Wenn Frauen sich opfern, weil Lars von Trier es so will

Die Studie Lars von Trier. Goldene Herzen, geschundene Körper schaut auf die machtlosen, verstummenden Frauen im Kino des umstrittenen dänischen Filmemachers und findet nackte Frauenfeindlichkeit.

Antichrist 1

Lars von Trier ist ein Filmemacher, der Widerspruch geradezu herausfordert. Seine Filme sind sperrig, aufwühlend, oftmals fast unerträglich. Sein jüngster Film Antichrist (2009) kokettierte mit dem Horrorfilm und zeigte einige Szenen von so eindringlicher, sexualisierter Gewalt, dass nicht nur bei den Filmfestspielen in Cannes Kritiker und Publikum entsetzt den Kinosaal verließen.

Von Trier – das „von“ hat sich der als Lars Holbæk Trier Geborene selbst und wohl in Gedenken an Erich von Stroheim sowie Josef von Sternberg zugelegt – wird aber auch gerne nachgesagt, ein autoritärer, fast sadistisch kontrollwütiger Regisseur zu sein, der seine Schauspieler, vor allem die Hauptdarstellerinnen, in Zornesausbrüche und Weinkrämpfe zu treiben verstehe. Wie viel Wahrheit in diesen Geschichten steckt und wie viel Provokation und Trommeln um Aufmerksamkeit, ist allerdings durchaus fraglich.

Nicht weniger umstritten und für die Bewertung seiner Arbeit womöglich noch bedeutsamer ist die Frage, inwieweit von Triers Filme frauenfeindlich sind. Gerade Antichrist mit Charlotte Gainsbourg als brutaler, kastrierender Protagonistin sorgte für eine erneute, heftige Diskussion dieser Frage, ältere Filme wie die „Goldherz“-Trilogie (Breaking the Waves, 1996; Idioten, Idioterne, 1998; Dancer in the Dark, 2000) sind aufgrund ihrer passiven, leidenden, stets weiblichen Hauptfiguren ebenfalls nicht unproblematisch.

Da kommt eine feministische Auseinandersetzung mit Lars von Trier und seinen Filmen also gerade recht. Die Promotion der Germanistin und Medienwissenschaftlerin Antje Flemming, die jetzt unter dem Titel Lars von Trier. Goldene Herzen, geschundene Körper erschienen ist, nimmt nicht nur das Werk von Triers unter die Lupe – allen voran die „Goldherz“-Filme sowie Dogville (2003), Manderlay (2005) und, in einem angefügten Kapitel, da der Film erst nach Abschluss der Dissertation fertiggestellt wurde, natürlich auch Antichrist. Flemming beschäftigt sich außerdem mit den Produktionsbedingungen, unter denen von Trier arbeitet, also der Entstehung und Struktur seiner Produktionsfirma Zentropa, dem „Dogma 95“-Manifest sowie den Reaktionen, die es in Medien und Wissenschaft auf seine Filme gegeben hat.

Antichrist 2

Sprachlosigkeit wird Machtlosigkeit
Vor allem aber betreibt sie eine kritische Filmanalyse, deren Grundthese lautet, dass die Protagonistinnen in Lars von Triers Filmen nicht nur auf Opferrollen festgelegt sind, sondern dass sie zugleich im Laufe des Films immer mehr zu schweigen beginnen. Die Frauen in diesen Filmen verlieren, so Flemming, zunehmend die Möglichkeit, sich mit Sprache in der Welt zu behaupten, und können sich schließlich nur noch durch nonverbale Mittel ausdrücken, seien dies Emotionen, Fantasien oder Körperlichkeit.

Als analytischer Bezugspunkt dient dabei ein Machtmodell – implizit auf Michel Foucault verweisend –, das den Arbeiten von Judith Butler entliehen ist und die Möglichkeit sowie das Recht zu sprechen damit in Verbindung bringt, wie viel Macht zur Selbstbehauptung besteht. Die Sprachlosigkeit der von Trier’schen Protagonistinnen ist also Ausdruck einer zunehmenden Ohnmacht, aus der wiederum das von ihnen zu erbringende Opfer den einzigen Ausweg darstellt.

Flemmings Perspektive – die sie anhand der einzelnen Filme ausdifferenziert und präziser am Material entlang entwickelt – bietet dabei gerade für Breaking the Waves und Dancer in the Dark wichtige Ansatzpunkte, mit denen sich die Frauendarstellungen von Triers besser fassen lassen. Wo sich das Selbstopfer der Frau am Ende nicht einstellt, wie das in Dogville der Fall ist, wird dies nach der Autorin nur deshalb möglich, weil sich die Protagonistin dem Schutz (und damit dem Gesetz) ihres Vaters unterwirft und so wieder eine Position der Macht erlangt, die allerdings nicht ihre eigene ist. Stets ist den Filmen dabei auch ein Versagen der Kommunikation zwischen den Figuren eingeschrieben; entweder ist sie fruchtlos, weil man einander nicht versteht, oder die sprachliche Kommunikation wird ihres eigentlichen Sinns entledigt, weil sie (in Dogville) den Handlungen der Figuren entgegengesetzt ist.

Bertz Fischer Lars-von-Trier

Flemming weiß ihren Ansatz auch mit anderen Fragenkomplexen zu verbinden. So beschreibt sie etwa überzeugend die Parallelen, die sich im Verstummen der Protagonistinnen zu den klassischen Diagnosen der Hysterie sehen lassen – gerade diese ist ja ein wichtiges Untersuchungsgebiet feministischer Wissenschaftskritik gewesen, die hinter der zunächst fast ausschließlich bei Frauen gestellten Diagnose vielfältige Macht- und Normierungsmechanismen am Werk finden konnte.

Darüber hinaus werden die Beobachtungen eingeordnet in ihren Genrekontext (etwa das Melodram) und mit den historischen Vorbildern von Triers (Carl Theodor Dreyer, Andrej Tarkowskij) in Verbindung gebracht; schließlich darf auch eine Einordnung der Opfervorstellung in religiöse Zusammenhänge nicht fehlen.

Diese Untersuchung ist allein schon deshalb erfreulich, weil sie mit großer Genauigkeit auf die Filme von Triers schaut und, stets konsequent unter den eigenen Prämissen arbeitend, diese präzise ausdeutet. Flemmings Buch liefert damit weiteren Analysen, vor allem solchen mit feministischem Ansatz, reichlich Material.

Dogville

Machtneurotiker und Kontrollfreak
Gleichwohl sind die Wertungen und Einschätzungen der Autorin an vielen Stellen nicht gänzlich überzeugend. So beruht ihre Darstellung des Regisseurs als Machtneurotiker und Kontrollfreak zwar auch auf Darstellungen Dritter, nicht zuletzt aber auf seinen eigenen Äußerungen. Selbst wenn von Trier nicht als Provokateur bekannt wäre, wäre eine gewisse kritische Distanz zu seiner Selbstdarstellung angebracht, die Flemming aber nur dann anwendet, wenn etwas nicht zu ihrem Bild des Regisseurs passt.

In ihrer Bewertung schleift sie so die Grenze zwischen Star-Persona und realer Person. So behauptet sie etwa in einer durchaus problematischen Argumentation, das Denken des Künstlers Lars von Trier – dessen Kontrolle über seine Filme als so absolut geschildert wird, dass etwa das Eigenpotenzial der Schauspielerinnen kaum noch eine Rolle spielt – finde auf der Leinwand anscheinend seinen direkten Ausdruck. Demnach werde beispielsweise an den Goldherz-Filmen sichtbar, „dass der Regisseur offenbar nicht in der Lage ist, die Liebe als ein ganzheitliches, in irgendeiner Weise positiv besetztes Phänomen zu denken […]“.

Hier wird auch die Schwierigkeit deutlich, dass sich im Text immer wieder Passagen finden, die suggerieren, von Trier als Person und Filmemacher sei stets einverstanden mit dem, was den Protagonistinnen seiner Filme zustoße, als produziere er rein affirmatives Kino und genieße es sogar: „Das Mehr an Lust des Künstlers generiert sich aus dem verwehrten Körper der Frau. Der filmische Blick weidet sich förmlich am geschundenen Körper der Bess, an der Todesangst der Selma oder am Todeskampf von ‚She‘ in Antichrist.“

Dogville

Nun ist es keineswegs so, dass man von Triers Arbeiten schon allein deshalb vom Vorwurf der Frauenfeindlichkeit befreien sollte, nur weil sich der Regisseur in Interviews entsprechend geäußert hat. Es kann aber nicht Aufgabe der Filmanalyse und -kritik sein, die Psyche eines Regisseurs zu erkunden. In Flemmings Arbeit schaden diese Stellen ihrer Argumentation, weil sie sich mehr auf die Person Lars von Trier fixiert, als dass sie konsequent auf der Ebene des Materials bliebe. So wäre es für die eben zitierte Stelle wichtig, genauer zu erfahren, wie genau das „Weiden“ des „filmischen Blicks“ aussieht, der sich auf die sterbenden Frauen richtet – präzise welche ästhetischen und narrativen Strategien etwa die Filme in diesen Momenten einsetzen und wie sich diese im Gesamtkontext verstehen lassen.

Es ist zudem fraglich, ob es sinnvoll ist, sich allein auf Sprache als Form der Machtausübung zu beziehen. In ihrer Beschreibung der Hysterie verweist Flemming selbst darauf, dass feministische Theoretikerinnen in diesem Krankheitsbild auch Widerstandspotenzial finden; genauso ist also auch für von Triers Protagonistinnen zu klären, inwieweit ihre anstelle der Sprache hervorgehobene Emotionalität und/oder Körperlichkeit nicht auch Ort von Widerständigkeit sein kann – oder wie eben dies im Film, etwa durch die Inszenierung, unmöglich gemacht wird.

Widersprüchlichkeiten im postmodernen Film
Auf viele Fragen, die man an von Triers Filme richten könnte, lassen sich aber vielleicht auch gar keine eindeutigen Antworten finden – Flemming selbst rechnet sie der Postmoderne zu, geht aber nicht weiter auf die Konsequenzen dieser Zuordnung ein. Auch ohne dass man die mit dem postmodernen Film verbundenen Debatten vollständig ausbreiten muss, ist doch klar, dass es sich bei den von ihr besprochenen Werken um äußerst komplexe und oft in sich widersprüchliche Artefakte handelt, die sich bei genauem Hinsehen ihren Deutungen entgegenstellen.

Antichrist

Das gilt etwa für die Einbindung der Musical-Szenen in Dancer in the Dark, die sicherlich eine Traum- und Fluchtwelt für Selma (Björk) darstellen und damit die Machtlosigkeit der Figur noch unterstreichen; man könnte aber auch diskutieren, inwieweit der Bezug auf The Sound of Music (1965) nicht auch als bitterböse Satire auf die heile Welt des Musicals gelesen werden kann und welche Folgen dies für das Verständnis von Dancer in the Dark und die im Film agierenden Frauenfiguren hätte.

Noch deutlicher wird das in dem von Flemming recht knapp gehaltenen Kapitel zu Antichrist, das lediglich Argumente zusammenträgt, die ihre These stützen. Gerade von Triers jüngster Film ist jedoch so überkomplex, so beziehungsreich und verschlüsselt, dass sich eine derart reduzierte Sichtweise verbietet. Nun könnte eine gründliche Analyse des Films die Vermutung einiger Rezensenten bestätigen, dass Antichrist so sehr mit widersprüchlichen Thesen, Bildern und Themen überfrachtet wurde, dass man ihn quasi als beliebig mit den Ideen des Regisseurs vollgestopften, gewaltigen Setzkasten betrachten muss – oder sie könnte zu den gleichen Schlüssen kommen wie die Autorin in diesem Buch.

Denn, man kann es nur nochmals betonen, Antje Flemmings Untersuchung ist eine material- und aufschlussreiche Betrachtung von Lars von Triers Arbeit mit klarer politischer Ausrichtung, wie man es in dieser Entschlossenheit selten findet. Es wäre nur zu wünschen gewesen, dass auch die Widersprüche und Unstimmigkeiten in Lars von Triers Werk hier mehr Aufmerksamkeit gefunden hätten.

Antje Flemming: Lars von Trier. Goldene Herzen, geschundene Körper.
Berlin: Bertz + Fischer 2010. 256 Seiten. EUR 25,00.

Antichrist ist bei MFA+ Film auf DVD erhältlich, Dogville im Vertrieb von Concorde Home Entertainment.

Kommentare zu „Wenn Frauen sich opfern, weil Lars von Trier es so will“


DR

Sehr schöne Rezension, vielen Dank dafür! Danke auch für den Querverweis auf Carl Dreyer, werde ich mich gerne auch mal mit auseinandersetzen, klingt spannend.


Bernd Schmidt

Meine persönliche Meinung: Ich empfinde die Filme von Lars von Trier überhaupt nicht frauenfeindlich. Wenn Schweigen als fehlende Emanzipation verstanden wird, dann ist dies bereits eine fehlerhafte Denkstruktur. Schweigen tun in seinen Filmen auch Männer, gerade in "Melancholia", wo die Frauen bis zum letzten Moment Durchhaltevermögen und Stärke zeigen. Es wird hier nach Gespenster bei L. von Trier gesucht, wo keine sind. Und Schweigen ist eine Charakterausprägung, die eben oft gerade von hochintelligenten Menschen als angenehm empfunden wird (statt unentwegtes Plappern). Es ist eben diese Ruhe und stille aller Protagonisten in den Filmen, die L. von Trier so anziehend machen. Dies als Fehlen von Emanzipation zu betrachten, erscheint mir persönlich eher als Überreaktion einer extremen Feministin.


ulle

Lustig , dass Menschen sich mit kruden Thesen über Frauenfeindlichkeitstendenzen in von Triers Filmen promovieren können. Hier ein bisschen Focault Geschwurbel, dort noch mehr Judith Butlers selbstbemitleidende sog. Genderstudies und es wird "cum laude" ! gerufen . Female-Sociological- Esotherik, das wäre für mich der richtige Oberbegriff für diese Hausarbeit im 2. Sem. Sozialwissenschaft.






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