Abwarten und Tee trinken – Notizen von der Berlinale (1)

Einfach alles auf die Leinwand hauen, irgendwas davon wird schon kleben bleiben. Zum Festivalauftakt feiern die neuen Filme von Gore Verbinski, Ilker Çatak und Leyla Bouzid Premiere sowie ein Neo-Western, der einen fast an Langeweile sterben.

Berlin zeigt sich zum Auftakt der 76. Filmfestspiele in diesem Jahr von seiner besonders tristen Seite. Im vergangenen Jahr begrüßten stürmische Winde die Besucher*innen, bevor Schneefälle die Stadt in ein märchenhaftes Winter Wonderland verwandelten. Heuer wähnt man sich in einem postapokalyptischen Schocker der eher niedrig budgetierten Sorte. Überall nur Streusalz und Sand auf den Wegen und ein alles niederdrückendes Grau. Nachdem Festivalchefin Tricia Tuttle die Bewährungsprobe 2025 durchaus gut gemeistert hat, wirkt das Programm des diesjährigen Festivals allerdings auch grau, zumindest auf dem Papier. Da bekanntlich aber die inneren Werte zählen, wollen wir an dieser Stelle nicht in den Chor der ewigen Berlinale-Nörgler einstimmen, sondern abwarten, Tee trinken und uns überraschen lassen. 

Mit A Voix Basse von Leyla Bouzid startet das Festival gemächlich, pädagogisch wertvoll, aber nicht gänzlich unliebenswürdig in den Wettbewerb. Laila kehrt zurück nach Tunis zur Beerdigung ihres Onkels und wird mit starren, patriarchalen Strukturen konfrontiert, die ein selbständiges Leben und vor allem eine selbständig gelebte Sexualität unmöglich machen. Wie der Titel bereits andeutet, ist dies ein Film der stillen Gesten, der sich viel Zeit nimmt, seine Konflikte und Figuren einzuführen und seine Mittel ganz in den Dienst der Geschichte stellt. Letztlich kommt dabei eine in ihrer Botschaft sympathische Erzählung über latente und explizite Homophobie in der zeitgenössischen tunesischen Gesellschaft heraus, die über eine brave Bebilderung kaum hinausreicht. Ansprechend, nett und etwas nichtig. 

Gelbe Briefe (Wettbewerb) ist der lang erwartete Nachfolgefilm von Das Lehrerzimmer, mit dem Ilker Çatak 2023 weltweit Erfolge feiern konnte. Seine ambitionierte neue Arbeit verfolgt ein Künstlerpaar aus Ankara, das aufgrund politischer Unliebsamkeit ins Fadenkreuz der türkischen Regierung gerät. Çatak behauptet in seinem zweiten Film das große Drama, in dem sich das Private mit dem Politischen, das Gesellschaftliche mit dem Individuellen kreuzt und eins das andere konterkariert und kontrastiert. Gut gespielt, professionell gedreht, hübsch musikalisch unterlegt, gleiten ihm ab der ersten Sekunde drehbuchtechnisch alle Zügel aus der Hand. Der Film findet nie zu sich selbst, hat keine klare Linie, wirft alle fünf Minuten einen neuen Konflikt in die Luft, arbeitet keinen davon sauber aus, lässt jegliche Stringenz vermissen, kommt sich aber jederzeit äußerst wichtig vor. Spielereien wie die Tatsache, dass Berlin Ankara spielt und Hamburg Istanbul, kann man witzig oder nervig finden, zum Inhalt des Films tragen sie kaum bei. Viele Künstler erleiden nach einem Hit einen "sophomore slump", wie es im Englischen so schön heißt – bleibt zu sehen, wie sich Çatak von seinem erholt.

Berlin ist grau, und sehr grau schaut es, auch wenn der Titel etwas anderes andeutet, im chilenischen „roten Hangar“ aus. El Hangar Rojo (Perspectives) erzählt den Militärputsch in Chile im Jahr 1973 aus der Perspektive des Kapitäns Jorge Silva, Verantwortlicher an einer Militärschule, der sich zwischen Militärethos und seinem Gewissen entscheiden muss. Der Film fängt ziemlich unscheinbar an und erinnert bisweilen an eine etwas brave, betroffen machende Geschichtslektion. Die Kamera bleibt dabei immer ganz nah an Kapitän Silva, und im Laufe der Zeit gelingt Regisseur Juan Pablo Sallato ein feinst ziseliertes, mehrdeutiges Psychogramm einer Art Antiheld wider Willen. Verlassen kann er sich dabei auf einen fulminanten Schauspieler, Nicolás Zárate, der zurückhaltend und äußerst elegant jedes Achselzucken, jede Geste, jeden Blick zur vollen Geltung bringt und so dem Film zu einer gewissen Größe und Mehrdeutigkeit verhilft, die er ohne ihn nicht hätte. Die Erkläreinblendungen am Ende hat der Film nicht nötig, aber das Publikum oder der Regisseur können wohl nicht ohne Einordnungen. 

Gore Verbinski hat nach einigen Flops seit Jahren keinen Film mehr gedreht und meldet sich jetzt mit Good Luck, Have Fun, Don’t Die (Berlinale Special), einem Herzensprojekt, zurück. Natürlich sollte man bei lange hinausgezögerten, schlecht finanzierbaren Passionsvorhaben sofort aufschrecken; meistens haben die schwierigen Entstehungsgeschichten ihre Gründe und einen Anflug von Größenwahn. Diesen stellt Verbinski mit seinem Film dann auch eindrücklich unter Beweis. Er versucht sich mit seiner grellen Farce an einem Rundumschlag gegen die zombifizierte Internet- und AI-Gesellschaft. Menschen reden nicht miteinander, starren nur auf ihre Smartphones, und die AI-Katastrophe steht kurz vor der Tür. Das Thema wird maximal platt und nuancenfrei in endlosen Varianten überraschungsarm durchdekliniert, der Film wirkt wie eine wenig inspirierte, verkürzte Staffel der Black Mirror-Serie. Klug und erhellend ist das alles also nicht, aber streckenweise dennoch ziemlich amüsant. Verbinski haut inbrünstig alles, was er hat (oder woran es ihm mangelt) auf die Leinwand und manches davon bleibt halt kleben. Der Cast ist launig, und wenn sich der Katzen-Zentaur oder die gruselig-niedlichen Spielzeugroboter zur Attacke bereitmachen, muss man schon besonders miesepetrig sein, um sich ein Lächeln zu verkneifen.

A Prayer for the Dying (Perspectives) gibt vor, ein Neo-Western zu sein und nimmt uns mit in das Städtchen Friendship (Achtung: Ironie!) in Wisconsin, fünf Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Nach außen hin idyllisch, bringt bald ein Diphtherie-Ausbruch Tod, Verwüstung – und den Sheriff Jacob an seine menschlichen Grenzen. Regisseurin und Drehbuchautorin Dara von Dusen verfilmt hier eine Vorlage von Stewart O`Nan, und es wird ihr eine Parabel über langsame Gemeinschaftszersetzung vorgeschwebt sein, mit Anschlusspotenzial an aktuelle Diskurse (Covid, Balkanisierung, Autoritätstendenzen). Leider passiert das, was passieren muss, wenn europäischer Arthouse auf amerikanische Mythen trifft: Verquaste, schön bebilderte Langeweile, die nicht zu ihrem allzu offensichtlichen Punkt kommen kann. Euro-Fördersuppe mit kosmetischem US-Anstrich, die mehr über sich selbst als über ihr Thema verrät. A Prayer for the Dying, Titel als Programm: Man stirbt vor Langeweile und betet, dass es bald vorbei ist. Hoffen wir, dies ist kein Omen für die diesjährige Berlinale. 

To be continued…

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