Berlinale 2026: Empfehlungen
Morgen beginnt der Vorverkauf für die 76. Berlinale. Um die Qual der Wahl zu erleichtern, haben wir uns schon mal im Programm umgesehen und verraten, welche Filme man sich nicht entgehen lassen sollte.
The Day She Returns (Hong Sang-soo, Panorama)

Eine Schauspielerin, die ihr Comeback mit einem Independent-Film feiert, gibt als PR-Aktion für ihren Film drei Interviews, von denen sie eines in einem Schauspielkurs nachstellt. Nach dem wunderbaren What Does that Nature Say to You, der bei der letzten Berlinale im Wettbewerb lief, wird Hong Sang-soos neuer und 34. Film The Day She Returns diesmal in der Sektion Panorama präsentiert. Möglicherweise wird dieser Beitrag deshalb und weil er zu den minimalistischsten Filmen dieses Regisseurs gehört (zwei Figuren, ein Raum, eine spärliche Handlung in vier Akten, alles in Schwarz-Weiß), schnell zu seinen weniger bedeutenden Werken gezählt werden. Das allerdings würde diesem spielerischen und wahnsinnig intelligenten Werk kaum gerecht werden, denn der koreanische Meister setzt hier seine Arbeit über Erinnerung, Erfahrung und Vorstellungskraft mithilfe einer raffinierten Spiegelstruktur fort, die das Ganze durch leichte Verzerrungen, seien sie räumlich-zeitlich oder sprachlich, auf geniale Weise bricht. Die letzte und gewiss alles andere als unbedeutende Wendung: Soju wird ersetzt – durch deutsches Bier!
Jérôme d’Estais
The Moment (Aidan Zamiri, Panorama)

Strobo-Lichter, „Brat“-Sound und Starbesetzung. Dieser Film wird für Kreischalarm am roten Teppich sorgen. Denn in The Moment spielt Hyperpop-Ikone Charli xcx sich selbst und wird sicher auch zur Premiere in Berlin erscheinen. Die britische Musikerin hat die Idee für das Projekt entwickelt und die Hauptrolle übernommen. Es ist eine Art Mockumentary (Regie: Aidan Zamiri), in dem es um den kometenhaften Aufstieg der Sängerin geht und wie die Verwertungsmaschinerie der globalen Popindustrie diesen Erfolgsmoment gewinnbringend ausschlachten will: Für ihre „Brat“-Welttournee 2024 lässt sich Charli xcx zu Marketing-Deals mit Kreditkartenfirmen und einem großen Streaming-Dienst überreden. Nur um dann festzustellen, dass die ignoranten Entertainment-Manager ihr rotziges Image für den Mainstream radikal zurechtstutzen wollen. Im nervösen Handkamerastil gedreht, hart geschnitten zum clubigen Charli xcx-Sound, ist die Pseudo-Doku immer dicht dran an der Protagonistin, liefert aber auch knallige Auftritte von Kinostars wie Rosanna Arquette in der Rolle der tyrannischen Labelchefin und Alexander Skarsgård als verspulten Konzertfilm-Regisseur.
Ute Thon
Siri Hustvedt – Dance Around the Self (Sabine Lidl, Panorama)

Filme über Schriftsteller:innen sind eine Herausforderung. Denn wie macht man sichtbar, was in Köpfen vorgeht, die eigentlich im Stillen denken und dichten? Wie visualisiert man den Schreibprozess? Oft geschieht das mittels Bildern von klappernden Schreibmaschinen, grübelnden Menschen vor Laptops oder Schwenks über stapelweise Manuskriptseiten. Die gibt es in diesem Biopic auch. Doch zum Glück schreibt Siri Hustvedt nicht nur tiefgründige Bücher, sondern kann auch mitreißend über ihre Arbeit erzählen. Dokumentarfilmerin Sabine Lidl hat über die Jahre immer wieder intensive Gespräche mit der New Yorker Autorin geführt. Darin geht es um Literatur und Wahrhaftigkeit, Liebe, Leidenschaft und Feminismus, seltsame Krankheiten, Hexenverbrennungen in Norwegen und auch um den schmerzlichen Verlust ihres Ehemanns Paul Auster. Hustvedt öffnet Türen, Tagebücher und Fotoalben. Wir lernen ihre drei Schwestern kennen und ihre Kindheit in Minnesota, sind dabei, wenn sie als Literaturstudentin in New York an ihrem ersten Roman schreibt, von ihrer Lieblingskünstlerin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schwärmt und ihren „Lebensmenschen“ trifft. Paul Auster, der 2024 gestorben ist, kommt ebenfalls zu Wort. Das macht den Film auch zur Hommage an dieses Traumpaar der schreibenden Kunst und damit doppelt sehenswert!
Ute Thon
Staatsschutz (Faraz Shariat, Panorama)

Der Kontrast des neuen Films von Faraz Shariat zu seinem Debüt Futur Drei (2020) könnte schon im Vorspann kaum größer sein. Zwar taucht der Name „Jünglinge“ – die Produktionsfirma für "aktivistisches Popcorn-Kino", die Shariat gemeinsam mit Paulina Lorenz gegründet hat – dort als erstes auf. Darunter aber steht eine durchaus beeindruckende Liste an Förderinstitutionen, die direkt vermuten lässt, dass es mit der spritzigen DIY-Energie des Vorgängers vorbei sein könnte. Und tatsächlich kommt die sich nach diesem Vorspann entspinnende Geschichte um Staatsanwältin Seyo, deren Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet, als sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags wird, in einer Ästhetik daher, die an betuliche deutsche TV-Krimis zumindest erinnert. Aber so wie auch Seyo allmählich den Staatsapparat, dessen Teil sie ist, zu unterwandern versucht, gelingt es auch Shariat, in die polizeifilmische Form, die er sich aneignet, neue Inhalte zu injizieren: Können wir Institutionen vertrauen, die rechte Gewalt naiv ignorieren oder sogar aktiv stützen, auf so vielen Ebenen längst keine neutralen Instanzen mehr sind und es wohlmöglich niemals waren, und was folgt daraus? Im Durchspielen dieser Frage anhand einer sich im Zwiespalt findenden Protagonistin sowie in mancherlei erzählerischen Motiven erinnert Staatsschutz an Spike Lees BlacKkKlansman (2018) und findet einen ähnlich ambivalenten Schluss zwischen Ohnmacht und Ermächtigung.
Till Kadritzke
Auslandsreise (Ted Fendt, Forum)

Berlin Kreuzberg, in dem wenige hundert Meter durchmessenden Raum zwischen Mehringdamm und Chamissoplatz, zwischen Bergmannstraße und U-Bahnhof Gneisenaustraße: Vier auf die 40 zugehende Wahlberliner sitzen in Altbauküchen und Hinterhöfen, im Viktoriapark oder im Café. Wie in allen drei bisherigen Spielfilmen des Regisseurs Ted Fendt besteht auch der Großteil von Auslandsreise aus quasi-fachlichen Gesprächen über Literatur – genauer gesagt über bestimmte Passagen aus dem Werk der italienischen Schriftstellerin Anna Maria Ortese. Es geht um das Mischverhältnis des Realistischen und des Fantastischen, um den Vergleich von italienischem Originaltext und deutscher Übersetzung, um den möglichen spanischen Einfluss auf die Biografie und das Werk der Autorin.
Die Menschen in Fendts Film sind reine Kinofiguren: Idealisten, Melancholiker, Nerds. Keinesfalls taugen sie als stereotype Vertreter einer ganzen Generation, die trotz ihrer weltgeschichtlichen Privilegierung ihr Recht auf eigene Tragödien anmeldet. Vielmehr sind sie immer nur in dem Maße typisch, wie sie eigensinnig sind: Figuren in einem Übergang von grob skizzierter Vergangenheit in weitgehend unbekannte Zukünfte – ohne Frust, Beschwerden oder sichtbare Erregung, stattdessen ausgestattet mit nerdig-akademischen Partikularinteressen. Es ist anzunehmen, dass man wenig derart interessante, weil ungreifbare Figurenensembles auf der diesjährigen Berlinale antreffen wird.
Lukas Stern
Doggerland (Kim Ekberg, Forum)

Es dauert gut fünf Minuten, bis Doggerland einen ersten visuellen Höhepunkt erklimmt. In ein schwarz-weißes, hübsch informationsarmes, körnig-analoges 4:3-Bild gepfercht, sehen wir zwei Männer – seltsam verrenkt und schräg von links oben nach rechts unten einander zugewandt – beim Fischen. Thema der Szene: Die offensichtlich nicht so ganz legale Vergangenheit des einen, der seine alten Kontakte in der Bikerszene für den anderen gerne reaktiviert. Schon nach diesen fünf Minuten weiß jeder, dass aus diesem Dialog nichts folgen wird - erst recht keine Kriminalgeschichte oder dergleichen. Wie die meisten anderen Figuren des Films wird auch dieser Ex-Biker nach seinem Auftritt auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein. Bis zum Schluss an Bord bleibt jedoch Alf, der gut 40-jährige Held des Films, der, fragte man seine Mutter, nicht so richtig aus dem Knick kommt und sich endlich einen Job suchen sollte. Und gut, dass er den noch nicht gefunden hat. Denn so sehen wir ihn mal von vorbeifahrenden Autos beschienen und mit Licht geradezu überfahren auf dem Bett sitzend, mal auf blümchenbestickten Sofas in unaufdringlich anachronistischen Wohnzimmern Platz nehmend, mal vor der Kulisse des schwedischen Norrköpings spazierend - und immer wieder mit anderen den engen Bildkader teilend. Das 4:3-Bild verkörpert eine Schönheit eigenen Rechts. Wem das als Versprechen genügt, kann sich dieses von Doggerland zur Genüge einlösen lassen.
Lukas Stern
Everything Else Is Noise (Nicolás Pereda, Forum)

Interviews mit Kunstschaffenden können ziemlich banal sein. Für Kunstschaffende ist Kunst schaffen Alltag und die Cello-Komponistin, die in Everything Else Is Noise fürs Fernsehen interviewt werden soll, findet diesen Alltag langweilig. Zumindest redet sie nicht gern vor Kameras darüber, was ihr restliches Leben mit ihren Kompositionen zu tun hat. Sie findet ihren Komponistinnenalltag in ihrer Komponistinnenwohnung so langweilig, dass sie das Interview in die Wohnung einer Freundin verlegt. Aber auch die Freundin ist Komponistin und Mutter einer Tochter, die auch Komponistin ist, deren Vater auch Komponist ist, aber nicht irgendein Komponist, sondern ein Maestro (so nennt man Männer, die komponieren). Der Interviewer, ein Musikjournalist, der sich als Intellektueller versteht, redet von Berufs wegen sehr, sehr gern. Sein Kollege an der Kamera redet weniger, würde aber lieber richtige Filme machen.
Soweit das musikaffine Figurenensemble von Nicolás Peredas neuem Spielfilm, dessen Handlung zur Gänze während des Interviews in der Komponistinnenwohnung stattfindet und der sich doch weitaus luftiger und unberechenbarer anfühlt als Vergleichbares aus der Kategorie Kammerspiel. Everything Else Is Noise ist, der Titel verrät es, weniger ein Film über Musik als über die Nebengeräusche, die sie begleiten. Immer wieder fällt der Strom aus, auch ein Kaktus ist mal im Weg. Gegen die selbstgefällige Dampfplauderei kunstsinniger Männer wissen sich die Frauen ziemlich souverän zu helfen. Die Unterscheidung zwischen Musik und Lärm ist nicht zuletzt eine Frage der Deutungshoheit. Pereda schärft die Klingen seiner Komik an der Realität, der Ton, den er anschlägt, ist zweifellos satirisch und angenehm schief: bissig in der Sache, schwebend in der Form. Sicherlich sind die Machtstrukturen innerhalb der Kulturbranche nicht nur zum Lachen. In diesem Film schon.
Leonard Krähmer
When You Listen to This Song (Mona Achache, Forum)

Mona Achache kehrt nach dem gelungenen Little Girl Blue, in dem Marion Cotillard die Mutter der Regisseurin spielte, mit einem Porträt in Form eines Dokumentarfilms zurück. Er dreht sich um die Schriftstellerin Lola Lafon und deren Buch, das dem Film auch seinen Titel gibt. Es entstand auf die Einladung eines Verlegers, über eine in einem Museum verbrachte Nacht zu schreiben. Lafon legte daraufhin nach einem Aufenthalt im Anne-Frank-Museum den Text Quand tu écouteras cette chanson vor, in dem sie große und kleine Geschichte verband: Sie verwebte darin den Mythos Anne Frank und das Schicksal einer vom Krieg eingeholten Jugend mit ihren eigenen Wurzeln und der schmerzhaften Erinnerung an eine Jugendliebe. Es ist ein eindrucksvolles und subtiles Werk. Und auch Achaches faszinierende Dokumentation ist alles andere als eine platte 1:1-Buchverfilmung. Vielmehr konzentriert sie sich darauf, den Entstehungsprozess des Textes und die Emotionen Lafons eindrucksvoll nachzugestalten – als spannende Träumerei und zugleich als feinfühliges Spiel mit Reflexionen auf der Grundlage von Archivbildern, persönlichen Gegenständen der Schriftstellerin und Auszügen aus dem Text. Und auch voller Momente der Stille, die aus dem nun verlassenen Versteck der Anne Frank widerhallen und ihre ganze Wirkung entfalten.
Jérôme d’Estais
Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 (Retrospektive)

Eine statische Kameraeinstellung, die aus einem verglasten Schalterhäuschen heraus auf die Passanten des Bahnhof Friedrichstraße gerichtet ist. Pausenlos kommen Berliner:innen, Touristen und Ferngereiste vorbei und fragen, den Kopf dabei wegen all des Umgebungslärms ans Glas des Häuschens gepresst, den nur aus dem Off vernehmbaren Bahnhofsbeamten, wie man von hier aus denn nun zu dieser oder jener Straße komme. „Dit ist schon wieder Westberlin, wa?“, seufzt der selbst überforderte Angestellte auf die Frage eines alten Mannes hin – anscheinend ist der Befragte selbst Ostberliner und ahnungslos. Der gemeinsam von west- und ostdeutschen Filmemacherinnen – Lilly Grote, Konstanze Binder, Ulrike Herdin sowie die DDR-Dokumentaristin Julia Kunert – kurz nach dem Mauerfall gedrehte Dokumentarfilm Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 fängt in aller Ruhe, in bedächtig lang gehaltenen Bildkompositionen und schönen, weichen Farben Momente des Übergangs, der (Des-)Orientierung und der Alltagskomik am neuartig belebten Bahnhof in Berlin Mitte ein. Zu Zeiten der beiden deutschen Staaten war das ein streng reglementierter, von Verbotsschildern und Wachpersonal gesäumter Ort, ein Brennspiegel des Kalten Krieges, ein Verkehrsschanier zwischen Ost und West. Auf die einstige Ordnung folgt Unordnung, oder zumindest eine Art Schwebezustand, aus dem die Schwere des Systemkonflikts im Alltag der Menschen ein Stück weit verflogen scheint. Ist die Teilung doch noch präsent, zieht man sie ins Lächerliche: Wer nach Ostberlin will, muss nach wie vor den Pass vorzeigen – was das für ein unnötiger Quatsch sei, bekommen die bedröppelt rumstehenden Beamten zu hören. Der Film interessiert sich aber nicht nur für Laufwege, Abfertigungen, Durchgangsräume, sondern auch für die Menschen, die mit diesem Bahnhof ein Leben verbinden, die hier arbeiteten und arbeiten, für die der Zusammenbruch der DDR eine Zäsur im eigenen Leben, auch große Tragik bedeutet.
Berlin als ein Transitort, von dem aus die Lebenswege vielseitig weiterlaufen. In der diesjährigen Berlinaleretrospektive Lost in the 90s sind einige Berlin-Filme zu sehen, die mit Bahnhof Friedrichstraße in einen schönen Dialog treten (Allemagne année 90 neuf zéro, Gorilla Bathes at Noon, Prinz in Hölleland und So schnell geht es nach Istanbul z.B). Was es allerdings mit der Gesamtauswahl der Retrospektive – der Seitenhieb sei erlaubt – auf sich hat: noch niemand, mit dem/der ich in den letzten Wochen gesprochen habe, hat sie sich, und zwar auch mit Blick auf den begriffsstarken Introtext zur Reihe, erschließen können. Vielleicht hätte man, statt Berlinfilm auf US-Subkultur und abgehangenes Auteurkino treffen zu lassen, es enger, nachvollziehbarer zuschneiden können? Eine Berlinfilmreihe mit einer schönen Anzahl an analogen Kopien (die Retro präsentiert lediglich drei), wäre doch zum Beispiel ganz nett gewesen.
Tilman Schumacher
D’Est (Chantal Akerman, Retrospektive)

Ein von Ostdeutschland über Polen, die Ukraine bis nach Russland immer tiefer in die Kälte und Unbehaustheit des zerfallenen Kommunismus vordringender Tracking Shot, eine wortlose Reise durch Landschaften und Gesichter, die nichts preisgeben und hinter denen wir umso mehr Geschichte vermuten – ihre, unsere, weil es das ist, was wir immer tun. (...)
Mit D’Est (1993) fängt Akerman Bilder und Stimmungen aus einem gesellschaftlichen Übergang ein: Der Sowjetkommunismus ist zusammengebrochen, aber noch nicht gestorben. Glasnost und Perestroika wurden versprochen, doch die Zukunft ist noch nicht sichtbar. Die Menschen warten wie hinter Glas. D’Est wechselt zwischen einem gleichtönigen Fluss der Kamerabewegungen und statischen Einstellungen. Stillgestellte Aufnahmen, die wegen ihrer unberührbaren Kadrage wie bei Ulrich Seidl ein Distanzgefühl auslösen, bilden Bäume, ein Stück Straße, eine Ecke der Stadt ab. Oder namenlose Personen, die in ihren Wohnungen eigenartig fremd wirken, nicht wie Bewohner der Räume: wie Insassen. Ob sie nun Wurst schneiden, konzentriert Lippenstift auftragen oder gar nichts tun. Zur vollständigen Kritik.
Sonja M. Schultz
Wildwood, NJ (Retrospektive)

Wildwood, NJ ist ein Ferien- und Badeort mit an Las Vegas gemahnender Googie-Architektur am südlichen Zipfel New Jerseys. Dort haben die Filmemacherinnen Ruth Leitman und Carol Weaks Cassidy in den Sommern 1993 und 1994 Aufnahmen gemacht und aus dem neonlichtgefluteten Material den gleichnamigen einstündigen Dokumentarfilm geschnitten. Auf rauschigem Super 8, weniger gedreht als aus der Hüfte geschossen, erkunden sie den boardwalk von Wildwood und seine Abwege, die Fahrgeschäfte und Cafés, den Strand und die Fressbuden. Hier tummeln sich Kinder und Alte – vor allem aber erfahrungshungrige Grüppchen junger Männer und Frauen in Ausgehstimmung. Wildwood erscheint als Heterotopie im Foucaultschen Sinne – popkulturell überformt und uramerikanisch-hedonistisch. Überhaupt herrscht hier eine andere Zeitlichkeit; jeden Sommer müsse man wiederkommen, um das Lebensgefühl Wildwood zu verstehen, schwärmt eine Stammgästin.
Wildwood, NJ interessiert sich ausschließlich für die weibliche Perspektive und fragt Frauen unterschiedlichen Alters nach ihren Problemen, Ängsten und Träumen. Vieles dreht sich ums Dating; über weite Strecken kann man sich das wie Pasolinis Interview-Roadtrip Comizi d’amore (1964) vorstellen. Wildwood erscheint dabei als Ort der Oberflächen und Schauwerte, auf die es die munter draufhaltende Kamera abgesehen hat, wenn sie durchs Getümmel huscht. Die Interview-Sequenzen konterkarieren diesen Eindruck zunächst kaum: Die Älteren blicken mit sanfter Nostalgie auf die verflogene Jugend; die Jüngeren mal naiv-optimistisch, mal tradwife-fatalistisch, mal kämpferisch, mal mit vorauseilender Wehmut in die Zukunft. Die sprudelnd-lässige, oft alkoholinduzierte Redseligkeit der Frauen mit den spektakulären Frisuren produziert immer wieder humoristische Effekte. Doch Leitman und Cassidy zeigen unbeirrt und eindrücklich, dass sich, wenn man nur hinhört, unterhalb der Oberfläche Abgründe auftun: Körperideale, Abtreibung, Vergewaltigung… MeToo ist noch sowas von Zukunftsmusik.
Leonard Krähmer
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