwartungen an das Genre so oft unterläuft, wie er sie bestätigt, der ungeheuer kunstvoll mit der erzählten Zeit umgeht, sie mal dehnt, mal kondensiert. Ganz en passsant entwirft er neben einer berührenden Familiengeschichte ein gesellschaftliches Porträt Singapurs, einer ungeheuer dynamischen, schnell wachsenden Wirtschaft, bei der einfache Arbeiter und Migranten stets Gefahr laufen, unter die Räder zu geraten. Abkürzungen zu Geld und Erfolg sind Mangelware, wie den Figuren oft schmerzhaft bewusst wird. Chens Film ist klug ohne Bedeutungshuberei, schamlos sentimental und hinterließ den Filmkritiker als heulendes Wrack im Kinosessel.

Die Werke des Lieblings der Berliner Filmkritik, Angela Schanelec, teilen das Publikum in zwei Hälften, ein bisschen wie Menschen an Weihnachten, um ein berühmtes Zitat aus Gremlins (1984) zu paraphrasieren: Die einen öffnen ihre Geschenke, die anderen ihre Pulsadern. Mit Meine Frau weint (Wettbewerb) setzt sie ihren Modus Operandi kompromisslos fort und präsentiert eine Greatest-Hits-Platte der Schanelecismen. Nonsensdialoge, während die Darsteller ihre Fahrräder in Seelenruhe vor sich hinschieben, verhuschte Pyjama-Tanzszenen der bourgeois bohème, meditative Naturaufnahmen. Alles ein Statement über die Unmöglichkeit der zwischenmenschlichen Verständigung? Vielleicht. Sehenswert ist der Film vor allem wegen seiner unglaublichen Lichtsetzung, der Momente entrückter Schönheit gelingen. Über den Rest und über die Affektiertheit kann man sich streiten. Ich bin nach anfänglicher Ablehnung ihrer Methode zumindest etwas dem filmischen Stockholm-Syndrom anheimgefallen und habe mich in meine frühere Peinigerin ein kleines bisschen verliebt.

Warwick Thornton versucht in seinen Regiearbeiten eine Historiografie der Ausbeutung und Gewalterfahrungen nachzuzeichnen, denen die indigenen Bewohner Australiens ausgesetzt waren, meist im Gewand des Westerns. So auch in seinem Wettbewerbsbeitrag Wolfram, in dem man zunächst etwas unmotiviert einer Reihe von Figuren folgt, deren Wege sich im Laufe des Films gewaltsam kreuzen, um final in einer Familien-Wiedervereinigung zu münden. Thornton ist ein empathischer Film gelungen, der die karge Szenerie des australischen Outbacks gut für sich zu nutzen weiß. Leider ist er etwas lieblos und wenig nachvollziehbar in vier Kapitel unterteilt, kommt außerdem nur behäbig in die Gänge, und das Drehbuch setzt allzu sehr auf glückliche Zufälle. Immerhin solide.

In Nina Roza (Wettbewerb) reist Kunsthändler Mihail nach 28 Jahren zurück aus Kanada in seine Heimat Bulgarien, um Bilder des achtjährigen Wunderkinds Nina für seine Galerie zu erwerben. Die offizielle Zusammenfassung im Programmheft lässt eine Auseinandersetzung mit dem internationalen Kunstgewerbe und eine Reflexion über Herkunft und Autorenschaft von Kunst erwarten. Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles macht daraus eine in Form und Inhalt unspektakuläre, melancholisch grundierte Rückkehrergeschichte für den gemütlichen Kaffee-Kino-Nachmittag, aus der einzig Hauptdarsteller Galin Stoev nachhaltig heraussticht.

Oft wird dem zeitgenössischen Kino der Vorwurf gemacht, es gäbe keine Filme mehr, wie es sie früher einmal gab. The Weight (Berlinale Special) von Padraic McKinley schickt sich an, den Gegenbeweis anzutreten. Ethan Hawke brilliert als mittelloser Vater, der eine Haftstrafe verbüßt und, um diese abzukürzen, mit drei Mithäftlingen Goldbarren durch eine unwirtliche Berglandschaft schleppen soll. Ihm und dem Rest des äußerst charismatischen Casts, allen voran Julia Jones und Austin Amelio, dabei zuzusehen und mit ihnen mitzufiebern, ist eine ausgelassene, hochspannende, angenehm ernste und dennoch augenzwinkernde Angelegenheit, wie man sie im Kino lange nicht mehr erlebt hat. Veronica Ferres hat gut daran getan, diesen klassischen Abenteuerfilm mitzuproduzieren, bleibt nur noch, ihm möglichst viele Zuschauer*innen zu wünschen.
To be continued…

















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