Vierter

Der fußballinteressierte Berliner Regisseur Christian Petzold, mit dem wir im vergangenen Sommer ein ausführliches Interview über seinen aktuellen Film Gespenster und sein Gesamtwerk geführt haben, hat einigen film- und sportbegeisterten Autoren für ein spannendes Gespräch über Fußball, Film und Fernsehen zur Verfügung gestanden. Das Interview, Zeichnungen, Fotografien und Kurzgeschichten finden sich in dem Sammelband Vierter.

Wer je mit sportfanatisierten älteren Generationen der eigenen Familie zu tun hatte, kann sich gut in Noe Noacks Kurzgeschichte „Mein Vater, Fred Perry und ich“ einfühlen. Virtuos fügt der Autor Familienchronik, Tennishistorie und Fashiondiskurse in diesem Generationenkonflikt der belebenden Art zusammen. Die Miniaturfamiliensaga ist der einladende Auftakt einer Kompilation persönlicher und ungewöhnlicher Sportgeschichten, die sich fernab von olympischen Stadien und Podestplätzen abspielen. Sport ist dabei immer ein Indikator für gesellschaftliche, soziale und persönliche Befindlichkeiten. Seismographisch erzählen die persönlichen sportlichen Helden viel über die Welt und Zeit, in der wir leben. In diesem Kontext ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder von Musik und auch von Film die Rede ist.

Im Zentrum von Vierter steht ein Interview mit Regisseur und Stürmer Christian Petzold. Der weiß in seiner klaren Sprache eindringliche und überzeugende Vergleiche zwischen Film- und Fernsehaufnahmen, zwischen alten und frühen Sportberichterstattungen zu ziehen. Seine Genese ist, wie bei so vielen von uns, eine Entwicklungsgeschichte des Kickens und Fußballschauens.

Seit roten Schumizeiten ist auch das Bild der in Parcours, die doch nur aufgemotzte Kreise und Ovalen bleiben, rasenden Blechomobile auch in Deutschland wieder wohnzimmerkompatibel. Doch mit den rennenden Kisten hat sich, viel mehr, suggestiver und letztlich erfolgreicher, als beim Fußball (Das Wunder von Bern sei hier in seiner rein nationalverkitschten Bedeutung verschwiegen), das große Kino schon vor langer Zeit abendfüllend auseinandergesetzt. In den späten Sechziger und frühen Siebziger Jahren gab es einen regelrechten Rennfahrfilm-Boom in Hollywood, dem Ikonen wie Paul Newman, Steve McQueen und Al Pacino Ausdruck verliehen. Reto Baumann analysiert diese Epoche und ihre wirkungsmächtigsten Exponate in „Mechanische Leidenschaften – Der Autorennsport im Film“. Beinahe zu kurz kommt einem sein dreiseitiger Aufsatz vor und man wünscht sich eine Langfassung, am besten ergänzt mit einer Abhandlung über die aufregendsten Autoverfolgungsjagden und einen Hinweis auf den Insidertip C’etait un rendezvous (1976), Claude Lelouchs ultimativen Underground-Beitrag zum Thema Kamera und Schnelligkeit.

Vierter endet mit der Studie zweier Boxer, in einem von ihnen erkennen wir den jungen Nelson Mandela. Dieses Bild regt an, zur Kontemplation über Bewegung, Einstellung(en) und die Produktion von Ikonografien. So hat das Ende dieses Bandes ein öffnendes Moment und verweist wieder auf die Gemeinsamkeiten der zwei bestimmenden Gesellschaftsphänomene Sport und Film.

Vierter - Sportbuch (hrsg. von Henning Harnisch, Oliver Kleinschmidt, Valerie Trebeljahr und Julian Weber) ist 2005 im ID Verlag erschienen

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