Bis zum Hals im Mystizismus – Berlinale-Notizen (8)
Zum Wettbewerbs-Finale greift Josephine beim Thema sexuelle Gewalt tief in die manipulative Mottenkiste. Andere Filme verteilen großzügig Esel und rote Tupfer auf der Leinwand oder widmen sich ostdeutschen Befindlichkeiten. Pavao zieht ein Festival-Resümee und nennt seine diesjährigen Favoriten.
Und dann ist es auch schon vorbei. Die 76. Berlinale ist heute Abend mit der Preisverleihung Geschichte, das Publikum darf sich morgen noch am Publikumstag austoben. Mit durchschnittlich fünf Filmen am Tag und acht Berichten für critic.de war ich ziemlich fleißig und hatte wenig Kopf für anderes. Damit blieben mir gnädigerweise viele unsinnige Pseudo-Diskussionen in den sozialen und tradierten Medien erspart, die ich eher am Rande mitbekam. Ich habe die Berlinale unter Kosslick, Chatrian und nun Tuttle erlebt, und eine Konstante halte ich fest: Die Leitung des Festivals muss ein maximal undankbarer Job sein, den man nur mit Strömen von Alkohol und verschreibungspflichtigen Psychopharmaka ertragen kann. In diesem Sinne ein kurzes Dankeschön an das ganze Team der Berlinale, das den Jahrmarkt von Jahr zu Jahr wuppt.

Am Ende sind Resümees fällig – insgesamt stach die Berlinale für mich dieses Jahr weder nach unten noch nach oben heraus. Im Vergleich zum Vorjahr fiel der Wettbewerb zwar insgesamt solide, aber etwas weniger experimentierfreudig und konzentriert aus, zwei, drei Titel weniger hätten es auch getan. In den Nebensektionen schwächelte das Panorama mit insgesamt zu viel Botschaften und zu wenig Formwillen bei den programmierten Filmen, für das Forum geht es unter der Leitung von Barbara Wurm wieder aufwärts, nicht zuletzt durch die demonstrierte Offenheit fürs Genre. Und der Spielfilmdebüt-Wettbewerb Perspectives hatte trotz einiger Ausfälle ein schärferes Profil als im Vorjahr und bot einige Filme (Animol, Light Pillar, Red Hangar), die auch dem „großen“ Wettbewerb gut zu Gesicht gestanden hätten.

Mein Lieblingsfilm des Festivals, Anthony Chens We Are All Strangers, dürfte der Wenders-Jury, wenn ich einmal spekulieren soll, zu klassisch und vielleicht auch zu populistisch sein. Dem Renommee des Festivals und der Signalwirkung wäre in meinen Augen ein Sieg für Dao von Alain Gomis am zuträglichsten: ein implizit politisches Werk, das seine Botschaften aber nicht in Glückskeks-Paraphrasen ummünzt und dabei in Gestaltung und Wahl der filmischen Mittel in die Zukunft weist, das bereits jetzt als einer der großen Filme des Jahres 2026 gelten kann. In der Presse wird Queen at Sea von Lance Hammer zum großen Favoriten ausgerufen, ein solides, konsensfähiges Sozialdrama – aber ob ein am britischen Sozialrealismus der 1960er Jahre geschulter Film das Kino im Jahr 2026 nach vorne bringt, sei dahingestellt. Im vergangenen Jahr prämierte die Berlinale mit Dreams den mit Abstand besten Hauptpreisgewinner der drei großen A-Festivals (Berlin, Venedig, Cannes). Hoffen wir, dass dem Rausch nicht der Kater folgt, meine Daumen für Dao und We Are All Strangers sind gedrückt.

Zu den finalen Filmen: Nach Soft & Quiet (2022) meldet sich in Josephine (Wettbewerb) die Königin des minderbemittelten Arthouse-Aufregers, Beth de Araújo, zurück. Nach rassistischer Gewalt im plumpen Vorgänger geht sie in ihrer zweiten Regiearbeit nicht minder plump mit dem Thema sexuelle Gewalt um. Die achtjährige Josephine beobachtet bei einem sonntäglichen Spaziergang mit ihrem Vater (ein ratloser Channing Tatum) im örtlichen Park eine Vergewaltigung. Von der daraus entstandenen Traumatisierung handelt der Film. Oder auch nicht, denn de Araújo geht es weder um strukturelle oder patriarchale Gewalt noch um stimmige (Kinder-)Psychologie. Sie geht auf den reinen Affekt und Effekt, blendet konsequent alle störenden Zwischentöne aus und greift tief in die manipulative Mottenkiste. Damit landet sie offenbar bei einem Teil der Kritik als jemand, der publikumswirksam unbequeme Themen anspricht. Bei näherem Hinsehen bleibt davon aber nur theatralische Vortäuschung einer moralischen Haltung übrig. Passt wahrscheinlich in die Zeit, nur so kann man sich die Tatsache erklären, dass der Film bereits in Sundance alle Preise abgeräumt hat. Ein absoluter Tiefpunkt im Wettbewerb.

Yo (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch ist der obligatorische Dokumentarfilm im Wettbewerb. Die Regisseurin setzt ihrer Freundin, der Künstlerin Yo, damit ein Denkmal. Der Clou: Um mit dem Verlust der Freundin umzugehen, baut sie ein detailgetreues Modell von deren Haus und bevölkert es mit Insekten und Puppen, zögert so den Abschied nach dem Ableben hinaus. Diese hübsche Idee lenkt allerdings nur mäßig erfolgreich davon ab, dass wir es hier mit einem Standard-Dokuporträt zu tun haben. Das ist zwar sympathisch und gefühlig geraten, bietet aber weder formal noch inhaltlich weitere Überraschungen oder Denkanstöße. Kann man zwar machen, muss aber auch nicht sein.

In Etwas ganz Besonderes (Wettbewerb) seziert Eva Trobisch ostdeutsche Befindlichkeiten anhand der Geschichte von Lea, die bei einer Castingshow mitmacht, was sich als Katalysator für diverse Familienprobleme herausstellt. Streng komponiert, kühl beobachtend und berlinerisch geschult macht Trobisch wenig falsch und verhandelt immer wieder im Vorübergehen die Druckpunkte deutsch-deutscher Geschichte. Mir war das bisweilen etwas allzu preziös ausgestellt und in der Summe allzu zimperlich, der Film wird aber seine Bewunderer finden.

Lali (Panorama) zeigt ein junges Ehepaar aus Pakistan, das an Familienstreitigkeiten, falschen Erwartungen und dem Patriarchat zerbricht. Hört sich nach einem Standard-Familiendrama an? Mitnichten. Regisseur Sarmad Sultan Khoosat tunkt seinen Zweistünder bis zum Hals im Mystizismus ein, verteilt großzügig immer wieder Esel und rote Tupfer über die Leinwand und lässt die Klimax in einem epochalen Geschlechterkampf münden. Eine wilde Alternative zum x-ten verhuschten, zarten Befindlichkeitsdrama auf der Berlinale ist der Film dann aber leider doch nicht. Khoosat mangelt es zwar nicht an Ambition und Selbstbewusstsein, die Ausführung lässt aber einiges zu wünschen übrig. Lali schleppt sich als schwerfälliger, konfuser Koloss von einem belanglosen Kapitel zum nächsten und dreht, wenn ihm gar nichts mehr einfällt, den Sound hoch. Schade drum.
















Kommentare zu „Bis zum Hals im Mystizismus – Berlinale-Notizen (8)“
Es gibt bisher noch keine Kommentare.