„Was zählt, ist die Bildfolge, wie in einem Film“

Er war Art Director für Louis Malle, Maler, Grafiker, Filmregisseur und ein Meister der Straßenfotografie. Eine Berliner Ausstellung widmet sich dem Gesamtwerk von William Klein, der in all seinen Arbeiten stets weniger an der Kontrolle über das Bild interessiert war als am unmittelbaren Rausch des Moments.

Cine-poster Tokyo 1961  c  William Klein

Ein Blick durch die Glasscheibe eines Badehauses im Tokioter Vergnügungsviertel Shinjuku. Es herrscht Hochbetrieb. Zahlreiche nackte Männer sitzen in der Hocke oder auf kleinen Plastikschemeln und widmen sich der Körperhygiene. Die Fensterleisten unterwerfen das unordentliche Geschehen einer strengen Aufteilung. An der Außenseite der Scheibe kleben schlampig aneinandergereihte Kinoplakate. All diese Eindrücke werden eins durch das Fehlen eines Bildzentrums und die flächige Komposition; die unvollkommene Momentaufnahme und die Ausschnitte einer idealisierten Filmwelt, das Ordnungsprinzip und die Faszination für das Chaos.

Smoke   Veil  Paris 1958  Vogue  painted contact2011  c  William Klein

Das Bild stammt aus der Tokio-Serie des US-amerikanischen Fotografen William Klein. Immer wieder widmet er sich in seinen Stadtporträts übereinander geschichteten Werbetafeln und Filmpostern, die sich mit schnappschussartigen Aufnahmen von Straßen und den Menschen, die sich auf ihnen herumtreiben, abwechseln. Das C/O Berlin, das Klein gerade eine Überblicksschau widmet, verdoppelt in seiner Ausstellungsarchitektur noch die urbane Überforderung der Arbeiten. Alles wird wild neben- und übereinander gehängt: Mit Farbe bemalte Foto-Positive neben vergrößerten Reproduktionen, grimassierende Großstädter neben ausdruckslosen Models. Klein, der in seinen frühen Gemälden und Fotogrammen vor allem abstrakt und grafisch gearbeitet hat, zeigt sich fasziniert von Formen, Oberflächen und Rhythmen. In seinem Film Broadway by Light (1958) schafft er mit Lichtern, Farben und den Mitteln der Montage eine flackernde Traumwelt aus Neonreklamen und Anzeigentafeln.

Rock stars  pin ups and movie stars  New York 1955  c William Klein

Doch neben wiederkehrenden Pop-Art-Elementen – dem Faible für Reihungen, All-Over-Kompositionen und knalligen Farben – widmen sich Kleins Bilder auch gerne einem Alltag, der in der Welt der Werbung sonst keinen Platz findet. Es sind Aufnahmen von in sich versunkenen Fußgängern, wütenden Demonstranten, ethnischen Minderheiten und immer wieder herumalbernden Kindern. Das Porträt einer Gruppe von Jungen und Mädchen, die sich vor Kleins Kamera spielerisch in Pose werfen, nennt er bezeichnenderweise Rock stars, pin ups and movie stars. Kleins Fotografien können ihre Darsteller zwar hinterlistig überraschen, aber sie sind häufig auch eine Aufforderung an Angehörige marginalisierter Gruppen, sich einmal ohne falsche Bescheidenheit selbst zu inszenieren.

Spartakiad  Stadium entrance  Moscow 1959  c  William Klein

Dabei sucht Klein nicht Distanz oder Überblick, sondern will mittendrin stehen. Oft sind seine Bilder aus nächster Nähe aufgenommen, wirken fragmentarisch und unmittelbar, betonen durch verzerrte Gesichter, Unschärfen und Überbelichtungen das Rauschhafte, und das im Moment Verwurzelte. Selbst in den Modefotos, mit denen Klein mitunter sein Geld verdient hat, scheint er wenig Interesse an der absoluten Kontrolle über das Bild zu haben. Seine Mannequins filmt er etwa im unglamourösen Gedrängel eines Backstage-Bereichs oder mischt sich auf belebten Straßenkreuzungen unters Volk. Und so wie die aufgestylten Damen dabei Bezug auf die Bewegungen der Passanten nehmen, reagieren diese wiederum auf die Inszenierung im Alltag. Auch Schauspieler, Tänzer oder bildende Künstler lässt Klein innerhalb der Stadt agieren. Und wenn er sie fotografisch festhält, will er nicht Künstlichkeit und Authentizität gegeneinander ausspielen, sondern einen fiktiven Raum schaffen, in dem beides friedlich nebeneinander existieren kann.

„Was zählt, ist die Bildfolge, wie in einem Film“, sagte Klein einmal. Neben seinen eigenen filmischen Arbeiten – etwa Dokumentationen über Muhammad Ali oder Eldridge Cleaver, in denen er es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht hat, die Distanz zu seinen Objekten komplett aufzuheben – hat Klein auch immer wieder selbst gestaltete Fotobücher herausgegeben und darin versucht, eine Dramaturgie von Eindrücken zu entwickeln. Auch wenn die Berliner Ausstellung in ihrem Aufbau wieder stark auf Chronologie und Werkzyklen setzt, anstatt die Einzelteile des Oeuvres einmal neu miteinander in Beziehung zu setzen, lohnt sich der Besuch schon allein, weil man hier Kleins großartige mutimediale Arbeiten einmal aus der Nähe sehen kann.

Andere Artikel

Kommentare zu „„Was zählt, ist die Bildfolge, wie in einem Film““

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.