Der anregende Rausch des Minimalen – Berlinale Grohlumne (4)

Wie weit lässt ein Film sich reduzieren? Und welches Potenzial liegt darin? Inmitten strapaziöser Infrastruktur und hektischer Debatten können eine zwei minimalistische Filme aus der Hosentasche wieder auf Null bringen: Sinne schärfen, kleinste Dinge als Ereignis freilegen. Schafft ein, zwei, viele Hongs und Bennings!

Die Berlinale ist ein kräftezehrendes Festival. Schedules planen, frühzeitig Tickets sichern, von einem Film zum nächsten spurten - und da das einst summende und brummende Festivalzentrum am Potsdamer Platz kaum noch Kinos aufweist, heißt das immer häufiger: mit der BVG kreuz und quer durch die Innenstadt. Was in diesem Jahr, da mal wieder Schienenersatzverkehre und eine Pandemie der abgestellten Rolltreppen herrschen, nochmal eine ganz besondere Freude ist. Und dann ist da noch der schnelle Austausch mit lieben Kolleginnen und Kollegen – “... schon gesehen?” / “... musst Du schauen!” – die man nach Screenings oder auf dem Weg zum nächsten trifft. Aber auch jener Bekenntniszwang, den einem die Blockwarte der Meinungsfreiheit aufdrücken, um wirklich sicherzustellen, dass allein ihre Meinung Gehör findet und Debatten von vornherein nicht stattfinden (Team Wim, na logo!). Herrje, ist das alles mal wieder hektisch.

Umso dankbarer ist man für filmische Rückzugsorte, für filmisch intime Kommunikationsformen. Für Filme, die sich nicht mit großen Gesten zu Bewegtbild-Flugblättern mit einschlägiger Agenda verzwergen, sondern Film begreifen als Gespräch auf Augenhöhe zwischen einem mündigen Macher und einem mündigen Zuschauer. Im Zeitalter der Verlautbarungen, Dekrete und Einschwörungen aufs Eineindeutige eine umso wichtigere, auch in sich politische Geste, ohne das Polit-Business zu betreiben.

2 Menschen, 2 Getränke, 1 Tisch, 1 Einstellung: The Day she returns

Auftritt Hong Sang-soo im Panorama. Der Koreaner ist längst ein Ein-Mann-Filmstudio, ein “absolute filmmaker”, der am laufenden Meter Filme produziert, welche in schneller Abnahme von allen großen internationalen Filmfestivals aufgegriffen und von denen aus der zweiten Reihe begierig nachgespielt werden.

Sein neuer Film The Day She Returns ist aufs Neue eher eine dialogische Anordnung als ein durcherzählter Plot. Und wie seit geraumer Zeit bei Hong üblich, ist auch hier wieder kein Element des filmischen Vokabulars selbstverständlich, sondern muss aus sich heraus erarbeitet und begründet werden. Farbe – wozu? Schuss, Gegenschuss – wozu? Kamerafahrten – wozu? Ortswechsel – wozu? Zwei Menschen, zwei Getränke, ein Tisch, eine Einstellung – mehr braucht es bei ihm oft nicht. Dementsprechend ähneln Hongs Filme eher Novellen als durchkomponierten Romanen.

The Day She Returns zeigt, kapitelweise durchnummeriert, fünf Gespräche. Eine einst sehr populäre Schauspielerin gibt in einem deutschen Lokal in Korea (nicht, dass es sonderlich deutsch aussieht, aber im Grunde sieht man auch nur einen Tisch) drei eher jungen Journalistinnen Interviews zu ihrem filmischen Comeback in einer Independent-Produktion. Später spricht sie mit einer Schauspiel-Lehrerin, die ihr dazu rät, die Gespräche aus dem Gedächtnis heraus zu einem Dialog zu verdichten. Schließlich performt sie diesen Dialog mit einer weiteren Schauspielerin.

Das Glück, wenn man die Dinge ohne Deutung so sieht, wie sie sind.

Das erste Gespräch mag noch etwas floskelhaft und trivial wirken, doch in der Wiederholung der Situation ergeben sich Muster, die skizzenhafte Rückschlüsse auf das Leben der Schauspielerin in den vergangenen zehn Jahren zulassen, in denen sie unter anderem eine Scheidung hinter sich gebracht und über ihre eigene Kunst nachgedacht hat.

“Liebe Dich selbst”, lautet der Ratschlag, den sie allen Journalistinnen am Ende gibt - zu Beginn noch als Sinnspruch aus dem Poesiealbum, im weiteren Verlauf aber immer weiter ausartikuliert. Und sie philosophiert über das Glück, welches sich dann einstellt, wenn man die Interpretation hinter sich lässt, wenn man die Dinge nicht mehr deutet, sondern sie in ihrem blanken So-Sein an sich erkennt und so belässt.

Gut möglich, dass Hong uns hier einen Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses, sondern aller seiner Filme an die Hand gibt. Und auffallend häufig infiltrieren ja Partikel seines eigenen Lebens seine Filme, in denen es oft um Filmemacher und um die Schwierigkeiten von Liebesbeziehungen geht – Hong selbst etwa befand sich vor einigen Jahren in einem schwierigen Scheidungsprozess, der zu seinen Ungunsten entschieden wurde. Aber vielleicht ist auch das schon zu sehr interpretiert?

Einladung zum flanierenden Sehen: Eight Bridges

Das Glück, das sich einstellt, wenn man die Dinge ohne Deutung als das sieht, was sie sind: Nicht der schlechteste Ratschlag, um James Bennings neuen Film Eight Bridges im „Forum“ zu sehen. Seit 1977 präsentiert die – damals noch als “Internationales Forum des jungen Films” bezeichnete und weit weniger als heute ins Festival integrierte – Sektion in schöner Regelmäßigkeit die strukturellen Filme des heute 83-Jährigen. Mit Eight Bridges liefert er das, was der lapidare Titel verspricht: acht Brücken, jeweils zehn Minuten lang. Wer sie auf der Karte absteckt, erblickt eine mehr oder wenige gleichmäßige Verteilung übers Gebiet der USA – Zeugnis einer Rundreise, die der Filmemacher auch angesichts der “madness” angetreten hat, die sein Heimatland unter Trump II befallen hat, erzählt er im Q&A nach der Vorführung.

Bennings Filmkonzept mag beliebig klingen, ist es aber nicht. Seine Einstellungen sind genau gewählt. Und mutet sein Konzept auf den ersten Blick vielleicht auch streng an, so wirken seine Filme doch befreiend – eine Einladung zum flanierenden Sehen, das nicht von Plotreizen und Dialogen gesteuert wird. Details tun sich auf, Lichtstimmungen ändern sich, Wolken ziehen vorüber, Wind kommt auf, flaut ab. Menschen bewegen sich in Form minimalster Farbtupfer an der Grenze zur Auflösung des Bildes über Brücken. Möwen kreisen, Boote wechselnder Größe führen Choreografien auf oder strukturieren mit ihrem Motor die Wellen auf dem Wasser neu. Und mit einem Mal fährt jenseits eines Flusses plötzlich ein Zug durch die Bäume – was Benning, der von jeder Brücke nur einen Take aufgenommen hat, selbst überrascht hat: Er wusste nicht, dass dort hinten Gleise durch den Wald verlaufen.

Eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke

Unweigerlich erfährt man Zeit neu – vielleicht als Langeweile, aber vielleicht auch als geschenkte, bewusst erlebte Zeit. Und man beobachtet das eigene Sehen – wohin schaue ich und warum? – aber auch das eigene Hören: Die Tonspur, verrät Benning im Q&A, ist weitgehend so belassen wie vor Ort “vorgefunden”; nur besonders herausstechende und die konzentrierte Stimmung des Films sabotierende Geräusche hat er sorgfältig digital weggepinselt. Die Tonspur erweitert das distanzierte Schauen zum intakten Raum und gibt Aufschluss über die Location. Bis hin zu Momenten der Irritation, wenn im Off plötzlich eine Kinderstimme auftaucht, mit der man hier nicht gerechnet hat.

Eine Brücke ist eine Brücke ist eine Brücke. Das Glück, die Dinge an sich zu sehen, stellt sich bei Eight Bridges rasch ein. Wobei natürlich dennoch die Frage im Raum steht: Wer stellt Brücken auf und wozu? Auf der tosend lauten George Washington Bridge, die New York mit New Jersey verbindet, fahren auffallend viele LKWs – Symptom und Moloch eines steten Warenflusses, der die beiden Großstädte am Leben hält. Eigentlich, so Benning im Q&A, wollte er in Zeiten der Polarisierung und der politischen Exzesse verbindende Elemente suchen – und kam deshalb auf Brücken. Ein naiver Gedanke, wie Benning selbst einräumt. Auch Brücken sind politisch und Träger von Geschichte. Wie die Edmund Pettus Bridge in Selma, Alabama, der man ihre herausragende Rolle in der Geschichte der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA nicht ansieht: Am 7. März 1965 fand in deren Nähe der “Bloody Sunday” statt, bei dem eine Demonstration schwarzer Bürgerrechtsaktivisten von der Polizei brutal niedergeknüppelt wurde – die Bilder gingen um die Welt. Benning selbst bezeichnet den “Bloody Sunday” als einen jener biografischen Momente, die ihn als damals junger Mann besonders politisierten.

Zwei Filme, ein Gedanke

Auf je eigene Art räumen Hong und Benning den Weg frei für eine Emanzipation des Sehens: Film als kommunikativer Akt – etwas sehen, etwas zeigen. Beide suchen den filmischen Nullpunkt, skelettieren ihre Filme auf das für ihre Zwecke Allernotwendigste – und legen damit kleinste Gesten und Abweichungen als Ereignisse und Sensationen eigenen Rechts frei. Wenn Hong nach vielen Minuten von der Totalen ins Detail schneidet oder das Bild sich mit einem Mal bewegt – dann wirkt das fast wie ein anregender Rausch, als hätten sich die Sinne geschärft.

Und beide stellen Fragen: Was konstituiert einen Film? Was braucht man, um ihn zu produzieren? Wie weit lässt sich ein Film reduzieren? Und welches Potenzial liegt in dieser Reduktion? Hong und Benning verfolgen bei den Antworten auf diese Fragen sehr unterschiedliche Strategien – und formulieren auf je eigene Weise doch flankierend eine gewisse Para-Utopie: Mit den modernen Smartphones tragen wir heute im Grunde alle ein Filmstudio in der eigenen Hosentasche spazieren. Schafft ein, zwei, viele Hongs und Bennings!

Neue Kritiken

Kommentare zu „Der anregende Rausch des Minimalen – Berlinale Grohlumne (4)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.