World Cinema Fund Spotlight
Zum fünften Geburtstag der Weltkino-Förderinstitution werden ausgewählte Werke in Berlin gezeigt, darunter Hamaca paraguaya, Independencia und Liverpool.

Der World Cinema Fund (WCF) ist vor fünf Jahren von der Berlinale ins Leben gerufen worden und hat sich seither zu einer der interessantesten Förderinstitutionen im Gegenwartskino gewandelt. Gezielt unterstützt der WCF Projekte aus Lateinamerika, Afrika, dem nahen Osten, Ost-, Südost- und Zentralasien und beschränkt sich dabei auf Länder, die sich eigene Förderinstitutionen für ästhetisch anspruchsvolles Kino nicht leisten können oder wollen. Im Kino in den Hackeschen Höfen werden bis Samstag einige Höhepunkte der bisherigen Arbeit vorgestellt.

Zumindest zwei der vorgestellten Filme dürfen mit Fug und Recht als Meisterwerke bezeichnet werden. Beide sind höchst interessante Experimente von prekären Nationalkinematografien. Zum einen ist da Hamaca paraguaya. Paz Encinas Film ist nichts weniger als der erste Film überhaupt, der in Paraguay von einem paraguayanischen Regisseur – genauer: von einer Regisseurin – seit der Entmachtung des deutschstämmigen Militärdiktators Alfredo Stroessner im Jahr 1989 realisiert wurde. Hamaca paraguaya ist vielleicht der langsamste Kriegsfilm der Kinogeschichte. Während des Chacokriegs zwischen Paraguay und Bolivien in den 1930er Jahren wartet ein altes Ehepaar auf ihren an der Front verschollenen Sohn. Encina erzählt ihren Film in statischen, oft bis zu zehn Minuten langen Einstellungen, die in ihrer Gesamtheit eine fast symmetrische Struktur ergeben. Die eigene Vergangenheit zu figurieren ist für ein Land wie Paraguay, seit Jahrhunderten gebeutelt von Armut und Unterdrückung, gleichzeitig extrem schwierig und unbedingt notwendig. Hamaca paraguaya ist ein faszinierender erster Schritt auf diesem Weg.

Auf den Philippinen existiert zwar seit langem eine äußerst produktive Filmindustrie, das neue philippinische Kino, das in den letzten Jahren auf internationalen Filmfestivals von sich reden macht, hat mit deren formalisierten Melodramen, Softpornos und Actionfilmen jedoch nichts am Hut und ist für seine ästhetisch, manchmal auch politisch radikalen Entwürfe auf Förderinstanzen wie den WCF angewiesen. Der erst 24 Jahre alte Raya Martin ist das Wunderkind dieses Kinos. Independencia, seine bislang größte Produktion, ist eine Art Imagination einer frühen philippinischen Nationalkinematografie, die es in dieser Form nie gegeben hat und die auch in ihrer real existierenden Form wahrscheinlich auf alle Zeit verloren ist. Martin dreht seinen Film im Stil des späten Stummfilm-, beziehungsweise des frühen Tonfilmkinos: komplett im Studio inszeniert, mit artifizieller Beleuchtung und gemalten Hintergrundbildern. Martin entwirft eine Geschichte aus dem philippinisch-amerikanischen Krieg der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts, der die Philippinen für mehrere Jahrzehnte zu einer amerikanischen Kolonie machte. Die nachträgliche Rückeroberung einer gestohlenen Geschichte unternimmt Independencia nicht in einer trocken-essayistischen Form, sondern in sinnlichen, hypnotischen Bildern und Tönen, die einen Empfindungsraum zu erschließen suchen, den es nie gegeben hat.

Diese herausragenden Filme finden in ihren Herkunftsländern kaum statt. Ähnliches gilt für Liverpool, den vierten, im Gegensatz zu den Vorgängern leider etwas selbstverliebten Film des argentinischen Festivalstars Lisandro Alonso oder für das malinesische Drama Faro – Göttin des Wassers, eine sehr interessante Dorfstudie in der Tradition Ousmane Sembenes. Das liegt meist weniger an der fordernden Ästhetik der Werke, als an den jeweiligen Vertriebsstrukturen, ist aber natürlich dennoch ein Problem. Der WCF fördert neben derartigen filmkünstlerischen Kraftanstrengungen auch Projekte, die größere Chancen haben, ein breites Publikum zu erreichen, so etwa der diesjährige Berlinale-Gewinner Eine Perle Ewigkeit (La teta asustada) aus Peru oder das in europäischen Arthauskinokreisen viel beachtete palästinensische Selbstmordattentäterdrama Paradise Now.
Veröffentlicht am 05.11.2009
Fotos: Festival
Das Programm:
4. November 2009
20 h Eröffnung des WCF–Spotlight: Eine Perle Ewigkeit (Peru 2009)
mit Hortensia Völckers (künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes) und Dieter Kosslick (Intendant der Internationalen Filmfestspiele Berlin)
Laudator: Fatih Akin
Ehrengäste: Salif Traoré (Regisseur, Mali), Raya Martin (Regisseur, Philippinen), Kiko Goifman (Regisseur, Brasilien)
5. November 2009
18 h Faro (Mali 2007) Regie: Salif Traoré
Gäste: Regisseur Salif Traoré, Produzentin Bärbel Mauch
20 h Independencia (Philippinen 2009) Regie: Raya Martin
Gäste: Regisseur Raya Martin, die dt. Produzenten Gerhard Meixner und Roman Paul. Vorgestellt von: Robert Thalheim
22 h Liverpool (Argentinien 2008) Regie: Lisandro Alonso
6. November 2009
18 h Hamaca Paraguaya (Paraguay 2006) Regie: Paz Encina
20 h The Wind Journeys (Kolumbien 2009) Regie: Ciro Guerra
Gäste: Hauptdarsteller Marciano Martínez, die dt. Produzenten Gerhard Meixner und Roman Paul. Vorgestellt von: Hannes Stöhr
22 h Ajami (Israel/Palästina 2009) Regie: Yaron Shani, Scandar Copti
7. November 2009
18 h Paradise Now (Palästina 2005) Regie: Hany Abu-Assad
20 h Pandora’s Box (Türkei 2008) Regie: Yesim Ustaoglu
Gäste: Regisseurin Yesim Ustaoglu, Produzent Serkan Cakarer
Vorgestellt von: Emily Atef
22 h Filmphobia (Brasilien 2008) Regie: Kiko Goifman
Gast: Kiko Goifman
Blog: Berlinale im Dialog

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Kommentare zu World Cinema Fund Spotlight
Martin Z. 08.04.2010 13:42
Vier Charakteristika machen aus diesem Streifen dann doch schon wieder etwas Besonderes:
es passiert so gut wie nichts, die statische Kameraeinstellung wechselt fast nie, man kann im ständigen Halbdunkel fast nichts erkennen und die spärlichen, sich wiederholenden Dialoge drehen sich um das Wetter, einen bellenden Hund und die eventuelle Heimkehr des Sohnes aus dem Krieg. So gesehen ist es eigentlich gar kein Film, nicht einmal ein vertontes Bilderbuch. Vielleicht ein Versuch die absolute Leere darzustellen, das Nichts als Gegenpol zu dem Etwas. Da ist fast nichts Lebendiges mehr - also etwa das Leben nach dem Tod? Die stille Reglosigkeit der dunklen Wolken? Kann man das Warten sichtbar machen? Doch das geschieht eigentlich nur im Kopf, das ist eine Einstellung.
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