Vom Lernen und seinen Grenzen – Abbas Kiarostamis Lehrfilme

Pädagogisch wertvoll. Zu Beginn seiner Regie-Laufbahn drehte Abbas Kiarostami selbstreflexive, fordernde und anarchische Lehrfilme für die iranische Regierung.

Probleme und ihre Lösungen

Two Solutions for one Problem 1

Wer einem Kind die Welt erklären will, muss notgedrungen auf Vereinfachungen zurückgreifen. Schließlich sind eindeutige Kategorien wie richtig und falsch geeigneter zur Orientierung als die Einbeziehung aller Nuancen dazwischen. Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami führt Kindern beispielsweise mit einem formal sehr klaren Kurzfilm vor, wie man einen zwischenmenschlichen Konflikt bewältigt. Der Titel ist Programm: Two Solutions for One Problem (Dow Rahehal Baraye yek Massaleh, 1975) handelt von einem Problem und zwei verschiedenen Möglichkeiten, es zu lösen.

Two Solutions for one Problem 2

Wir sehen zwei Schulfreunde namens Nader und Dara. Nader bekommt von Dara ein geliehenes Buch zurück, bei dem nun jedoch der Einband eingerissen ist. Wie geht man mit dieser Situation um? Zunächst inszeniert Kiarostami mit mathematischer Präzision, wie die Situation eskaliert. Gleiches wird mit Gleichem vergolten, das Buch des anderen wird zerrissen, ein Lineal geht zu Bruch, und am Schluss wälzen sich die beiden Jungen prügelnd am Boden. Anschließend wird noch einmal an der Tafel vorgerechnet, was bei dieser unnötigen Auseinandersetzung alles zu Schaden gekommen ist, und vorgeführt, wie man es richtig macht: Gemeinsam wird der Einband des Buches geklebt und damit die kleine Krise überstanden.

Kanoon Logo

Bevor Kiarostami zu den großen Namen im Weltkino zählte, drehte er vor allem Filme für das Kanoon, eine Regierungsinstitution mit Bildungsauftrag, die im Englischen den wohlklingenden Namen Institute for the Intellectual Development of Children and Young Adults trägt. Auch heute, im postrevolutionären Iran, gilt das Kanoon noch als Gütesiegel für pädagogisch wertvolle Kulturgüter. Neben Kiarostami starteten hier weitere bekannte Filmautoren des Landes wie Amir Naderi, Majid Majidi und Bahram Bayzai ihre filmische Laufbahn. Dabei blieb die Arbeit für das Kanoon keineswegs auf ein bestimmtes Format beschränkt. So entstanden narrative Filme ebenso wie Animationsfilme, Dokumentationen, aber auch Lehrfilme, die ihre pädagogischen Absichten offen nach außen tragen.

First Case  Second Case 4

Kiarostami ist ein gutes Beispiel für das breite Spektrum des Kanoons. Er inszenierte hier etwa erste Kurzfilme, Dokumentationen und mittellange Spielfilme wie Experience (Tadschrobeh, 1973) und A Wedding Suit (Lebassi Baraye Arossi, 1976), in denen er mit freier Dramaturgie und einfacher Formsprache in den Alltag seiner jungen Protagonisten eintauchte. Die Lehrfilme waren es aber, die Kiarostamis Gestaltungswillen die engsten Grenzen setzten. Immerhin war hier die Moral nicht nur Neben-, sondern Hauptsache. Durch leicht verständliche Filme sollten die Kinder etwas fürs Leben lernen, etwa wie wichtig Zähneputzen ist oder wie man seine Freizeit sinnvoll nutzen kann. Es ist faszinierend mitanzusehen, wie Kiarostami ausgerechnet in einem Format, das im Regisseur normalerweise nur einen profillosen Ausführenden sieht, seinen ganz eigenen Ton gefunden hat.

Das Scheitern des Lehrers

First Case  Second Case 1

Two Solutions for One Problem zählt zu den einfachsten Lehrfilmen aus dieser frühen Phase, allein schon, weil es hier nur um die Entscheidung zwischen richtig und falsch geht. Auch anderen Arbeiten liegt eine dualistische Grundstruktur zugrunde, jedoch wählt Kiarostami dabei komplexere filmische Mittel. Selbstreflexiv und humorvoll gelingt das dem Regisseur etwa in seinem Film Orderly or Unorderly (Be Tartib ya Bedoun-e Tartib, 1981). Darin geht es nicht nur darum, den Kindern Grenzen zu zeigen, sondern sich auch der eigenen Grenzen bewusst zu sein, als Erwachsener und als Filmemacher.

Orderly or Unorderly 1

Zunächst propagiert der Film eine klare Aussage: Ordentliches Verhalten ist gut, unordentliches Verhalten schlecht. Anhand von Szenen aus dem Schulalltag zeigt Kiarostami, wie wichtig und effizient Ordnung für die Strukturierung des Lebens ist. Wer ruhig und gesittet in die Pause geht oder sich in Reih und Glied am Trinkbrunnen anstellt, spart letztlich Zeit und Energie. Wie Kiarostami die Notwendigkeit eines gewissen Maßes an Disziplin veranschaulicht, wirkt denn auch weniger wie die Unterdrückung ungerichteter kindlicher Energie als wie eine Kanalisierung selbiger nach ökonomischen Kriterien.

Orderly or Unorderly 2

Interessant bei Orderly or Unorderly ist, wie Kiarostami sich und seine Absichten in den Film integriert. So ist vor jeder Szene eine Filmklappe zu sehen und immer wieder auch die Stimme des Regisseurs aus dem Off zu hören. Wenn es etwa um das nicht korrekte Einsteigen in den Schulbus geht, spricht Kiarostami mit seinem Kameramann darüber, wie lang man die Szene denn noch halten solle, die Zuschauer hätten es doch längst begriffen. In Momenten wie diesen zeigt der Regisseur nicht nur, dass es sich bei seinem Film um konstruierte Realität handelt, er trägt auch seine pädagogischen Absichten nach außen.

Orderly or Unorderly 3

Eigentlich wäre der Film nach dieser Szene auf der sicheren Seite und die Kinder hätten ihre Lektion gelernt. Doch Kiarostami verlässt die Welt der Schule und möchte den Kindern zeigen, wie das Ordnungsprinzip bei ihren Vorbildern, den Erwachsenen, funktioniert. Sein Versuch, an einer viel befahrenen Verkehrskreuzung ein Beispiel für ordentliches Verhalten mit der Kamera einzufangen, scheitert jedoch. Der Film praktiziert hier eine sehr kluge Form von Pädagogik, weil er Kindern einerseits die Notwendigkeit von Regeln vermittelt, dabei aber nicht verschweigt, dass sich die Erwachsenen oft selbst nicht daran halten.

Regeln und Freiräume

The Colors 1

Es gibt in Kiarostamis Lehrfilmen immer einen gewissen Freiraum, der Platz für Spieltrieb, Fantasie und eigene Gedanken lässt und die Kinder nicht zu bloßen Robotern degradiert. In dem grell psychedelischen The Colours (Rangha, 1976), der für Kiarostamis Verhältnisse visuell ungewohnt exzessiv ist, soll etwa das Farbempfinden von Kindern sensibilisiert werden. Der Film folgt grundsätzlich einem strengen Aufbau, nach dem jede Farbe ein einzelnes Kapitel markiert, in dem zu einer aufgeregt dudelnden Synthesizermelodie Alltagsgegenstände mit der betreffenden Farbe präsentiert werden. Dazwischen schweift The Colours jedoch immer wieder ins Fantastische ab. Ein Spielzeugauto bleibt nicht nur Anschauungsobjekt für die Farbe Rot, sondern wird plötzlich zum Gefährt eines wilden Rennens. Und am Ende, wenn ein Junge mit einer Pistole eine Reihe mit Farben gefüllter Flaschen kaputtschießt, bricht regelrecht die Anarchie aus.

First Case  Second Case 3

Die geistige Erziehung, die Kiarostami in seinen Lehrfilmen anstrebt, sieht Kinder zwar als teilweise unmündig, begreift sie aber gleichzeitig als eigenständig denkende und handelnde Menschen. Wie wichtig es ist, sich auch über Regeln hinwegzusetzen, zeigt First Case, Second Case (Ghazieh-e Shekl-e Aval, Ghazieh-e Shekl-e Dou Wom, 1979), der sich weniger an Kinder als an Eltern und Lehrer richtet. Überhaupt ließen sich die vom Kanoon produzierten Filme in zwei Strömungen einteilen: Filme für Kinder und Filme für Erwachsene, die aber dazu dienen, die Situation von Kindern zu verbessern. First Case, Second Case handelt von einem vermeintlich harmlosen Streich, der zum Symbol für die Rolle des Individuums in der Gesellschaft wird: Während ein Lehrer an die Tafel schreibt, stört ein Schüler wiederholt mit Klopfen den Unterricht. Da der Verantwortliche unerkannt bleibt, stellt der Lehrer gleich eine ganze Gruppe vor die Wahl: Entweder sie denunzieren den Störenfried, oder sie werden für eine Woche vom Unterricht suspendiert.

First Case  Second Case 2

Kiarostami nimmt diese kurze Spielszene zum Anlass, um mit Eltern, Lehrern und Intellektuellen über die moralische Dimension des Falls zu diskutieren. Dieser scheinbar unbedeutende Augenblick aus dem Mikrokosmos der Schule wird dabei als Schlüsselmoment dafür gesehen, welche Rolle der Jugendliche im gesellschaftlichen Makrokosmos einnehmen wird. Überraschenderweise gehen die Meinungen der meisten Interviewten in eine andere Richtung, als man denken würde: Die Solidarität mit dem Mitschüler ist wichtiger als das unreflektierte Befolgen schulischer Regeln, und überhaupt ist eigentlich der Lehrer schuld, weil er seine Schüler erst in diese moralische Zwickmühle gebracht hat.

Homework

Anders als First Case, Second Case funktioniert der deutlich später entstandene Homework (Mashgh-e Shab, 1989), obwohl er noch vom Kanoon produziert wurde und auch vom Lernen und seinen Grenzen handelt, schon eher wie eine „richtige“ Dokumentation als wie ein Lehrfilm. Es gibt jedoch gleich zu Beginn eine Szene, in der die Qualität von Kiarostamis Lehrfilmen auf den Punkt gebracht wird. Während Kinder auf ihrem Weg zur Schule gefilmt werden, unterhält sich der Regisseur mit einem Passanten und erzählt ihm, dass er eigentlich noch gar nicht wisse, was er in seinem Film erzählen möchte. Vielleicht ist diese Äußerung reine Koketterie und das Gespräch inszeniert, man hat bei Kiarostamis Lehrfilmen aber tatsächlich oft das Gefühl, dass die Filme erst während des Drehs ihre Form gefunden haben und ihr Macher stets versucht, sich seinem Gegenstand ohne vorgefertigte Meinung zu nähern. Gerade bei Filmen, die lehren wollen, ist es alles andere als selbstverständlich, dass auch der Regisseur selbst offen für neue Einsichten ist. Ausgelernt, das zeigt uns Kiarostami in seinen Lehrfilmen, haben wir nämlich nie.

Kommentare zu „Vom Lernen und seinen Grenzen – Abbas Kiarostamis Lehrfilme“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.