Vom Kino träumen

Erinnerungen zwischen Oper und Schmuddelkino. Ein persönlicher Rückblick auf das Jahr 2014.

Schönheitsfehler, die Spaß machen

Die Klosterschuelerinnen 01

Nürnberg, Komm Kino. Vom berühmt-berüchtigten Hofbauerkongress habe ich schon viel gehört. Im Januar schaffe ich es zum ersten Mal nach Nürnberg. Während die Stadt noch benommen vom Jahreswechsel ist, hauen sich ein paar unkaputtbare Filmverrückte die Nächte mit alten, überwiegend vergessenen Exploitationfilmen um die Ohren. Und obwohl der Kongress schon irgendwie eine nerdige Spezialistenveranstaltung ist, weiß jeder der Anwesenden, dass es hier um mehr geht; um  die (Wieder-)Entdeckung von zu Unrecht Verfemtem, vielleicht sogar um eine Umschreibung der Filmgeschichte. Denn gerade das deutsche Nachkriegskino zeigt sich in Nürnberg von einer rauen und sinnlichen Seite, die man bei vielen Autorenfilmen, die sich in den Enzyklopädien festgebissen haben, vergeblich sucht. Mit Ernst Hofbauer, Siggi Götz und Jürgen Enz stehen dabei immer wieder die Schmuddelkinder des deutschen Unterhaltungsfilms im Zentrum der Aufmerksamkeit. Bemerkenswert an dieser Veranstaltung ist aber nicht nur, was gezeigt wird, sondern auch, mit welcher Haltung es angeschaut wird. Statt sich über vermeintlichen Trash zu erheben, widmen sich die Kongressteilnehmer mit Neugier und Liebe einem Kino, dessen Schönheitsfehler so viel Spaß machen wie sein formaler Wagemut überrascht.

Oper für alle

Berlin, Deutsche Oper. Für einen Regisseur ist Wagners Parzifal eine große Herausforderung. Die Geschichte vom reinen Tor ist bei näherem Hinsehen schon ein ziemlicher Schmarrn, und dann passiert während der fast fünfstündigen Spieldauer – zumindest, wenn man den Regieanweisungen des Komponisten folgt – auch noch recht wenig. Philipp Stölzl, Regisseur des kontroversen Rammstein-Videos Stripped und des Bergsteiger-Dramas Nordwand, setzt mit seiner glaubenskritischen Inszenierung zwar an der richtigen Stelle an, geht letztlich aber doch zu sehr vor dem großen Wagner in die Knie. Von der Transzendenz und dem Pathos der Musik lasse ich mich ja gerne überwältigen, aber auf der Bildebene muss man dem schon etwas entgegensetzen. (Meine Sitznachbarin sieht das anders und schimpft über radikalere Inszenierungskonzepte, genauer gesagt „diesen Regisseur aus dem Osten“ [gemeint ist Peter Konwitschny], bei dem sich Parsifal am Schluss in Hitler verwandelt). Interessant an der Aufführung ist aber, wie Stölzl filmische Erzähltechniken in seine Inszenierung integriert – und zwar nicht mit einer Videoleinwand, wie es schon länger auf deutschen Bühnen Usus ist. All denjenigen, die den Parsifal noch nicht (so gut) kennen und sich in den gestelzten Formulierungen des Librettos verfangen, bringt der Regisseur den Stoff mit simultan inszenierten Rückblenden näher. Bereits während der Ouvertüre wird die Herkunftsgeschichte des heiligen Grals mit einem am Kreuz zuckenden Jesus erzählt. Das ist schon ein ungewöhnlich volksnaher Ansatz in einer ansonsten ziemlich elitären Kunstform.

Ein blinder Fleck im Rampenlicht

Scorpio Nights

Berlin, Wohnzimmer. Eine Retrospektive in den eigenen vier Wänden. Gegenstand ist das  philippinische Kino der 1970er und 80er Jahre, das sich zu einem großangelegten Special entwickeln wird. Es freut mich, dass die Reihe so schön und umfangreich geworden ist und vor allem, dass sich so viele tolle Autoren bereit erklärt haben, sich mit diesem blinden Fleck der Filmgeschichte zu befassen. Während ich mit dem zeitgenössischen philippinischen Festivalkino und seiner teilweise etwas ziellosen Experimentierfreudigkeit manchmal meine Probleme habe, ist das kommerzielle Kino von damals – zumindest in den Rudimenten, die sich in den Tiefen des Internets finden – fast immer ungemein stark. Es ist zwar geprägt von politischen Kompromissen, aber was Regisseure wie Lino Brocka, Ishmael Bernal, Mike DeLeon oder Mario O’Hara auf der Basis ausufernder Melodramen schaffen, ist so wild, radikal und mitreißend, wie Kino im besten Falle nur sein kann.

Arrivederci Udine!

Firestorm 01

Teatro Nuovo Giovanni da Udine. Ein ungewohnt abenteuerlicher Einstieg ins Far East Film Festival: Beim Rauchen vor dem Kino spricht mich ein älterer Herr an, den ich erst für einen Obdachlosen halte. Er möchte gerne mit mir Kaffee trinken gehen. Ich versuche höflich auszuweichen. Am nächsten Morgen steht mein Verehrer überraschend vor dem Kino, um mich abzuholen. Als er mich die Straße entlangbegleitet, reden wir ein bisschen. Er mag eher Liebesfilme, ich eher Horror- und Actionfilme – wir passen einfach nicht zusammen. Wieder ein etwas unbeholfener Versuch meinerseits, ihn loszuwerden, diesmal klappt es aber. Als ich auf dem Rückweg in einem Supermarkt einkaufe, werde ich beschuldigt, eine Flasche Wein gestohlen zu haben und muss mit ins Hinterzimmer. Solche Ereignisse können an den Nerven zerren, sind aber auch eine spannende Abwechslung zum ansonsten eher einsamen Festivalalltag. Trotzdem wird es wohl vorerst mein letzter Besuch in Udine bleiben. Ich bin immer gerne hierher gekommen; wegen der netten Stadt mit ihrem slawisch angehauchten Charme, wegen dem guten Essen, aber auch weil das Konzept des Festivals etwas Besonderes ist. Mainstreamkino aus Asien bekommt man bei uns nunmal nur selten im Kino zu sehen. Und im Katalog wird sympathischerweise auch kein Hehl daraus gemacht, dass man eher versucht, Massenphänomene abzubilden, als die besten Filme des Jahres zu zeigen. Seit es aber die tolle Retrospektive nicht mehr gibt, muss man sich mit der Gegenwart zufriedengeben, und die wird leider viel zu oft von zuckersüß menschelnden Romantic Comedies und patriotischen Historienfilmen beherrscht. Fehlen wird es mir dafür, nicht allzu kluge, aber dafür umso mitreißendere Actionkracher wie Firestorm (Fung bou, 2013) auf einer großen Leinwand zu sehen.

Populäres Kino mit Ecken und Kanten

Baby Face 01

Berlin, Kino Arsenal. Die Retrospektive des Jahres gab es im Berliner Arsenal zu sehen. Unter dem Titel „Let's Misbehave“ standen dreißig Hollywood-Filme auf den frühen 1930er-Jahren auf dem Programm; die meisten waren in einwandfreien 35mm-Kopien zu sehen – und viele sind einfach verdammt gute Filme. Mit der filmischen Ära vor dem sittenstrengen Hays-Code hatte ich mich zuvor kaum beschäftigt. Umso überraschender war es, wie viele Ecken und Kanten das populäre Kino aus dieser Zeit hat. Man trifft auf entwaffnend selbstbewusste Frauen, erstaunlich unstereotyp gezeichnete Afroamerikaner, sexuelle Ambivalenz und beißende Sozialkritik. Viele der Filme dauern kaum länger als eine Stunde und sind dabei so dicht erzählt, dass man ihren inhaltlichen Reichtum beim einmaligen Sehen gar nicht zu fassen kriegt. Es gibt viele großartige Momente, die sich eingeprägt haben: Barbara Stanwyck, die jeden Mann ins Schwitzen bringt und sich in einer Bank Stock für Stock nach oben schläft, während die Kamera diesen Aufstieg an der Häuserwand nachvollzieht. (Baby Face, 1933). James Cagney als angeschossener Gangster, der vor expressionistischer Lichtstimmung zu Boden sinkt und sich eingestehen muss: „I'm not so tough“. (The Public Enemy, 1931). Oder Ruth Donnelly als Queen of the Bitches, die ihre Zeit nicht mit Nächstenliebe verschwendet, wenn es doch einen reichen Schwiegersohn zu finden gibt (Hard to Handle, 1933). Aufschlussreich war die Retrospektive auch, weil durch die geballte Programmierung Details sichtbar wurden, die ansonsten unbeachtet geblieben wären. Zum Beispiel Sterling Holloway mit seiner schlacksigen Figur und dem verdutzten Gesichtsausdruck, der in vielen Filmen der Gebrüder Warner häufig nur für ein paar Sekunden zu sehen ist, dabei aber immer für einen Lacher gut ist. Das Internet verrät, dass sich Holloway später sogar noch zu einem erfolgreichen Schauspieler und Synchronsprecher gemausert hat.

„Are you a fucking psychic?“

Pasolini 01

Wien, Gartenbaukino. Abel Ferrara betritt nach der Vorführung seines neuen Films Pasolini die Bühne des Gartenbaukinos, um sich den Fragen der Zuschauer zu stellen. Eigentlich bleibe ich auf Festivals nur sehr selten bei Publikumsgesprächen sitzen. Oft muss man schon wieder los zum nächsten Film, hat gerade keinen Kopf für eine Diskussion oder will sich einfach nicht fremdschämen, wenn die Chemie zwischen Regisseur und Publikum mal wieder nicht stimmt. (Erst kürzlich wurde ich aber eines Besseren belehrt, als Peter Kern, auf den bei öffentlichen Auftritten ohnehin fast immer Verlass ist, derart mit einer Zuschauerin aneinandergerumpelt ist, dass diese wutschnaubend den Saal verlassen hat.) Doch Ferraras Wiener Performance ist fast besser als sein neuer Film. Der New Yorker Regisseur mit ausgeprägtem Hang zum F-Word in all seinen Variationen wirkt zunächst gut aufgelegt. Die verlegene Moderatorin fordert er auf, ihre Notizen wegzuwerfen und einfach mal zu fragen, was sie wirklich bewegt. Dann wendet er sich ans Publikum, will Feedback zu seinem Film hören, gerne auch Kritik – zumindest behauptet er das noch. Gleich die erste Frage trifft ins Schwarze: Es handelt sich um eine kritische Anmerkung, dass der Regisseur Pasolinis Mord als homophobe Tat zeigt und nicht auf die weit verbreitete Theorie eingeht, dass Pino Pelosi im Auftrag gehandelt hat. Und schon ist es vorbei mit der Ruhe. Ferrara tobt und wütet, schreit der Fragestellerin während seines fast zehnminütigen Monologs immer wieder Sätze wie „Conspirary theories are for children!“ und „Are you a fucking psychic?“ entgegen. Kein Wunder, dass sich danach nur noch devote Fragesteller zu Wort melden.

Eine Sehnsucht nach alten Pornokinos

Brothers

Berlin, Wohnzimmer. Für ein Buchprojekt über das Goldene Zeitalter des amerikanischen Schwulenpornos sichte ich gerade viel Material aus dieser Zeit. Regisseure wie Fred Halsted, Jack Deveau oder Wakefield Poole sollte ohnehin jeder kennen, zumindest in einer besseren Welt. Aber auch in vielen anderen Filmen trifft man im besten Fall auf ungebrochenen Einfallsreichtum, einzigartige dokumentarische Aufnahmen und wahnwitzige Soundcollagen. Die Sexszenen geraten leider auch bei den besten Filmemachern häufig zu lang und schematisch, aber das ist halt das Genre. Das Schöne an dieser Ära ist, dass der Sex oft noch etwas Spielerisches und Leidenschaftliches hat, etwas, dass ich in den durchprofessionalisierten Produktionen der nachfolgenden Jahrzehnte schmerzlich vermisse. Am Aufregendsten ist es aber häufig, wenn der Sex nicht mehr im Vordergrund steht oder zumindest nicht mehr in erster Linie aufgeilen soll. Einer der seltsamsten Filme während meiner Sichtung war Jason Satos Brothers, ein unheimlich tristes Drama über die nicht nur platonische Zuneigung eines Mannes zu seinem kleinen Bruder, der wie 12 aussieht und gerade frisch traumatisiert aus dem Vietnam-Krieg zurückgekommen ist. Ein zutiefst verstörender Porno, in dem Themen wie Inzest, Militär und SM ausnahmsweise nicht (nur) Fetisch sind, sondern auch Teil einer bitteren Realität.

A Night at the Adonis 1

Während ich allein an meinem Laptop sitze und mir verwaschene VHS-Rips anschaue, versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl damals in einem Pornokino war (einige Filme geben Aufschluss darüber). Um es herauszufinden, bin ich leider zu spät geboren. Ich war einmal in Hamburg in einem sogenannten Sexkino, aber das waren eigentlich nur abschließbare Kabinen, die teilweise per Glory Holes für den Publikumsverkehr geöffnet waren. Über verkrustete Bildschirme flackerte dazu alles, was an den Neunzigern schrecklich war. Das hatte trotz schlechter Vorraussetzungen schon etwas Prickelndes, aber meine Sehnsucht richtet sich eher auf einen nostalgisch verklärten Ort, einen Kinosaal als sozialem Schmelztiegel, in dem eine verkratzte 16mm-Kopie läuft. Im Halbdunkel schlafen dazu einige Besucher auf den arg mitgenommenen Sesseln, andere wichsen, rauchen oder cruisen auf den Toiletten. Und wenn dann noch so ein Downer wie Brothers gezeigt würde, wäre das der Hauptgewinn. Das Kino ist eben nicht nur ein Ort zum Träumen, sondern mittlerweile auch ein Ort, von dem man sehr gut träumen kann.

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