Eine Dosis Schabernack – Notizen von der Berlinale (2)
Am zweiten Berlinale-Tag reicht die Bandbreite der Premieren vom Genrefilm bis zur ehrenwerten Festival-Konfektionsware. Zu erleben gab es haarige Monster, Popstar Charlie xcx als niedergeschlagene Künstlerseele und den lustigsten Film der bisherigen Berlinale.
Viele Filme auf der diesjährigen Berlinale geben sich zivilisationskritisch und warnen vor ungehemmtem Smartphone-Genuss. Das Fach- und insbesondere das reguläre Publikum bei den Festivalaufführungen zeigen sich angesichts dieser häufig geäußerten Bedenken erstaunlich diszipliniert. Das Geschehen auf der Leinwand wird meist aufmerksam verfolgt, ein Blick auf das Smartphone nur erhascht, wenn der Film irgendwie gar nicht enden will. Ungestörter Filmgenuss also in den Berlinale-Kinos? Nicht ganz. Sich die Smartphone-Daddelei zu verkneifen, haben die Zuschauer*innen zwar gelernt. Dem kleinen Bruder des Todes, dem Schlaf, zu widerstehen, gelingt vielen jedoch immer noch nicht. Und so ist eher das Schnarchen im Publikum ein Störfaktor als der Lockruf der iPhones.

Eine gewisse Müdigkeit ist auch dem Wettbewerb der Berlinale bislang nicht abzusprechen: viele ehrenwerte Anliegen, wenig eindrückliche formale Könnerschaft. Everybody Digs Bill Evans von Grant Gee bildet davon keine Ausnahme. Das Biopic erzählt in nicht immer chronologischen Rückblenden Episoden aus dem Leben des Jazzpianisten Bill Evans, alles natürlich auf wahren Begebenheiten beruhend. Musik wird dabei wenig gespielt und gehört – geredet oder bedeutsam geschwiegen umso mehr. In der Summe entsteht ein kaum innovatives Flickwerk über eine zarte, angegriffene Künstlerseele, die sich in den Drogenkonsum flüchtet. So weit, so bekannt. In dem Film schlummert dabei eine zweite, viel interessantere Erzählung, nämlich die der Eltern des genialen Pianisten. Bill Pullman und Laurie Metcalf geben als verschroben-schrulliges Vorstadt-Ehepaar eine Galavorstellung und man ärgert sich ein bisschen darüber, was für ein potenziell schöner, kluger Film Regisseur Grant Gee hier durch die Lappen gegangen ist.

Horrorfilme über Schwangerschaft gehören spätestens seit Rosemary's Baby zum Standardrepertoire des Kinos, ein gelungenes Exemplar war unter anderem Mother's Baby auf der letztjährigen Berlinale, nun folgt mit Yön Lapsi/ Nightborn (Wettbewerb) der Nachschlag. Unter der Regie von Hanna Bergholm finden sich Seidi Haarla und Rupert Grint in einer finnischen Hütte ein, um die Ankunft ihres Erstgeborenen zu begrüßen. Auf der Welt angekommen, reagiert der Kleine empfindlich auf Licht und mag lieber Kuhblut als Muttermilch trinken. Das Elternglück wird somit auf eine harte Probe gestellt. Statt auf Paranoia, bierernste Problematik oder metaphorische Elevated-Spielchen setzt Regisseurin Bergholm in ihrem zweiten Film klugerweise auf Situationskomik, einfallsreiche Ekel-Momente und trockenen Humor. Dadurch ringt sie diesem Horror-Subgenre neue Facetten ab und unterhält glänzend ohne in eine sauertöpfische Elegie wie zuletzt Lynne Ramsay in Die My Love zu verfallen. An dieser Stelle auch ein Lob an die Berlinale, die im Wettbewerb inzwischen ziemlich unverkrampft mit Genrefilmen umgeht. Mehr hiervon und weniger tradiert-ambitionierte, durchschnittliche Qualitätsware würden dem Festival gut tun.

Mit Sleep No More/ Monster Pabrik Rambut (Berlinale Special) von Edwin hält dann noch mehr (dringend benötigter) Schabernack Einzug in die Berlinale. In einer indonesischen Fabrik, in der man scheinbar noch nie etwas von Arbeitnehmerrechten gehört hat, geht ein haariges Monster um und treibt die Belegschaft in den Selbstmord. Zwei Schwestern machen sich daran, den Tod ihrer Mutter aufzuklären. Zwischen Sozialkritik, Farce und Genrestück hin und her hantierend, sich selbst nie allzu ernst nehmend und bisweilen etwas fahrig inszeniert, lebt der Film von seinen einfallsreichen, handgemachten Spezialeffekten und seinem anarchischen Spirit.

The Moment (Panorama), eine Mockumentary über den Popstar Charlie xcx, könnte der vielleicht lustigste Film dieser Berlinale sein. Man muss kein Fan des brat-Popstars sein, um sich über die im Sekundentakt abgefeuerten, sowohl am Slapstick als auch an Sitcoms geschulten Gags zu amüsieren. Etwas Wissen über zeitgenössische Popkultur hilft dennoch. Am ehesten erinnert The Moment an die politischen Satiren Armando Iannuccis, zuallererst an seine HBO-Serie Veep, hier mit der Musikindustrie statt dem Politikbetrieb als Satireziel. Der Popfilm mag nicht ganz an die Qualität und Gagdichte dieser Serie heranreichen, kommt ihr in seinen besten Momenten aber sehr nahe. Die Hauptattraktion Charlie xcx fungiert dabei eher als funktionale Projektionsfläche – ein abschließendes Urteil über ihre Schauspielfähigkeiten steht weiterhin aus. Ohnehin wird ihr die Show von Alexander Skarsgård und Jamie Demetriou gestohlen, die in Nebenrollen fantastisches komödiantisches Talent mit punktgenauem Sinn für Timing unter Beweis stellen. Eine Erfrischung im Programm.

In El Jardin que soñamos/ The Garden We Dreamed (Panorama) von Joaquín del Paso sucht ein haitianisches Liebespaar mit seinen zwei Töchtern ein besseres Leben in den Wäldern Mexikos, aber die Natur, der Kapitalismus und die Einheimischen machen da nicht mit. Regisseur Paso gelingen immer wieder eindrückliche, immersive Ambient-Naturbilder, die er mit Elementen des magischen sowie des sozialen Realismus mischt und mit einer Prise misery porn abschmeckt. Fertig ist die Filmfestival-Konfektionsware, die ob des schön gearbeiteten, aber immer wieder einlullenden Sound-Designs zum – so schließt sich der Kreis – Schlummern und Schnarchen einlädt.
To be continued…











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