Der Flug des roten Ballons

Der Flug des roten Ballons

Der Flug des roten Ballons (Le voyage du ballon rouge, 2007) war nach dem in Tokio situierten Café Lumière (2003) der zweite Film, den Hou Hsiao-hsien außerhalb seiner taiwanesischen Heimat verwirklichte. Dass es den Regisseur wie vor ihm seinen Landsmann Tsai Ming Liang (What Time Is It There?, 2001) und jüngst auch zwei andere ostasiatische auteurs (Jia Zhang Ke: Useless, 2007; Hong Sang-soo: Night and Day, 2008) nach Paris verschlagen hat, ist sicherlich kein Zufall. Schließlich werden derartige Filme zu weiten Teilen mit französischen Geldern finanziert.

Noch weit weniger als What Time Is It There? oder Night and Day freilich fügt sich Der Flug des roten Ballons zum Paris-Bilderbuch. Sehr zurückhaltend, dezidiert von außen, nämlich aus der Perspektive der chinesischen Filmstudentin Song (Fang Song), nähert sich Hou Europa. Song jobbt in Paris als Babysitterin und kümmert sich um den kleinen Simon (Simon Iteanu), dessen Mutter Suzanne (verkörpert von Juliette Binoche, die den Film mit ihrem exaltierten Spiel manchmal etwas zu sehr an sich zu reißen droht) im gesamten Film kaum zwei Sätze zu ihrem Sohn spricht.

Immer wieder aufs Neue verkettet Hou Kunstproduktion und Alltag. Wenn Suzanne mit ihren Nachbarn über die Essenszubereitung verhandelt, wird dieses Streitgespräch mit Simons Klavierübungen unterlegt. In einer zauberhaften Rückblende ertönt ein Chanson aus der Musicbox zum Pinnballspiel Simons und seiner Schwester Louise, die aufgrund der Scheidung der Eltern nur noch im Sommer bei ihrem Bruder wohnt. Später synchronisiert Suzanne, die ihr Geld damit verdient, Puppentheatervorstellungen mit Gesängen in einem französisch-asiatischen Stilhybrid zu begleiten, ein Super-8 home movie nach, in dem sich die junge Louise mit einer Handpuppe unterhält.

Der rote Ballon des Titels erlebt eine ganze Reihe von Inkarnationen: zunächst ist er unmittelbar da, zumindest so unmittelbar, wie er in einem Film da sein kann, schwebend über den Straßen und Dächern von Paris. Dann im Gespräch über Le ballon rouge, den französischen Kinderfilmklassiker von Albert Lamorisse und gemalt auf einer Mauer, später außerdem in einem dritten – fiktiven – Film, einem Lamorisse-Remake, das Song mit Simon dreht und zuletzt in Félix Vallottons Gemälde „Le ballon“. Das schöne ist, dass dabei nicht nur smartes Meta-Kino herauskommt. Nicht um Desavouierung oder Zerstörung ästhetischer Illusion geht es dem Film, sondern um die vielfältigen, oft hoffnungslos ineinander verknoteten Fäden, die diese mit profaner Lebenswelt verbinden. (lf)

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