Visiones Latinas und Fokus Fernost

Notizen vom Filmfest München 2010 - Teil 4

Filme aus Chile, Thailand und Südkorea in München.

Navidad

Ein abgelegenes Haus in der Natur als Zufluchtsort aus dem urbanen Alltag und hermetisch abgeriegelte Parallelwelt. In der lateinamerikanischen Reihe Visiones Latinas bediente sich neben dem überkonstruierten Todos Mienten mit Navidad noch ein weiterer Film eines solchen Schauplatzes. Der chilenische Regisseur Sebastian Lelio (La Sagrada Familia) erzählt darin von drei Jugendlichen, die sich am Weihnachtsabend in einem verlassenen Haus verschanzen. Oberflächlich betrachtet, passiert nicht viel: Man hört Platten, streitet sich, tanzt, kifft und hat Sex. In größtenteils improvisierten Szenen ergeben sich die Ereignisse organisch auseinander, ohne wie Funktionsteile einer Gesamtdramaturgie – die es sehr wohl gibt – zu wirken. Obwohl die Figuren komplex gezeichnet sind, kämpfen sie teilweise mit stereotypen Problemen, die sich auch in einer beliebigen Vorabendserie finden. Am stärksten ist Navidad dagegen in seinen scheinbar bedeutungslosesten Momenten, wenn die Jugendlichen isoliert von der Außenwelt als eine alternative Heilige Familie ihre Utopie leben.

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Apichatpong Weerasethakuls in Cannes mit der Goldenen Palme prämierter Uncle Boonmee who can recall his past lives spielt ebenfall, zumindest in seiner ersten Hälfte, in einem abgeschiedenen Haus. Der schwer kranke Bonmee wird dort von seiner Schwester und ihrem Sohn besucht und buchstäblich mit den Geistern seiner Vergangenheit konfrontiert. Im Gegensatz zu Navidad ist die Natur bei Weerasethakul nicht nur Hintergrundkulisse, sondern elementarer Bestandteil des Films. Die Kamera schweift immer wieder zu Bäumen ab, die sich im Wind wiegen, das Zirpen der Grillen wird gezielt als Soundeffekt auf der komplex gestalteten Tonspur verwendet. So wie sich unterschiedliche Klangschichten überlagern, lassen sich auch inhaltlich keine klaren Grenzen zwischen verschiedenen Erzählebenen ziehen. Alles wird hier eins. Die Gegenwart verschmilzt wie selbstverständlich mit der Vergangenheit und die reale Welt – in der Bonmee etwa von seiner Kriegsverletzung erzählt – mit einer mystischen, von sprechenden Fischen bevölkerten Fabelwelt. Die bereits verstorbene Ehefrau und der als zotteliges Affenwesen verkörperte Sohn sitzen mit den Lebenden am Essenstisch und führen klärende Gespräche. Am Ende treten Mutter und Sohn wie Geister aus ihren Körpern um sich in einer Karaokebar zu amüsieren.

Mundane History

Auf den ersten Blick scheint die thailändische Regisseurin Anocha Suwichakornpong mit ihrem Debütfilm Mundane History, in dem es ein gehbehinderter Junge seinem neuen Pfleger schwer macht, auf ähnlichen Pfaden zu wandeln wie ihr prominenter Kollege: Auch ihr Film spielt in einem Haus in der Natur, besitzt eine mystische Komponente und arbeitet mit Stilmitteln des experimentellen Films. Anders als bei Weerasethakul zeigt sich Suwichakornpong jedoch weniger an einer atmosphärischen Erzählweise interessiert, als an klassischer Narration. Sie konzentriert sich zunächst vor allem auf das zunehmend freundschaftliche Verhältnis zwischen Pfleger und Junge. Mit der Zeit wird dann aber auch diese konventionelle Erzählstruktur aufgebrochen. Erst gibt es einen Film-im-Film, dann eine längere mit Psychedelic Rock unterlegte Sequenz in einem Planetarium, bevor sich Mundane History im letzten Drittel schließlich ganz von jeglichen erzählerischen Beschränkungen befreit. Die verschiedenen Ebenen des Films verbindet Suwichakornpong souverän und will doch manchmal zuviel. Ein durch Ausschnitte von Demonstrationen provozierter aktueller politischer Bezug bleibt etwa ein Fremdkörper.

Like You Know It All

Neben diesen beiden eher experimentellen Arbeiten aus Thailand, bemühte man sich in der Reihe Fokus Fernost ansonsten um stilistische Vielfalt. Die dreizehn weiteren Filme bewegten sich vor allem zwischen mehr oder weniger geglücktem Genrekino (Accident, Possessed) und zumindest auf internationalen Festivals renommierten Autorenfilmen (Zhang Ke Jia, Brillante Mendoza, Masahiro Kobayashi). Zu letztgenannter Kategorie zählt auch der Südkoreaner Sang Soo Hong, der sich in Like You Know it All einem Regisseur widmet, der aus Mangel an sozialem Feingefühl von einem Fettnäpfchen zum nächsten stolpert. Hongs Filme sind immer ein wenig zu lang und geschwätzig, gleichzeitig verfügt er aber über einen einzigartigen Inszenierungsstil. Eine lineare Handlung findet sich hier selten, stattdessen folgt der Film mit den charakteristischen Zooms seinen Figuren, wie sie sich um Kopf und Kragen reden. Hongs Spezialität ist dabei jener Augenblick in einem scheinbar netten, meist unter erheblichen Alkoholeinfluss geführten Gespräch, an dem die Stimmung plötzlich umkippt. Mit seiner genauen, sezierenden Beobachtungsgabe befriedigt er in Like you know it All die Schadenfreude des Zuschauers und ist dabei streckenweise wahnsinnig komisch, ohne Pointen hinterher zu jagen.

Südkorea wird seit längerem als eines der spannendsten Filmländer gehandelt. Allein in München kam die Hälfte der Filme aus der Reihe Fokus Fernost aus Südkorea. Letztlich waren es aber wieder nur die bereits etablierten Namen – neben Sang Soo Hong noch Joon-ho Bong (Mother) –, von denen es Relevantes zu sehen gab.

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