Dead of Winter - Eisige Stille – Kritik
Mit der deutsch-US-amerikanischen Koproduktion Dead of Winter inszeniert Regisseur Brian Kirk einen kurzweiligen Schnee-Thriller mit einigen erzählerischen Schwächen und einer toll aufspielenden Emma Thompson als trickreicher Witwe.

Das winterliche Minnesota, ganz viel (mitunter blutiger) Schnee, 80er-Jahre-Autos, skandinavische Namen, eine einsame Waldhütte als Verbrecherdomizil, eine äußerst nahbare und souveräne Protagonistin: Auf den ersten Blick erinnert einiges in Dead of Winter an Fargo (1996). Doch während der Kult-Thriller der Coen-Brüder seinen Reiz insbesondere aus den ins Absurde und Groteske gleitenden Verstrickungen seiner genau beobachteten Figuren entwickelt, konzentriert sich Kirks Film vorrangig darauf, eine strikt durchgetaktete Handlung voranzutreiben und immer wieder packende Suspense-Momente aus der minimalistischen Figurenkonstellation in Schnee und Eis zu spinnen.
Bedrohlicher Aufbruch

Die circa 70-jährige Barb (Emma Thompson), fährt mit ihrer Ausrüstung zum Eisangeln an einen im Wald gelegenen, zugefrorenen See. Zufällig wird sie vor Ort Zeugin eines Verbrechens: Eine Frau (Judy Greer) und ihr Mann (Marc Menchaca) halten im Keller einer abgelegenen Hütte eine Teenagerin (Laurel Marsden) gefangen. Natürlich gibt es keinen Handyempfang, die nächste Stadt ist Stunden entfernt, und Barbs Auto schafft es nicht den rutschigen Hang hinauf. Also beschließt die Anglerin, die Rettung der jungen Frau in die eigenen Hände zu nehmen. Es folgt ein finessenreicher Machtkampf mit den beiden Kidnappern, unterbrochen durch Rückblenden, die von Barbs Vergangenheit und ihrer besonderen Beziehung zu dem See erzählen (Barbs jüngeres Ich wird gespielt von Emma Thompsons Tochter Gaia Wise).
Das Ganze fängt vielversprechend und atmosphärisch eindrücklich an. Die Kamera begleitet Barb beim Aufbruch aus ihrer dunklen Wohnung und folgt ihrem alten Ford bei der Reise durch die beeindruckende Schneelandschaft über leere Highways in den Wald. Dieser Bewegung wohnt etwas Bedrohliches inne, das nicht zuletzt durch den düster-treibenden Score von Volker Bertlemann hergestellt wird. Die Musik arbeitet hier und da mit skandinavisierenden Elementen, ohne der gezeigten Landschaft – im Gegensatz zu den Bildern – ein Gefühl der Erhabenheit abgewinnen zu wollen.
Kammerspiel im Freien

Als Zuschauender ist man immer nah dran an der Protagonistin, wird mit Barb in die zunächst unklare Situation geworfen und beginnt, sich gemeinsam mit ihr Strategien für das weitere Vorgehen auszumalen. Obwohl ein großer Teil des Films im Freien angesiedelt ist, kommt mitunter eine kammerspielartige Atmosphäre auf – nicht primär durch die sprachliche Interaktion, sondern durch die immer aufeinander bezogenen Bewegungen der Figuren in diesem zugleich begrenztem und offenen Raum-
Obwohl der Film auf Barbs Perspektive ausgerichtet ist, enthält er den Zuschauenden häufig Wissen vor, um den genauen Zweck ihrer Handlungen erst im Nachhinein zu enthüllen. Wenn Barb bei der ersten Kontaktaufnahme mit der eingesperrten Frau einen Handschuh liegen lässt, sieht das zunächst nach einer ungeschickten Handlung aus. Später wird aber deutlich, dass es Barbs Absicht war, um die Kidnapper auf ihre Spur und somit vom Haus wegzuführen. Barbs Beweggründe, überhaupt allein an den See zu fahren und auch die Motivation der Drahtzieherin der Entführung werden erst im letzten Drittel des Films eindeutig aufgeklärt. In einem Fall ist die Erklärung zu offensichtlich, im anderen wirkt die Konkretisierung des zuvor reizvoll Unklaren leider eher enttäuschend und trivial. Kann der Film zu Beginn noch aus seiner Rätselhaftigkeit Kapital schlagen, lässt er sich mit zunehmender Laufzeit bis hin zum Finale immer weiter von seinen starren Erzählstrukturen und den oft vorhersehbaren Wendepunkten einengen.
Unter der Oberfläche

Zudem gerät der Versuch, mithilfe von Rückblenden das Geschehen als Vergangenheitsbewältigung der Protagonistin zu inszenieren, oberflächlich und teils rührselig. Alles wirkt seltsam flach und austauschbar in dieser uninspirierten Retro-Optik, Farben und Licht sind zu strahlend, ständig wird breit gelächelt. Auch lässt die vor allem auf Spannungsszenen ausgerichtete Inszenierung keine weitere inhaltliche Ebene zu. Anders als unter der Eisschicht des Sees befindet sich unter der Oberfläche von Dead of Winter kaum Tiefe.
Großen Spaß macht es allerdings, Emma Thompson beim Spielen zuzusehen. Irgendwo zwischen Miss-Marple-Rüstigkeit und liebenswerter Großmutter-Attitüde verkörpert sie Barb als entschlossene und emphatische Frau mit sympathischer Strickmütze, die sich trick- und einfallsreich durch die eng getaktete Handlung kämpft. Judy Greer als Antagonistin im pinken Schneeanzug und Laurel Marsden als Entführungsopfer verleihen ihren Figuren zu wenig Profil, aber das ist eher ein Problem des Drehbuchs. Marc Menchaca dagegen spielt den unterwürfigen Mann der Entführerin mit einer grotesk-bemitleidenswerten Überzeichnung, die wieder an Fargo von den Coens denken lässt. Übrig bleibt ein fast durchgängig unterhaltsames und handwerklich solide umgesetztes Genre-Geschehen mit einigen erzählerischen Schwächen.
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