1. Iranisches Filmfestival Berlin
Wie widersprüchlich der Iran ist, lässt sich nicht nur an der Politik beobachten. Das 1. Iranische Filmfestival Berlin zeigt von Mittwoch, 30.05. bis Sonntag, 03.06. im Hackesche Höfe Kino ein Programm samt moralischer Dilemmata, soapiger Dramatik, queerer Liebe und einer Erkundung unterschiedlicher Regionen des Landes.

Manche Titel sind schon etwas bekannter, etwa No Date, No Signature, der in Venedig für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde und von einem intensiven inneren Konflikt erzählt, in beeindruckend austarierten Bildern und mit einem starken Ensemble, zu dem in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle auch Hediyeh Tehrani gehört (Fr., 01.06. um 20 Uhr). Ebenfalls in Venedig lief Disappearance, der von zwei Jugendlichen in der Nacht erzählt und dessen Dramatik vor allem in dem liegt, was nicht sichtbar ist: den Gefahren eines repressiven Staates, der in beinahe jeder Handlung verinnerlicht wurde (So., 03.06. um 19 Uhr).
Drei der Regisseurinnen, die im vergangenen Jahr bei den Iranischen Frauenfilmtagen ihre Filme in Berlin vorstellten, sind mit neuen Werken vertreten: Tahmineh Milani mit einem hemmungslos übersteigerten Drama um sich gegen häusliche Gewalt wehrende Frauen, Untaken Paths (So., 03.06. um 17 Uhr); Negar Azarbayjani mit dem komödiantischen Liebesreigen Season of Narges (Sa., 02.06. um 20 Uhr); Ida Panahandeh mit Israfil, dem dramatischen Porträt einer trauernden Frau, die sich in Zurückhaltung übt – Hediyeh Tehrani in einer weiteren sehr schönen Rolle (Do., 31.05. um 20 Uhr).
Zwei der Filme im Programm liefen auf der Berlinale und verdienen sehr viel mehr Aufmerksamkeit: Invasion von Shahram Mokri, der ein stilistisch extrem komplexes Werk geschaffen hat, das in ein und derselben Einstellung von Gegenwart und Vergangenheit (oder Zukunft und Gegenwart) erzählt. Im Kern geht es um einen Kriminalfall in einer apokalyptischen Welt, sehr explizit um homosexuelle Liebe und queere Geschlechterrollen (Sa., 02.06. um 22 Uhr). Hendi & Hormoz ist eine Geschichte um eine Vernunftheirat in sehr jungen Jahren und ein Abenteuerfilm um dann doch entstehende Liebe und die Herausforderungen, auf einer kleinen Insel klarzukommen. Ein Film, der sehr viel mit seinen Landschaften anzufangen weiß (So., 03.06. um 15 Uhr).
Ebenfalls auf dem Land spielt das Film-im-Film-Drama Leaf of Life, das äußerlich ein bisschen auf den Spuren von Kiarostami wandelt und einen Regisseur dabei zeigt, wie er nach und nach größenwahnsinnig wird mit seinen Plänen eines Dokumentarfilms. Was anfangs etwas kapriziös wirkt, entfaltet sowohl ein eindringliches metaphorisches Potenzial als auch sehr konkrete Dimensionen des Kampfes Kultur gegen Natur, nur dass es nie so einfach herunterzubrechen ist (Sa., 02.06. um 16 Uhr).
Besonders empfohlen seien der erste und der letzte Film des Programms, die sich beide dem Leben von Frauen im heiratsfähigen Alter widmen. Delighted, der im Iran verboten wurde und auch im Ausland bis vor Kurzem nicht gezeigt werden konnte, ist eine dramatische Komödie um drei junge Frauen, die sich überlegen, welche Männer sie sich angeln wollen und ob sie sich sonst noch was vom Leben erwarten. Weil die Frauen sich ziemlich viel erlauben und ohnehin ein modernes Verständnis ihrer Rolle in der Gesellschaft haben und der Film alles mit beiläufigem Vergnügen einfängt, wirkt er besonders zeitgenössisch (Mi., 30.05. um 20 Uhr). Soheila No. 17 zeigt eine Frau, die bereits Anfang 40 ist, aber noch immer Single. Der Film wirft sie in eine unmögliche Datingsituation, führt sie zu alten Freunden zurück und entlässt sie dann ins Ungewisse einer neuen Bekanntschaft: Das ist völlig unscheinbar inszeniert, aber dramaturgisch so raffiniert gebaut, dass die Hauptdarstellerin Zahra Davoudnejad sich voll entfalten kann (So., 03.06. um 21 Uhr).

Das von critic.de-Chefredakteur Frédéric Jaeger kuratierte Programm führt das Iranische Filmfestival Köln, das 2018 zum 5. Mal stattfand, in der Hauptstadt weiter.




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