Die ganz großen Kanonen – Notizen von der Berlinale (3)

Provokationen wie bei Yorgos Lanthimos und TV-Pädagogik über Jugend und Onlinepornografie prägten den dritten Festivaltag. Im bisher gelungensten Wettbewerbsbeitrag durfte man dafür gleichzeitig auf einer Hochzeit und einer Beerdigung tanzen.

Am dritten Wettbewerbstag packt die Berlinale die ganz großen Kanonen aus, zumindest was die Laufzeit angeht. In stolzen 185 Minuten, die unbekümmert Fakt und Fiktion mischen, breitet Alain Gomis in Dao ein Mosaik guinea-bissauischer Kultur aus und vermischt dabei einheimische mit migrantischen Erfahrungen, lässt Laiendarsteller auf Profis treffen. Das Publikum ist zur gleichen Zeit Gast bei einer Hochzeit in Frankreich und einer Beerdigung in Guinea-Bissau. Statt sich zu konterkarieren, ergänzen die beiden Ereignisse einander so gut, dass man als Zuschauer*in bisweilen nicht sicher ist, ob man gerade in Afrika oder Europa verweilt: Einige Darsteller tauchen an beiden Orten auf, Situationen doppeln sich. Gomis macht es dem Publikum zunächst nicht einfach, verzichtet komplett auf eine Handlungsführung oder einen Plot, vertraut vielmehr ganz auf die immersive Kraft seines Gesellschaftspanoramas und den zutiefst humanistischen Blick auf seine Figuren im Einzelnen und auf das Menschsein im Allgemeinen. Und er tut gut daran. Der erste Wettbewerbsfilm, bei dem ich mir sicher bin, dass er bei der Preisverleihung kommende Woche nicht ohne Trophäe nach Hause fährt.

In Rosebush Pruning (Wettbewerb) bezieht sich Karim Aïnouz im Abspann auf Marco Bellocchios Klassiker Mit der Faust in den Tasche (I pugni in tasca, 1965), die Zuschauer*innen werden bei seiner neuen Arbeit jedoch wahrscheinlich eher an die frühen Provokationen eines Yorgos Lanthimos denken müssen. Dass Aïnouz’ Autor Efthimis Filippou zahlreiche Drehbücher für Lanthimos-Filme zu verantworten hat, fügt sich da nahtlos ins Bild. Prominent besetzt und hübsch sonnendurchflutet bebildert, ist der Film eine grelle Farce über eine superreiche, wohlstandsverwahrloste amerikanische Familie, die in Spanien dem dolce far niente, dem Konsum und dem Inzest frönt. Das Thema wurde bereits häufig durchgekaut, oft besser als hier, dennoch zieht sich Aïnouz halbwegs launig aus der Affäre. Dass man die gewollten Sticheleien und Geschmacklosigkeiten eher leicht amüsiert als betroffen und empört quittiert, dürfte dennoch nicht das Ziel der Übung gewesen sein.

Luc und Geert sind in Dust (Wettbewerb) auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase der späten 1990er Jahre die Gesichter eines Technologieunternehmens in Flandern und verkaufen eine Art Vorversion von Siri oder Alexa. Als Journalisten dahinterkommen, dass beide über ein Netzwerk von Briefkastenfirmen die Profite schönrechnen und den Aktienkurs künstlich in die Höhe treiben, bricht das Kartenhaus zusammen. Was im Ansatz wie eine modische, gallige Eat-the-Rich-Abrechnung mit der Hybris größenwahnsinniger Tech-Millionäre klingt, entpuppt sich überraschenderweise und zum eigenen Vorteil als empathische, klassisch gehaltene Charakterstudie. Regisseurin Anke Blondé hat kein Interesse daran, ihre moralisch wenig trittfest agierenden Figuren an den Pranger zu stellen, und findet allzu menschliche Erklärungen für ihr Verhalten, ohne sie deshalb zu entschuldigen. Ein angenehm zurückhaltender Film über zwei Männer, die sowohl aufgrund ihrer eigenen Verfehlungen als auch am sozioökonomischen Druck scheitern.

Truly Naked (Perspectives) packt das Thema Jugend und Onlinepornografie an. Alec ist Mädchen für alles in der Porno-Produktionsfirma seines Vaters. Als er mit der feministischen Klassenkameradin Nina anbandeln will, hapert es mit der Intimität. Ein Drehbuch aus der Werkstatt für pädagogisch wertvolle Filmarbeit und Figuren, die brav Diskurspositionen aufsagen, ergeben einen Film, den man gerne als Aufklärungsunterricht in der Schule zeigen mag, der im Wettbewerb eines Filmfestivals aber eher wenig zu suchen hat. Immerhin, einige zarte Momente gelingen der Regisseurin Muriel d’Ansembourg, die Jungdarsteller sind charismatisch und die Chemie zwischen ihnen stimmt. Das findet sich so bisweilen aber auch im Vorabendprogramm angestaubter Fernsehsender wieder und bügelt die anderweitigen Defizite nicht zur Genüge aus.

To be continued…

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