Warum ich gern die Frauen in erotischen Filmen bin – Sex Trouble (II)

Nach der Sexwelle in den 1970er Jahren erlitt der erotische Film eine gesellschaftliche Abwertung, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Unter Verdacht und Kritik geriet vor allem der „männliche Blick“. Im zweiten Teil unseres Specials erzählt Silvia Szymanski von der Freiheit, sich auch und gerade in diesen Filmen als „Frau“ zu sehen, als sexuelles Wesen.

 

In den letzten Jahren bin ich oft nach Nürnberg gefahren, um mir Filme anzusehen. Es gibt dort den „Hofbauerkongress“, ein extravagantes, kleines, feines Festival. Die jungen Kuratoren Andreas Beilharz und Christoph Draxtra („Eskalierende Träume“) richten ihr Augenmerk auf besondere Filme, die oft jahrzehntelang in Vergessenheit geraten sind, restaurieren die häufig von Alterskrankheiten befallenen Kopien. Die Hofbauerkongresse schreiben eine überraschend andere Filmgeschichte, im Widerspruch zu Kanon und Mainstream. Sie sind zudem Teil und Treffpunkt einer popkulturellen Undergroundbewegung. (Das Magazin „SigiGötz Entertainment“ hat damit zu tun, das Kölner Festival „Besonders Wertlos“, Foren, Blogger, Journalisten, Labels; es ist eine bunte, interessante Szene.) Die Hofbauerkongresse interessieren mich aber noch aus einem anderen Grund: Die Filme drehen sich schön oft um Sex.

Ich wundere mich, dass Filme das heutzutage so selten tun. Sex steht doch bestimmt immer noch weit oben auf der Liste dessen, was man sehen und erleben will, damit man sich im richtigen Film fühlt. Aber Sexfilme haben heute den Ruf, Frauen und ihre Sexualität irrig und abwertend dargestellt zu haben. Plumpe Werbung und eine skandalisierende Presse haben ihnen zu ihrer Hoch-Zeit dieses reißerische Image verpasst, das ihnen in Wahrheit oft gar nicht gerecht wird. Sie sind viel mehr. Als ich begann, den Empfehlungen und Expertisen gut informierter Kollegen nachzugehen, konnte ich über die Vielfalt unkonventioneller Frauenfiguren und individuellen Verhaltens, die mir in diesen Filmen begegnete, nur staunen.

Eine lebendige Sittengeschichte offenbart sich da. Man geht auf eine unorthodoxe Zeitreise durch das Geschlechtsleben der unordentlichen 1930er Jahre, der abgründig ordentlichen 50er, der beklommen erregten oder psychedelisch schwimmtierbunten 60er. Der dunkleren, entgrenzenden, wilden Seventies. Der aufgetakelten vs. punkigen 80er. Da sind zum Beispiel Joe Sarnos reizvoll triste Triebdramen. José Bénazérafs existenzialistisch nachtdunkle Sextragödien. Der schwitzige Hintertreppenblues von John Hayes. Akramzadehs unmoralische Studentenmoritaten. Provokantes Pornogetümmel des manischen Renato Polselli. Jürgen Enz’ Erzählfragmente nackter Alltagsmenschen und -locations. Günter Hendels markiger Machopulp. Tolldreister Unfug mutiger Frauen von Hans Billian. Vorsichtige Sextraktate des Wiener Grandseigneurs Frits Fronz. Trudelnde, schweißnasse Trips von Jess Franco. Rührend linkische Versuche, naiver Nudismus, penible pädagogische Aufklärung, reißerische Reporte. Taffe Wrestlerinnen, spitzfingrige High Finance Women, Flash-Teens im Blitzlicht, lüsterne Xenias und Vanessas. Die Hofbauerkongresse denken aber auch innerhalb ganz unerwarteter Zusammenhänge über Sex und den so unterschiedlichen Umgang mit ihm nach. In eigenwilligen Autorenfilmen wie von Tankred Dorst oder Zbynek Brynych. In melancholischen Beziehungsdramen, Scopitones, lässigen Filmen der Münchner und Kölner Schule … und selbst in plüschigen alten Komödien (Die spanische Fliege, 1955) oder Heimatfilmen mit Roy Black und der Gans Eulalia. Den „Ekel vor dem Sex der Eltern“, den Dominik Graf (in Verfluchte Liebe deutscher Film, 2016) hinter der Alt-Oberhausener Behauptung, Papas Kino sei tot, vermutet: Die Hofbauerkongresse kennen den dankenswerterweise überhaupt nicht. Manchmal fordern die dort zu sehenden Filme (ihre Zeit, ihre Menschen) eine kritische Auseinandersetzung. Aber es ist immer aufregend, sie zu gucken. Ein Wechselbad der Gefühle, eine Mentalitäts-Experience.

Es ist seltsam. Horror- oder Actionfilme beuten die provokanten Reize ihrer Themen nicht weniger aus und sind nicht ausgestorben; ihre Fans halten sie begeistert weiter am Leben. Dem erotischen Film aber ist das passiert. Nach dem Abklingen der Sexwelle erlitt er eine gesellschaftliche Abwertung, von der er sich bis heute nicht erholt hat. In Verdacht und Kritik gerieten dabei auch der männliche, sexuelle Blick des Regisseurs und seines Publikums. Man fand, man reduziere Frauen, indem man sich auf das Erotische konzentriert. Aber es ist doch auch eine Reduktion, das Sexuelle außer Acht zu lassen, wie mittlerweile oft in Filmen. Man sieht doch nicht nur mit dem Kopf oder dem Herzen richtig! Mir scheint, man hat das Kind mit dem Bade, den Sex mit dem Sexismus ausgeschüttet.

Ich sehe mich selbst in diesen Filmen – als „Frau“, als sexuelles Wesen. Mehr als anderswo habe ich hier das Gefühl, dass Filme auch oder sogar eigentlich etwas „Weibliches“ sind, etwas Aufgelöstes, Androgynes, Kindlich-Pubertierendes, Pan- und Homosexuelles.

Venus as a boy

 

Wie Musik, so scheinen auch Filme natürlich vor allem von und für heterosexuelle Jungen auf der Welt zu sein. Doch indem sie von sich und ihrer – auch nicht uninteressanten – Sehnsucht und männlichen Geilheit erzählen, erzählen sie zugleich von denen, denen das gilt. Das ist nicht frei von Projektionen. Aber es ist auch erstaunlich viel Wahres darin: wissende, intime Skizzen und Porträts weiblicher Wesen, in die die Schauspielerinnen ihre eigene Art, zu sein, hineinbringen. Die Filme denken über Frauen nach, sprechen imaginär zu ihnen, amüsieren und wundern sich über sie, leiden an ihnen, bauen ihre Welt um sie herum und geben ihnen eine Bühne. Indem sie das „Weibliche“ fokussieren, werden sie das, was sie sehen; sie werden die Frauen, ihre Gesichter und Körper, Accessoires und Kleider, die Lieder, die sie singen. So beschreibt das auch Georg Seeßlen in seinem Essay „Die Kamera als sexuelle Maschine“: Wenn die Kamera sich Menschen widmet, die sie antörnen, verliert sie ihre gewohnten Abgrenzungen. Die Seelen der „Objekte“ wandern in sie hinein, verwandeln sie, und sie wird Sex.

Aus diesem Grunde ist es, glaube ich, so oft eine Freude, wie inspiriert, fantasievoll und experimentell, wie offen und schönheitstrunken zum Beispiel die Kamera in den Filmen der 1960er und 70er Jahre sein kann. Die optischen Kapriolen – Zooms, Weitwinkel, Großaufnahmen usw. – wirken wie ein Ausdruck des Dranges, die gewohnten Verhältnisse zu überziehen, zu biegen und zu verändern. Venus rules (auch as a boy); überall kommt Nacktheit durch. „Männlich/weiblich“, „Subjekt/Objekt“ spielen ihre Rollen nicht mehr; etwas transzendiert, unterläuft und überwuchert die kategorisierenden Zäune und Regeln wie Wildkräuter und hebt die einengende geschlechtliche und gesellschaftliche Ordnung auf.

Wenn ich nach den Festivals zu Hause zurückblicke, erscheinen die Filme mir in ihrer Gesamtheit und Blütenpracht wie vielgeschlechtliche, märchenhafte Mischwesen, mit vielen Brüsten, Muskeln, Schwänzen, Mösen. Ein zauberisches Operettenensemble, Halbgötter, Feen, ein surrealer Sommernachtstraum.

I’m every woman

 

Der erotische Film ist auf der Welt, damit das Verdrängte und Verborgene zum Vorschein kommt. (Der Versuch, es dennoch zu verstecken, macht die „harmloseren“ der Filme amüsant zweideutig.) Alles in ihm scheint mehr oder weniger zu wollen, dass „es“ passiert.

Aber es ist natürlich nicht immer gut und schön, dass „es“ passiert. Es kann auch fies und bedrohlich werden. Betrug. Vergewaltigung. Absturz. Venus hat auch Hörner und einen Ziegenfuß. Ich mag auch das. Ich finde es gut, dass man in Filmen beunruhigende Abenteuer ziemlich folgenlos durchleben kann; sie fächern nur Möglichkeiten auf; das Gefährliche da draußen, wie auch das Selbstgefährdende in uns, wird „nur“ zu einer Geschichte. Ich komme mit ihnen dorthin, wo ich wäre, wenn ich naiver oder unmoralischer wäre; ich sehe Teile von mir wahrhaftiger agieren als im „echten“ Leben, das oft ein Kompromiss sein muss. Im Kino muss ich mich nicht darum kümmern, nicht beschädigt, verachtet oder schwanger zu werden. Ich bin die Streunerin, die an der Straße trampt, neugierig darauf, wohin sie jetzt gerät – egal, Hauptsache Männer. Ich bin das Mädchen, depaysé, in einem exotischen Land, das in Verführer- und Verführerinnenhänden zerschmilzt. Das Girl, das aus dem Erziehungsheim türmt und nackt in einem Gastarbeiterheim tanzt. Verschleppt, unter Drogen gesetzt, an zahlungskräftige Senioren verfüttert wird. Die Zimtzicke, die zynische Puffmutter, das lüsterne Tier, das süße Mädchen, die Schlagfertige, die ruchlose Kokette, das witzige Mannweib, die rauchige Bardame, die undurchsichtige, verträumte Nymphomanin, die Mondäne, die zärtliche Cousine – all diese sexuellen Rebellinnen, Sonderfälle, Außenseiterinnen, in amourösen Verstrickungen. Ich bin die tieftraurige Societyschönheit, die betrunken klagt, sie sei zu sensibel – und sich dann noch tiefer verletzen lässt. Ich muss hier nicht die Welt retten, keine starke Frau, kein Flaggschiff sein. Ich darf mich verlieren, doof sein oder hochkompliziert, mich unglücklich machen (lassen), rumschlafen mit Typen, die es „nicht wert sind“, sie sogar lieben. Falls ich schwanger werde, bringe ich das Kind schon durch, aber ich werde dankenswerterweise selten schwanger in den Filmen.

Auch die Männer für diese fragwürdigen Abenteuer kann ich mir frei und sorglos aussuchen (wenn ich da auch noch Verbesserungsmöglichkeiten in der Angebotspalette sähe). Ich „schlafe mit meinem Mörder“ (so heißt tatsächlich eine der Komödien), mit pubertierenden Jungen, pasolinesken Halbstarken, lustig strahlenden Muskelmännern, charmanten Witzbolden, unergründlichen Verbrechern, sensiblen Verrückten, nachdenklichen High-Society-Beaus, naiv empfindsamen Boxern, tristen älteren Herren. Männer voll von Rätseln, Geheimnissen, Skandalen und ausflippenden, ungewöhnlichen Handlungsweisen. Sie sind nicht einfach „Typen“. Da ist mehr um sie herum, ein Glitzern verschiedener Blickwinkel wie durch Prismen.

Manchmal (seltener, als man denkt) begegne ich bei meiner Recherche aber auch tatsächlich dem verächtlichen Blick auf Frauen und ihre Sexualität, dem der erotische Film vor allem seinen schlechten Ruf verdankt. Tief erregt und hoch moralisierend, schicken diese Filme sexuell neugierige Abenteuerinnen in ihr Unglück. Und doch, selbst und gerade hier: Es schreckt mich selten, wenn solch ein Film uns schuldig spricht. Es ist mir lieber, wenn er die Welt scheinheilig vor unserer Gefährlichkeit warnt, uns verzerrt und überzeichnet, als wenn das dunkel-rebellische Potenzial der „ungeheuren Gefühle“ (ein Ausdruck aus Andrea Bianchis Sex-’n’-Horror-Film Malabimba (1979)) gar kein Thema ist. Es kann die bürgerliche Gesellschaft ja wirklich zersetzen. Es war schon oft dabei. Das Monster ist ein Teil von uns, ein Eisberg unter Wasser. Es kann und soll nicht von der Bildfläche verschwinden. Ich fühle da wie Zarah Leander in ihren ruchlosen Chansons.

Verbotene Liebe Sexwelle

 

Ich wuchs sehr freudig in der Zeit auf, in der die lebendigsten, buntesten und prickelndsten Erotikfilme entstanden. Die frühlingshaften 60er und die wilden 70er Jahre. Hoch-Zeit eines weltoffenen, progressiven, freiheitlichen und kreativen Lebensgefühls, das die Welt – selbst Deutschland – eine intensive Zeit lang prägte. Der Summer of Love und seine Folgen waren ein großer Rückschlag für den sexuellen Verzicht. Meine Freundinnen und ich lernten durch ihn schon früh den Blick auf die Frau nicht nur als Mutter, Ärztin, Lehrerin oder Verkäuferin, sondern auch als Sexsymbol. Ich lernte, auch Frauen schön und erregend zu finden – üppige Sexbomben mit eregierten Brüsten, knabenhaft zierliche Mädchen mit niedlichen „puffy nipples“, rockige It-Girls, bieder-brave Bürgersfrauen, die sich, plötzlich verrückt geworden, der Sexwelle anschlossen … ich konnte die Jungs und Männer gut verstehen. Auch sie zeigten sich sexy. Körperbetont, sehr haarig und doch sehr androgyn; offene Hemden, enge Jeans, kurze Badehosen. Es war herausfordernd. Überfordernd auch. Ich schämte mich, dass die Jungen sich nicht schämten, sich so herzuzeigen. Ich wusste nicht, wo ich hin- und wie ich wegschauen sollte. Wie viele andere, war auch ich dieser Zeit nicht wirklich gewachsen (auch deshalb ist es so interessant, sie im Film noch mal zu sehen). Unausgereifte Theorien darüber, was natürlicher Sex und unsere wahre Natur sei und wie die Besinnung darauf die Welt retten könne/müsse, Wilhelm Reich, Bhagwan usw.: Das sollte uns einige Jahre lang ziemlich verkrampfen. Aber die verrückte und verspielte Seite daran war toll. In unserer Familie kursierten – außer den geliebten Kitschroman-Heftchen – Lesezirkelillustrierte mit vielen Sexblättchen im Sortiment. Opa hatte „Praline“ und „Wochenend“ abonniert. Ich durfte alles lesen. Auf einem der Hofbauerkongresse konnte ich mich Jahrzehnte später darüber mit einem der Glamourgirls von damals unterhalten: Katja Bienert. Sie war in der Endphase der Sexwelle hinzugekommen; ich kannte sie noch aus der „Quick“ Anfang der 80er Jahre. Sie war in Nürnberg eingeladen, um Jess Francos Lolita am Scheideweg (1980) vorzustellen, in dem sie als 13-Jährige gespielt hat; ich kannte sie auch aus Walter Boos’ Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo (1979) und einer Derrick-Folge. Eine entspannte, amüsante und intelligente Frau. Sie war auch damals schon, auch in der Wahrnehmung ihrer Kollegen, ganz und gar kein „verfügbares Dummchen“ gewesen. „Dummchen“ gibt es sowieso nicht oft, auch nicht in Sexfilmen. Es gibt sexuell bedröhnt-verträumte oder unbefangen neugierige Mädchen. Manchmal auch den weiblichen Naivling als Parodie einer Klischeevorstellung – Desiree Cousteau in Pretty Peaches (1978), Patricia Rhomberg in Josefine Mutzenbacher – Wie sie wirklich war (1976). Ingrid Steeger hat sich in ihrer Verkleinerung als nackerter TV-Slapsticktölpel augenscheinlich unwohl gefühlt; sie ist eine der Ausnahmen, die mir einfallen. Katja Bienert, die als Tochter einer Stuntfrau im Showgeschäft aufwuchs, war aber stolz auf ihre Filme und glücklich über ihr farbenfrohes und begegnungsreiches Leben.

Wouldn’t it be nice? Sexuelle und gesellschaftliche Utopie

 

Es inspiriert mich, die Frauen in den Filmen so leben zu sehen. Die nonkonformistische Vision, die durch die Vielfalt ihrer Abenteuer und Persönlichkeiten heraufbeschworen wird, ist einer meiner Gründe, leben zu wollen. Es hält die Verbindung zu meinen Träumen lebendig und nährt das verliebte Interesse an der Welt und den Leuten. Man will dann wieder losziehen und auch etwas erleben.

Als Kleinkind lernte ich, dass man Fury nicht aus dem Fernseher rausnehmen konnte. Selbst wenn man schwor, dass man bereit war, den Apparat dafür kaputtzumachen und so nie wieder Filme sehen zu können. Stattdessen spielte ich mit meinen Freunden Filme nach. So feierten wir unsere Idee von Freiheit und Abenteuer, die Faszination ergreifender und verrückter Storys. Was wollen wir sein? Wir wollten alles sein. Das Leben, das wir führten, reichte uns nicht. Und das Erwachsenwerden – wie es von uns allen verlangt wird – ist eine fortschreitende Einschränkung. Wir wehrten uns durch (Pop)kultur, durch Filme. Dort kann sich alles ausdrücken, ausprobieren und entfalten. In der „Wirklichkeit“ hingegen …

Als junge Frau dachte ich, wie zuvor bei Fury, es gebe irgendwo die andere, die wahre Welt, wo die Musik und die Filme herkommen. Das eigentliche Leben schien aus Musikern und Schauspielern zu quellen. Wie so viele, verliebte ich mich in sie und wollte ihnen nahekommen, um mich ihnen, ihrer Welt anzuschließen. Aber ihre Welt gibt es anscheinend nur in der Musik und Filmen. Nicht außerhalb davon.

Ich will das nicht. Ich will noch immer, dass der glamouröse Geist ihrer Werke (mehr als ihre exakten „Inhalte“) wirklich wird und von der Leinwand oder Bühne runterkommt.

„You know, it seems the more we talk about it, it only makes it worse to live without it. But let’s talk about it, wouldn’t it be nice?“ (The Beach Boys)

Kunst macht es schlimmer. Sie erinnert uns an unsere verlorenen Paradiese und macht uns sehnsüchtig danach. Deswegen weint man manchmal im Kino. Es führt uns vor Augen, was wir eigentlich immer wollten und wovon wir uns so weit entfernt haben.

Das kann uns verrückt machen. Als es vielen so ging, hat das die Welt für eine Zeit verändert. In der Love-&-Peace-Bewegung brachen viele auf, um den Geist von Musik, Büchern und Filmen Wirklichkeit werden zu lassen. Kunst und Leben verstärkten und ermutigten einander, und man kochte diese Süppchen – kreativ wie sexuell – draußen, sie waren (auch) gesellschaftliche Statements. „Why don’t we do it in the road?“, „We are stardust, we are golden, and we got to get ourselves back to the garden“…

Utopien zu leben, das erwies sich allerdings fast von Anfang an als schwieriger als gedacht. Ideologien verrannten, Gifte vermehrten sich. Dann auch noch AIDS … die Stimmung wurde schwach, düster und kippte. Ein neuer, allumfassender Materialismus setzte sich durch und wollte möglichst lückenlos gesichert werden. Mehr und mehr hörte man auf, so zu denken / so zu sein. Man fand, so gehe das nicht weiter. Es gebe etwas Vernünftigeres, Erwachseneres, Staatstragendes, wo man hinfinden müsse. Der Schwerpunkt verlagerte, die Kulissen verschoben sich, es wurde so, wie es nun ist.

Deutschland vor der Nase

 

„The picture you see around you was taken by the camera in your own soul“ (Toby Ross)

Es ist schwer, die Zeit, in der man steckt, zu erkennen, und ich will der Gegenwart nicht unrecht tun. Sie kann mit ihren paar Jährchen natürlich unmöglich die Vielfalt vergangener Jahrzehnte experimenteller Lebensstile und eines blühenden Filmgewerbes bieten. Ich schaue mehr alte als neue Filme. Und die neuen obendrein meist nicht im Kino, sondern im Fernsehen (wenn ich sie trotz ihrer oft sehr späten Sendeplätze erwische); Fernseh- und Kinofilme geraten so leicht in meinem Kopf in einen Topf. Wenn ich aber trotzdem in einem Fiebertraum eine einzige Frau aus den neueren Filmen, die ich kenne, herausfiltern und überzeichnen würde – sie würde mir selber ähneln, wie ich bin/zu werden drohe und nicht sein will.

Frauengold

Diese Frau ist emotional und sexuell nicht mehr zu dem kapriziösen Individualismus und den Abenteuern fähig wie in früheren Jahrzehnten. Es ist in ihr, nach wie vor, aber die Umstände sprechen dagegen. Das soziale Gefüge zerrt an ihr, will, dass sie sich ihm widmet. Sie ist sich ihrer Verantwortung zu bewusst, um ohne große Schuldgefühle länger leichtsinnig zu werden, Fehler zu machen. Mit ernster Miene hält sie sich gespannt und aufrecht. Wenn sie noch jung ist, ist sie kritisch, schnippisch – und steckt in einer Thematisierung, Problematisierung und Betonung der Geschlechterunterschiede, wie ich sie noch in keinem meiner Lebensjahrzehnte erlebt habe. Etwas älter, trägt sie als regierungsfähige Mitte der Gesellschaft Deutschland auf den tüchtigen, meist schmalen Schultern. Sie akzeptiert, dass nichts im Großen zu verändern ist, und kämpft darum, wenigstens das Schützenswerte, das schon da ist, zu erhalten. Als Ärztin, Kommissarin, Journalistin ist sie professionell und unbestechlich, und doch spürt man dezent ihr edles, feines, rational beherrschtes Mitgefühl, ihre sensible Verletzlichkeit. Ihr Körper macht sich dünn und unmerklich; alles konzentriert sich auf Gesicht, Hals, Hände. Sie ist sehr selten und nie ohne Gründe nackt, nicht mal, wenn sie allein zu Hause ist. Hat sie einen großen Busen, so ist die Wahrscheinlichkeit, sie nackt zu sehen, noch geringer. Man soll sich nicht an ihr erregen; sie bedeutet und verkörpert Sexualität fast nicht mehr. Manchmal findet verhalten eine kleine, erotische Nebenhandlung statt, die sich in eine sozial akzeptable Entwicklung integrieren wird oder in einem mehr oder weniger einsichtigen Verzicht mündet. Sie erinnert an die gestresste, konservative deutsche Film- und Modellfrau, die schon im Krieg und danach für Kontinuität und Stabilität sorgte. Alles fällt auseinander – sie fügt es wieder zusammen. Als praktische, moralische, emotionale und ästhetische Instanz darf sie sich nicht viel erlauben. Überall Zimmerwände, Zäune, Raumteiler. Gefühle blühen wie in Vasen; in ernsteren Filmen erstickten sie fast im Verzicht. Wohl deshalb liebten viele Frauen als Ausgleich und Erholung triviale Liebesgeschichten, Schlagerkomödien, Heimatfilme. Heute finden sie deren Äquivalente abends nach acht in ARD und ZDF.

Die Schauspielerinnen ergriffen diesen Beruf wahrscheinlich, um viele(s) sein zu können. Aber Kunst – die Filme, Bücher, Songtexte - spiegelt unweigerlich die Gegenwart und ihre Visionen oder Ausbruchsmöglichkeiten wider. Und beide sind begrenzt, nur schwerlich größer zu denken. Deshalb sind sie/wir nicht so aufregend wie zum Beispiel in den Seventies. Wir sind im falschen Leben. Und wir sind selbst das falsche Leben. Manchmal werfen wir den Künstlern vor, dass sie uns da nicht rausholen, uns nicht inspirieren. Aber woher sollen sie es nehmen? Ist es für sie inspirierend, uns beim Leben zuzusehen?

Nachsatz: Liebe in Zeiten der Cholera

 

In Einzelfällen und Momenten leuchten aber auch in verzichtvollen Zeiten Sex, Unschuld und Lebendigkeit auf! Selbst im Fernsehen, selbst in Verbotene Liebe (schändlicherweise abgesetzt), selbst in pilcherigen oder gar schweigerhöferschen Produktionen gibt es – besonders dank mancher Schauspieler und Schauspielerinnen – Augenblicke mit irrational großen Liebesgefühlen, belebendem Durcheinander, beseeltem Beinah-Sex, halbwegs erotischen Männern und temporär unvernünftigen Frauen. Besser als gar nicht! Als jemand, der sich weitaus mehr für Sexualität als für Kriminalität interessiert, leide ich im Schnulz- und Schnulli-Genre deutlich weniger als in manchem Action-, Krimi-, Business- oder Kriegsfilm. Mehr oder weniger verkappte TV-Sexfilme wie Mord mit Aussicht (seit 2007) oder Ku’damm 56 (2016) oder Schauspielerinnen wie Lesley Malton, Valerie Niehaus, Mechthild Großmann und andere sind mir in letzter Zeit durch ihr unkonformes, freudig selbstgesteuertes Flair aufgefallen, und ich schreibe für mich weiter, was sie im Fernsehen nur andeuten. Auch einige sexuelle Autorenfilme mochte ich sehr: Klaus Lemkes Berlin für Helden (2012), Rainer Knepperges’ Quereinsteigerinnen (2006), Gisela (2005) von Isabelle Stever, Brownian Movement (2010) von Nanouk Leopold … Christoph Draxtra erzählt, er hat sich mit Klaus Lemke auf einer angetüdelten Party im Sommer dieses Jahres über das Thema unterhalten. „Wir hatten es damals gut“, sagte Lemke, „du bist auf die Straße gegangen, und dich haben Filmstoffe und Abenteuer angesprungen. Aber was macht ihr Jungen heute, worüber könnt ihr noch Filme machen?“ Lemke hielt inne. „Aber jetzt tut sich wieder was“, fuhr er dann, doch vage optimistisch, fort, „in München, das verändert sich.“ Christoph: „Und woran genau machst du das fest?“ – „Ich weiß auch nicht so genau“, sagte Lemke, „aber ich glaube, das liegt an den Mädchen." Das fände ich gut! Lasst uns machen, dass er recht behält!

Hier geht es zum ersten Teil unseres Specials über die Stereotype des queeren und feministischen Kinos: Die Kleinbürgerlichkeit des queeren Kino

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